Der Adler ueber den Felsen

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Der Adler ueber den Felsen 
Gedicht und literarische Analyse

Daniil Lazko

Tuapse · 23. Oktober 2026

Der Adler ueber den Felsen 

Noch liegt das Tal in Daemmerschichten, 
Den Felsgrat schon erreicht der Tag; 
Da loest sich aus den dunklen Fichten 
Der Adler ohne Fluegelschlag 
Und legt sich auf die Luft, die leis 
Am Hange steigt, in weitem Kreis.

Und drueben haelt der Nachbarhuegel 
Die Burg, die ohne Daecher steht: 
Ein Turm, ein Tor mit leerem Fluegel, 
Wo nur der Wind der Fruehe geht; 
Und tief der Strom; an seinem Lauf 
Hoert fast ein alter Weg schon auf.

Hier haben Haende Stein gebrochen 
Und Stein auf Stein zur Wand gefuegt, 
Hier ward gewacht, geliebt, gesprochen 
Und manches Recht zu hart verfuegt; 
Die Eiche wurzelt nun im Saal, 
Und Moos verwischt der Jahre Zahl.

Am Weg ein Stein, ins Gras gesunken, 
Darauf zwei Wappen, Rand an Rand; 
Ein Lied, das leise glomm wie Funken, 
Sprang doch von Herd zu Herd durchs Land; 
Am Tor ein Spruch, der Recht versprach, 
Verblich; sein Wort lag lange brach.

Verlischt die Schrift, die Vaeter schrieben, 
Zerfaellt das Tor, versinkt der Stein, 
Wird dann ihr Lieben auch zerrieben, 
Und muss ihr Hoffen Asche sein? 
Der Adler kreist; ihm gilt kein Wort, 
Der Strom zieht unten schweigend fort.

Doch sieh: der Strom hat nichts behalten 
Und nichts verloren, was er trug; 
Was Regen loest aus Mauerspalten, 
Das fuehrt er hin zu Saat und Pflug. 
Der Fels verharrt; die Eiche treibt 
Aus altem Laub; und manches bleibt.

Vom Dorfe steigt ein fernes Klingen 
Durch Laub und Fels zur Burg empor; 
Ein Alter loest vom Pfad die Schlingen 
Der Ranken, wie sein Ahn zuvor. 
Er haelt den Weg fuer andre frei 
Und fragt nicht, wem er eigen sei.

Er gleitet fort zu jenen Graten, 
Die ferner stehn im blauen Raum; 
Der Tag liegt nun im Tal auf Saaten 
Und auf der Mauer, auf dem Baum. 
Sein Kreis wird weit; er schliesst sich nicht. 
Und unten traegt der Strom das Licht.

Daniil Lazko 
Tuapse, 23. Oktober 2026

Literarische Analyse

I. Gegenstand und Anlage 
Das Gedicht Der Adler ueber den Felsen verbindet Natur- und Geschichtslyrik im Geist der deutschen Romantik. Ein Adler loest sich im ersten Morgenlicht aus dem Fichtenwald und steigt ueber ein tief eingeschnittenes Flusstal mit einer dachlosen Burg auf der Nachbarhoehe, einem fast verschwundenen Weg, einem Stein mit zwei Wappen und einem Dorf. Aus dem Flug erw;chst eine Betrachtung darueber, was von einer geschichtlichen Ordnung bleibt, wenn ihre Zeichen verwittern. 
Den historischen Horizont bildet die Zeit zwischen dem Wiener Kongress und der Revolution von 1848, die Epoche des Deutschen Bundes, der Restauration und des Vorm;rz. Diese Zeit wird nicht erzaehlt, sondern in Dinge gelegt: in zwei Wappen auf einem Stein, in eine verblichene Inschrift, in ein Lied, das von Herd zu Herd springt. Kein Ort, keine Burg und kein Fluss wird beim Namen genannt; die Landschaft ist exemplarisch, nicht topographisch.

II. Form und Vers 
Das Gedicht umfasst acht sechszeilige Strophen mit insgesamt 48 Versen im vierhebigen Jambus. Jede Strophe folgt dem Schema ABABCC: Ein Kreuzreim oeffnet sie, ein Paarreim schliesst sie. Die Kadenzen sind fest verteilt. Die A-Verse enden weiblich und zaehlen neun Silben, die B- und C-Verse enden maennlich und zaehlen acht. So wechselt der Kreuzreim zwischen klingendem (weiblichem) und stumpfem (maennlichem) Versausgang, waehrend das Reimpaar mit zwei maennlichen Schluesse jede Strophe sicher aufsetzt. 
Der Paarreim, der in dieser Strophenform leicht zur Sentenz verleitet, dient fast durchweg als Bildschluss:

Die Eiche wurzelt nun im Saal, 
Und Moos verwischt der Jahre Zahl.

Nur am Ende der sechsten Strophe naehrt er sich einem Satz von allgemeiner Geltung, und gerade dort bleibt die Aussage bewusst untertrieben: und manches bleibt. 
Alle Reime sind rein, und kein Reimwort kehrt wieder. Viele Reimpaare tragen selbst einen Gedanken: gebrochen – gesprochen verbindet Stein und Wort, versprach – brach Verheissung und Brache, schrieben – zerrieben Schrift und Staub, frei – sei die Freiheit mit der Frage nach dem Besitz, nicht – Licht den offenen Kreis mit dem letzten Bild. Ein einziges Mal setzt der Gleichklang schon mit dem Anlaut der Reimsilbe ein: gefuegt – verfuegt. Dieser ruehrende Reim ist Sinnfigur. Derselbe Stamm fuegen traegt das Bauen der Mauer (gefuegt) und, im Praefixverb verfuegen, das Verordnen der Herrschaft; Werk und Macht sind aus demselben Stoff. 
Eine Auszaehlung, die jede Hebung danach beurteilt, ob ihre Silbe im natuerlichen Satzvortrag einen Akzent tragen kann, ergibt 182 solcher Hebungen von 192. Die uebrigen zehn liegen auf schwachen Funktionswoertern wie aus, auf oder wie; schwach besetzte Hebungen dieser Art gehoeren zum gewoehnlichen Gebrauch des deutschen Jambus. In der Anapher Und auf der Mauer, auf dem Baum wird die Betonung der Praeposition selbst zum Ausdruck: Das Licht legt sich Ding fuer Ding auf die Welt. 
Der Satzbau folgt dem Flug. Die erste Strophe besteht aus einem einzigen Satz, der sich ueber sechs Verse spannt und mit dem Zeilensprung die leis / Am Hange steigt das Gleiten in der aufsteigenden Luft nachbildet. Kurze Hauptsaetze stehen dort, wo das Gedicht inhaelt, etwa Der Fels verharrt und Sein Kreis wird weit.

III. Komposition 
Die acht Strophen bilden vier Paare. Die erste und zweite Strophe sind reine Anschauung: der aufsteigende Adler, die Burg, der Strom, der Weg. Die dritte und vierte oeffnen die Tiefe der Geschichte, zuerst als menschliche Arbeit und Herrschaft, dann als politische Teilung und heimliche Hoffnung. Die fuenfte und sechste enthalten Frage und Antwort: Ob mit Schrift, Tor und Stein auch Liebe und Hoffnung vergehen, wird nicht durch einen Lehrsatz beantwortet, sondern durch die Wendung Doch sieh:, die den Blick auf die Verwandlung der Dinge lenkt. Die siebte und achte Strophe kehren in die Gegenwart der Lebenden zurueck und oeffnen das Bild in die Zukunft. 
Drei Linien halten diesen Bau zusammen. Die erste ist der Kreis: in weitem Kreis in der ersten Strophe, Der Adler kreist in der fuenften, Sein Kreis wird weit; er schliesst sich nicht in der achten. Das Motiv steht am Anfang, in der Mitte und am Ende und rahmt damit das Gedicht. Doch das letzte Bild spricht von einem Kreis, der sich nicht schliesst. Die Form schliesst, das Bild oeffnet. 
Die zweite Linie ist der Tag. In der ersten Strophe erreicht er nur den Felsgrat, waehrend das Tal noch in Daemmerung liegt; in der letzten liegt er im Tal auf Saaten / Und auf der Mauer, auf dem Baum. Das Licht sinkt von der Hoehe in die Tiefe, so wie der Gedanke von der Hoehe des Blicks zur Naehe der Lebenden hinabfuehrt. Zukunft, Vergangenheit und Dauer – die Saat, die Mauer, der Baum – liegen am Ende im selben Licht. 
Die dritte Linie ist der Strom. Seine Verben zeichnen den Gang des Gedichts nach. In der zweiten Strophe liegt er nur tief; in der fuenften zieht er unten schweigend fort und scheint gleichgueltig; in der sechsten hat er nichts behalten / Und nichts verloren; in der letzten traegt er das Licht. Vom blossen Vergehen fuehrt die Reihe ueber die Verwandlung zur Weitergabe. 
Bezeichnend ist die Verteilung der Rollen. Der Adler ueberblickt das Tal, doch die Einsicht gehoert nicht ihm: ihm gilt kein Wort. Die Wendung vollzieht die Sprechinstanz des Gedichts, ein lyrisches Ich, das sich nie ausdruecklich nennt und sich mit Doch sieh: an sich selbst und an den Leser richtet. Die Hoehe eroeffnet den Blick; deuten muessen die Menschen.

IV. Bildsysteme und Leitmotive

Stein, Schrift und Staub 
Hier haben Haende Stein gebrochen / Und Stein auf Stein zur Wand gefuegt – am Anfang der menschlichen Geschichte im Tal steht der Stein, der dem Fels entnommen wird. Er kehrt wieder als Wappenstein am Weg, ins Gras gesunken, als versinkender Stein der fuenften Strophe und als Traeger der Schrift, die verlischt. Die Frage Wird dann ihr Lieben auch zerrieben nimmt dieses Material auf, denn zerrieben wird Gestein. Die Antwort der sechsten Strophe bleibt im selben Stoff:

Was Regen loest aus Mauerspalten, 
Das fuehrt er hin zu Saat und Pflug.

Was als Baustein aus dem Fels gebrochen wurde, kehrt zerrieben und vom Strom getragen zu den Feldern zurueck. Frage und Antwort sind nicht nur gedanklich, sondern stofflich verbunden.

Glut und Herd 
Die vierte Strophe eroeffnet eine Feuerreihe. Ein Lied glomm wie Funken und sprang doch von Herd zu Herd durchs Land. Das Bild ruht auf der Redewendung vom ueberspringenden Funken, und der Herd steht fuer Haus und Familie. Die Reihe setzt sich in der Frage fort, ob die Hoffnung Asche sein muesse, und in der Schrift, die verlischt. Den Wappen, die sich als Zeichen der Teilung lesen lassen, steht so das Lied gegenueber, das es verbindet – nicht durch Herrschaft, sondern durch die Haeuser der Menschen.

Brache und Saat 
Am Tor ein Spruch, der Recht versprach, 
Verblich; sein Wort lag lange brach. 
Das Wort brach traegt das Zentrum der politischen Strophe. Grammatisch heisst es, das Wort des Spruches habe brachgelegen wie ein Acker, der unbestellt ruht. Klanglich schwingt das Praeteritum von brechen mit, das gebrochene Wort. Beides gilt zugleich: Das Versprechen ist nicht eingeloest und doch nicht verloren. Die Brache weist voraus auf Saat und Pflug in der sechsten und auf die Saaten in der achten Strophe. Die politische Hoffnung wird damit in die Zeit des Ackerbaus uebertragen, die das Warten kennt.

Weg und Pfad 
In der zweiten Strophe hoert fast ein alter Weg schon auf. In der siebten loest ein alter Mann vom Pfad die Schlingen / Der Ranken, wie sein Ahn zuvor, und haelt den Weg fuer andre frei. Der Wendepunkt des Gedichts erscheint so in der Sprache der Arbeit: Was zu verschwinden drohte, bleibt, weil jemand es pflegt. Dass der Mann nicht fragt, wem er eigen sei, macht aus der Pflege einen Dienst und keinen Anspruch.

Fluegel, Eiche und Licht 
Das Wort Fluegel verbindet die ersten beiden Strophen. Der Adler steigt ohne Fluegelschlag, das Burgtor steht mit leerem Fluegel: Nichts schliesst mehr, die Oeffnung bleibt. Muehelose lebendige Bewegung steht gegen eine Form, aus der das Leben gewichen ist. Die Eiche wurzelt nun im Saal und treibt / Aus altem Laub: Das Wachstum nimmt den menschlichen Raum ein und lebt aus dem, was gefallen ist. Dass der Saal kein Dach mehr hat, sagt schon die zweite Strophe – die Burg steht ohne Daecher –, und so stuetzen sich die Bilder gegenseitig. Das Licht schliesslich wandert vom Felsgrat bis in den letzten Vers, wo es mehr ist als Beleuchtung: Und unten traegt der Strom das Licht.

V. Stilistische Bezugspunkte 
Das Gedicht ahmt keinen einzelnen Dichter nach und uebernimmt weder Verse noch kennzeichnende Wendungen. Es greift allgemeine Eigenschaften der deutschen Lyrik zwischen Romantik und Vorm;rz auf und verschmilzt sie zu einer Stimme. Die folgenden Namen bezeichnen Bezugspunkte und typologische Verwandtschaften, keine Vorlagen und keinen Nachweis direkter Einfluesse. Tragend sind Eichendorff und Uhland; Novalis und Moerike vertiefen die geistige und die sinnliche Dimension; Hoelderlin und Droste-Huelshoff geben Ernst und Bodenhaftung; Rueckert und Platen stehen fuer die Disziplin der Form.

Joseph von Eichendorff. An ihn erinnert die tragende Bewegung: die wandernde Perspektive vom Fels ueber Burg und Strom bis ins Dorf, das Wechselspiel von Hoehe und Tiefe, Naehe und Ferne, das Morgenlicht als Raum der Seele. Eichendorff verwandt ist vor allem der Klang, der aus der Landschaft aufsteigt: Vom Dorfe steigt ein fernes Klingen. Die Glocke wird nicht genannt; das Geistliche bleibt Andeutung.

Ludwig Uhland. Mit Uhland teilt das Gedicht die geschichtliche Wuerde und den ruhigen, erzaehlenden Ton der dritten Strophe. Die Burg ist ein Ort menschlicher Arbeit, nicht Kulisse fuer Ritter. Im wuerttembergischen Verfassungsstreit nach 1815 trat Uhland mit seinen Vaterlaendischen Gedichten fuer das „alte, gute Recht“ der Landstaende ein; das Wort Recht, das im Gedicht zweimal an zentraler Stelle steht, laesst sich in diese Linie stellen. Zugleich zeigt manches Recht zu hart verfuegt die andere Seite: Recht als Herrschaft, erinnert ohne Anklage, aber auch ohne Verklaerung.

Novalis. An Novalis erinnert die Erfahrung, dass sichtbare Natur in eine geistige Wirklichkeit fuehrt, ohne aufzuhoeren, sichtbar zu sein. Das Licht, das der Strom im letzten Vers traegt, ist Widerschein auf dem Wasser und zugleich Bild einer Ueberlieferung, die nur in der Bewegung besteht. Das Geheimnis entsteht aus dem Gegenstand selbst, nicht aus kuenstlicher Dunkelheit.

Eduard Moerike. Eine Genauigkeit, wie man sie von Moerike kennt, zeigt sich in den kleinen, beobachteten Dingen: im Adler, der ohne Fluegelschlag aus dem Wald gleitet; in der Luft, die leis / Am Hange steigt – dem Hangaufwind, den grosse Greifvoegel tatsaechlich zum Segeln nutzen; im Moos, das der Jahre Zahl verwischt, die eingemeisselte Jahreszahl ebenso wie die Summe der Jahre; in den Schlingen der Ranken. Kein Symbol verdraengt die Wahrnehmung.

Friedrich Hoelderlin. Hoelderlin ist als geistige Hoehenlage gegenwaertig. Der Strom gewinnt jene fast sakrale Bedeutung, die Hoelderlins Stromdichtungen wie Der Rhein und Der Ister den Fluesse geben, ohne dass er angerufen oder benannt wird. Die Wendung Doch sieh: hat hymnischen Gestus; Vaeter und Ahn stellen die Kette der Generationen in einen weiten Zeitraum; die fernen Grate, die im blauen Raum stehen, gehoeren zu seiner Bildwelt. Auch die Gedankenbewegung von der Klage ueber die Frage zur Wendung erinnert an Hoelderlins Verfahren, freilich in einer liedhaften Strophe, die sich vom freien Rhythmus der spaeten Hymnen bewusst unterscheidet.

Annette von Droste-Huelshoff. Mit ihr verbindet das Gedicht eine unverklehrte Naturwahrnehmung, die der Erhebung Bodenhaftung gibt. Wie in ihren Landschaftsgedichten, etwa Die Mergelgrube, wird die lange Zeit der Erde selbst sichtbar: Die Natur bewahrt nicht das Werk, sondern seinen Stoff. Der Fels verharrt, der Mauerstaub gelangt zu den Aeckern. Darin liegt eine nuechterne Form des Trostes.

Clemens Brentano und Achim von Arnim. Ihre Sammlung Des Knaben Wunderhorn (1805–1808) beruht auf der Vorstellung, dass Lieder durch Weitergabe leben. Das Lied der vierten Strophe, das von Herd zu Herd springt, laesst sich als Bild dieses Gedankens lesen. Das Volkstuemliche bleibt Andeutung; es entsteht weder Sage noch Maerchenhandlung.

Friedrich Rueckert und August von Platen. Sie stehen fuer die Disziplin der Form. Jede Strophe ist eine geschlossene Einheit, jeder Reim ist rein, kein Reimwort wiederholt sich. Die Strenge soll sich nicht ausstellen, sondern die Bewegung des Gedichts tragen.

Johann Wolfgang von Goethe. An Goethe erinnert das Gleichgewicht zwischen Einzelbild und allgemeiner Bedeutung. Und manches bleibt ist ein Strophenschluss von klassischer Zurueckhaltung: weder Triumph noch Klage, sondern eine Feststellung, die das Gewicht des Ganzen traegt.

VI. Nationalromantik im Gedicht

Der historische Horizont 
Der Deutsche Bund von 1815 war ein Staatenbund souveraener Fuersten und freier Staedte mit je nach Zaehlweise zunaechst 39, kurz darauf 41 Gliedern. Die Deutsche Bundesakte bestimmte in Artikel 13: „In allen Bundesstaaten wird eine Landstaendische Verfassung stattfinden.“ Eine Frist nannte sie nicht, und der Umfang der Rechte blieb offen. Die Karlsbader Beschluesse von 1819 brachten Pressezensur und die Ueberwachung der Universitaeten. Das Hambacher Fest von 1832 gab dem Ruf nach Freiheit und Einheit eine Massenoeffentlichkeit; der Zollverein verband seit 1834 einen grossen Teil der Bundesstaaten wirtschaftlich – Oesterreich blieb ihm fern –, ohne sie politisch zu einen. 1848 muendete diese Spannung in die Revolution. 
Das Gedicht uebersetzt diese Lage in Dinge. Die zwei Wappen, Rand an Rand auf einem Stein am Weg lassen an einen Grenzstein denken; seine genaue Funktion legt das Gedicht nicht fest. In dieser Lesart verdichten sie die territoriale Zersplitterung zu einem einzigen Gegenstand. Das Lied, das leise glomm und dennoch von Herd zu Herd sprang, laesst sich als Bild der Kultur unter der Zensur lesen, die im Privaten weitergegeben wird. Der Spruch, der Recht versprach, und das Wort, das lange brach lag, erinnern an das uneingeloeste Verfassungsversprechen. Kein Datum, kein Name, kein Programm wird genannt.

Kulturnation statt Staatsnation 
Friedrich Meinecke unterschied 1908 in Weltbuergertum und Nationalstaat die Kulturnation, die vornehmlich auf gemeinsam erlebtem Kulturbesitz wie Sprache, Literatur und Religion beruht, von der Staatsnation, die vornehmlich auf eine gemeinsame politische Geschichte und Verfassung gruendet. Die Nationalromantik dieses Gedichts gehoert vor allem dem Gedanken der Kulturnation an. Das Wort deutsch kommt im Text nicht vor, ebenso wenig Vaterland, Volk oder Heimat. Dass sich die Lesart auf den deutschen Raum bezieht, ergibt sich aus Bildwelt und historischem Horizont, nicht aus einer Nennung im Text. Erkennbar wird das Land allein an seiner Gestalt: an der Burg ueber dem Strom, an Fichtenhang und Eiche, an einem Dorf, aus dem ein Klingen aufsteigt, an einem Lied, das sich in den Haeusern erhaelt. Die Gemeinschaft entsteht nicht durch Herrschaft, sondern durch Weitergabe.

Was das Gedicht bewusst vermeidet 
Vor dem Hintergrund der politischen Lyrik der Epoche wird deutlich, was fehlt. Ernst Moritz Arndts Lied Des Deutschen Vaterland (1813) bestimmt das Vaterland ueber den Raum der Sprache und verbindet es mit Feindschaft gegen Frankreich. Die Lieder der Rheinkrise von 1840, Nikolaus Beckers Rheinlied und Max Schneckenburgers Die Wacht am Rhein, machen den Strom zur umkaempften Grenze. Der Strom dieses Gedichts bleibt dagegen namenlos und ist keine Grenze: Er traegt den Staub der Mauern zu den Feldern und das Licht durch das Tal. Es gibt keinen Feind und keinen Krieg, keine Reichssage und keine Fahnenfarben.

Der Adler zwischen Naturbild und Herrschaftszeichen 
Am deutlichsten zeigt sich die Haltung des Gedichts am Adler selbst. In der deutschen Heraldik war der Adler das Zeichen von Reich und Herrschaft, vom Reichsadler bis zu den Adlern Preussens und Oesterreichs. Das Gedicht weist den Adler nicht als Wappentier aus, und was die Wappen auf dem Stein zeigen, sagt es nicht. Vor diesem geschichtlichen Hintergrund steht jedoch die lebendige Bewegung des Tieres den verwitterten Wappen gegenueber, ohne dass das Gedicht beide Zeichen gleichsetzt. Die Wappen liegen ins Gras gesunken; der Adler zieht darueber hinweg, und ihm gilt kein Wort. Er liest keine Inschriften, er urteilt nicht, er beansprucht nichts. Darin laesst sich die eigentliche nationalromantische Geste des Gedichts sehen: Die Freiheit des Blicks wird vom Besitz der Zeichen geloest.

Liebe zum Land als Verantwortung 
Die taetige Gestalt dieser Haltung ist der alte Mann der siebten Strophe. Von seinem Ahn erbt er weder Blut noch Anspruch, sondern eine Gebaerde: das Freihalten des Weges. Er haelt ihn fuer andre frei / Und fragt nicht, wem er eigen sei. Die Liebe zum Land erscheint als Sorge, nicht als Besitz, und Freiheit als etwas, das man anderen offenhaelt. 
So laesst sich die Nationalromantik des Gedichts als verhaltene, humanistische Romantik der Kulturnation beschreiben: patriotisch in ihrer Bindung an Landschaft, Sprache und Gedaechtnis, offen gegenueber jedem, der den Weg geht.

VII. Sinn des Gedichts 
Die Leitfrage steht in der fuenften Strophe. Wenn die Schrift der Vaeter verlischt, das Tor zerfaellt und der Stein versinkt – wird dann auch zerrieben, was sie liebten, und muss ihr Hoffen Asche sein? Das Gedicht antwortet nicht mit einem Lehrsatz, sondern mit drei Formen der Dauer. 
Die erste ist die Verwandlung des Stoffes. Der Strom hat nichts behalten / Und nichts verloren: Er bewahrt keine Gestalt, doch er laesst nichts verschwinden, und der Staub der Burg gelangt zu den Feldern. Die zweite ist das Wachstum. Der Fels verharrt, die Eiche treibt aus altem Laub, das Leben naehrt sich aus dem Gefallenen. Die dritte ist die menschliche Gebaerde. Der alte Mann tut, was sein Ahn tat, und haelt den Weg fuer Menschen frei, die er nicht kennt. Was bleibt, ist demnach weder die Ruine noch die Herrschaft, sondern das, was weitergegeben wird. 
Daraus folgt eine besondere Gestalt der Hoffnung. Sie ist keine Gewissheit, sondern die stille Feststellung und manches bleibt. Das Rechtsversprechen liegt brach, nicht tot; die Saat ist schon im Tal. Der offene Kreis des Adlers laesst die Zukunft unentschieden, aber moeglich. Der letzte Vers fasst den Sinn in ein einziges Bild: Ueberlieferung ist kein Denkmal, sondern eine Bewegung. Der Strom haelt das Licht nicht fest; er traegt es.

VIII. Eigenart des Gedichts 
Die Eigenart des Gedichts laesst sich an sechs Zuegen seiner Anlage zeigen.

Hoffnung aus dem Kreislauf des Stoffes. Die Ruine traegt in der romantischen Dichtung vielfaeltige Bedeutungen, haeufig die der Vergaenglichkeit oder der Sehnsucht nach verlorener Groesse. Hier wird sie zum Ausgangspunkt eines Kreislaufs: Der Stein, der aus dem Fels gebrochen wurde, kehrt zerrieben und vom Strom getragen zu Saat und Pflug zurueck. Die Antwort auf die Frage nach dem Bleibenden ist zugleich geistig und stofflich.

Politische Geschichte in der Sprache des Ackers. Das Verfassungsversprechen der Restaurationszeit erscheint nicht als These, sondern als Brache. Ein einziges Wort, brach, traegt Wortbruch und Wartezeit zugleich und verbindet die politische Strophe mit den Bildern der Saat.

Kulturelles Gedaechtnis als Feuerreihe. Gegen die Wappen, die sich als Zeichen der Teilung lesen lassen, steht das Lied, das von Herd zu Herd springt. Die Reihe glomm – Funken – Herd – Asche – verlischt durchzieht zwei Strophen und gibt der Frage nach der Hoffnung ihr Bild.

Ein Adler ohne Wappen. Das Tier, das in der deutschen Geschichte wie kaum ein anderes als Herrschaftszeichen gedient hat, erscheint hier allein als Naturwesen. Die Wappen versinken im Gras; der Adler kreist darueber, ohne zu urteilen.

Ein Rahmen, der sich oeffnet. Kreis und Tag umschliessen das Gedicht von der ersten bis zur letzten Strophe. Doch der Rahmen muendet in eine Oeffnung: Der Kreis schliesst sich nicht, und das Licht wird weitergetragen.

Romantik ohne Signalwoerter. Das Gedicht verzichtet auf das Vokabular, mit dem romantische Stimmung haeufig erzeugt wird. Nacht, Zauber, Sehnsucht, Heimat und Ewigkeit kommen nicht vor, ebenso wenig das Wort deutsch. Romantisch ist es durch seine Bewegung, seine Bilder und seinen Ernst, nicht durch seine Signale.

IX. Anmerkungen zu einzelnen Woertern 
Daemmerschichten (Str. 1): die Daemmerung in uebereinanderliegenden Lagen, wie Dunst und Nebel am fruehen Morgen im Tal. 
Felsgrat (Str. 1), Graten (Str. 8): die schmale obere Kante eines Felsens oder Bergrueckens. 
Fluegel (Str. 2): hier der Torfluegel; leer, weil seine Fuellung oder er selbst verschwunden ist, sodass das Tor nicht mehr schliesst. Das Wort nimmt den Fluegelschlag der ersten Strophe auf. 
an seinem Lauf (Str. 2): am Ufer, entlang dem Lauf des Flusses. 
ward (Str. 3): aeltere, gehobene Form des Praeteritums von werden; Hier ward gewacht bedeutet: Hier wurde gewacht. 
verfuegt (Str. 3): angeordnet, verordnet; ein Wort der Rechts- und Verwaltungssprache. 
Rand an Rand (Str. 4): zwei Wappen, deren Raender aneinanderstossen. Der Stein am Weg laesst an den Grenzstein zweier Herrschaften denken; das Gedicht legt seine Funktion nicht fest. 
lag brach (Str. 4): ruhte unbestellt, wie ein Acker; zugleich Anklang an das Praeteritum von brechen. 
zerrieben (Str. 5): durch Reiben zu Staub zerkleinert; im Gedicht auf das Bild des zerfallenden Gesteins bezogen. 
verharrt (Str. 6): bleibt unveraendert an seinem Ort. 
Schlingen der Ranken (Str. 7): verschlungene Triebe, die einen wenig begangenen Pfad ueberwuchern. 
Ahn (Str. 7): der Vorfahr. 
eigen sei (Str. 7): gehoere; Konjunktiv I in der indirekten Frage.

X. Quellen und Literatur

Texte und Quellen 
Deutsche Bundesakte vom 8. Juni 1815. In: German History in Documents and Images (GHDI), germanhistorydocs.org. 
Arndt, Ernst Moritz: Des Deutschen Vaterland (1813). 
Becker, Nikolaus: Rheinlied (1840). – Schneckenburger, Max: Die Wacht am Rhein (1840). 
Brentano, Clemens / Arnim, Achim von (Hg.): Des Knaben Wunderhorn. Alte deutsche Lieder. 3 Bde. Heidelberg 1805–1808. 
Droste-Huelshoff, Annette von: Die Mergelgrube. In: dies.: Gedichte. Stuttgart / Tuebingen: Cotta 1844. 
Hoelderlin, Friedrich: Der Rhein (1801); Der Ister (um 1803). 
Uhland, Ludwig: Vaterlaendische Gedichte (1815–1817). In: ders.: Gedichte. Digital: Projekt Gutenberg, projekt-gutenberg.org.

Forschung und Nachschlagewerke 
Hahn, Roland: Die Idee der Nation und die Loesung der deutschen Frage. In: Aus Politik und Zeitgeschichte 29/1990. Bundeszentrale fuer politische Bildung, bpb.de. 
Meinecke, Friedrich: Weltbuergertum und Nationalstaat. Studien zur Genesis des deutschen Nationalstaates. Muenchen / Berlin: Oldenbourg 1908. 
Stiftung Deutsches Historisches Museum: LeMO – Lebendiges Museum Online, Kapitel „Vormaerz und Revolution“, dhm.de/lemo.


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