Die alte Rede
Die alte Rede
Daniil Lazko
I
Noch liegt das Tal im Grau; die Brunnen rinnen
leis an den Mauern hin, und noch kein Hahn
hat sich geregt. Da bricht er auf. Die Tuer
faellt hinter ihm ins Schloss wie eine alte
Rede, die er nicht mehr ganz versteht.
Doch oben, wo das Auge keinen Weg hat,
roetet ein erster Strahl den Schnee des Gipfels,
und ohne dass ein Wind sich hebt, kommt Licht
von Grat zu Grat herab, wie eine Botschaft,
die keiner ausspricht.
Lange hat der Mann
die Feste und die Maerkte und die Graeber
gesehn wie hinter einer Scheibe, und
nichts davon war seins. Nun riecht er Harz
und biegt die Fichtenzweige, und der Tau
liegt kalt auf seinen Haenden.
II
Dann nimmt der Wald ihn auf. Die Staemme stehen
wie Saeulen eines Hofs, den niemand baute;
das Moos verschluckt den Schritt, und unter Farnen,
im Dunkel, ungesehn, laeuft ihm ein Bach
entgegen, redet fort, wie Kinder reden,
die ihren Weg nicht kennen und ihn wissen.
Er steigt, der Atem wird ihm kurz. Dann lichtet
der Wald sich; einzeln halten sich die Laerchen
mit krummen Wurzeln fest am nackten Fels,
und zwischen Steinen blueht, was nach keinem Auge fragt.
Hier wird es weit. Die Taeler sinken, eines
hinter das andre, in die blaue Tiefe,
und drueben hebt der Schatten eines Berges
sich langsam von den Haengen, wie die Hand
sich von der Stirne eines Schlaefers hebt,
und laesst die Matten hell. Was ihn so lang
begleitet hat, der Laerm der Gassen und
die Stimme jener, die nicht mehr ist, wird leiser,
bis er den eignen Schritt nur hoert, und bald
auch diesen nicht.
III
Am Mittag kommt er an den Quell. Aus einem
Spalt im Gestein tritt kalt und klar das Wasser
und faellt in einen Trog, den Haende hoehlten
und Haende glatt gegriffen haben, Haende
ohne Namen. Er kniet sich hin und trinkt.
Daneben steigen Stufen in den Hang,
gehauen, ausgetreten von den vielen,
die vor ihm gingen: Hirten mit dem Vieh,
Saeumer mit Salz und Nachricht, und auch Maenner,
die einen Toten talwaerts trugen. Keiner
hat es erzaehlt, der Stein erzaehlt es nicht,
und doch steht alles da, im Glanz des Wassers,
das hier so lange faellt, wie Menschen duersten.
Und tiefer noch, als waer es eine Kindheit,
aelter als seine eigne, steigt ein Bild
in ihm herauf: ein helles Ufer, Saeulen,
ein Meer, das blau und ruhig atmet, Menschen,
die mittags, eh sie tranken, ihren Becher
ein wenig neigten und den ersten Tropfen
dem Unsichtbaren liessen, ohne Scheu,
als saesse er bei ihnen unterm Laub.
Er weiss nicht, wo das war. Er weiss nur, dass
dasselbe Licht, das jetzt im Troge zittert,
auf ihren Bechern lag.
IV
Er steigt hinauf, wo nur noch Fels und Himmel
und duerres Gras ist und der Wind ihn anfasst.
Und eine Wolke zieht; ihr Schatten kommt
vom Grat herab, lautlos und schnell, und streicht
ueber die Matten, einen leeren Pferch,
die Steine, ueber ihn, und weiter, ohne
ihn zu erkennen oder ihn zu meiden;
und als es wieder hell wird, liegt das Licht
auf ihm wie auf dem Stein, dem Gras, dem Pferch,
nicht weniger, nicht mehr. Da loest sich etwas
von ihm, wie einem, der durch lange Kaelte
gegangen ist, im ersten warmen Raum
der Mantel von den Schultern gleitet, und
er steht, eh er es merkt, ganz still. Er weint nicht,
er laechelt nicht. Er ist nur da und atmet.
V
Dann ist er oben, nicht wie einer, der
den Gipfel nimmt: er sitzt auf einem Stein,
und vor ihm liegt das Land, Grat hinter Grat,
blau und blasser immer, bis die letzten Kaemme
sich von dem Himmel kaum noch scheiden; tief
die Ebene, wo Fluesse fern wie Faeden
glaenzen. Ein Falke kreist tief unter ihm.
Aus einem Tal, kaum hoerbar, eine Glocke.
Der Wind, der ueber alle Grate geht,
geht durch ihn hin wie durch ein offnes Fenster
und nimmt nichts mit und laesst ihm nichts zurueck
als Kuehle im Gesicht. Und hinter allem,
was er erblickt, liegt Licht auf Graten, die
er nie betreten wird, auf fremden Taelern,
wo jetzt ein andrer steht und schweigt wie er,
und auf dem Meer, das er nicht sehen kann und dennoch weiss.
Und alles wird so still, wie Gaeste stiller
in einem Hause werden, wenn der Wirt
hereintritt, und es sieht sich keiner um.
Er sieht ihn nicht. Er nennt ihn nicht. Er ist
allein wie nie, und nie so wenig einsam.
VI
Dann wendet sich das Licht. Die Schatten fuellen
die Taeler, wie das Wasser seinen Trog,
und er geht mit hinab, dem Bache nach,
der traegt, was oben ihm der Schnee gab, Licht,
den Wiesen zu, den Muehlen und den Bruecken.
Und da er sich zum letzten Mal umsieht,
glueht noch der hoechste Gipfel, wo am Morgen
der erste Strahl begann, und haelt den Schein
am laengsten, wie ein Mensch ein Wort behaelt,
das man ihm einmal sagte, als er klein war.
Im Dorf sind schon die Fenster hell. Er tritt
in einen Flur, und drinnen reden Menschen,
ein Kind lacht auf, und er versteht die alte
Rede wieder. Auf der Bank, als er sich setzt,
rueckt man zusammen wie fuer einen der Ihren.
Draussen, unter der Bruecke, laeuft der Bach,
den er nun kennt bis an den Stein der Quelle,
und oben, ueber allem Dunkel, steht
noch eine Weile still der Schnee im Licht.
Literarische Analyse
Thema und Bewegung
Aeuserlich erzaehlt das Gedicht einen einzigen Tag: Ein namenloser Wanderer verlaesst vor Sonnenaufgang sein Dorf, steigt durch Wald und Matten zu einer Quelle, weiter zum Grat und zur Hoehe und kehrt am Abend zurueck. Innerlich vollzieht sich etwas anderes. Der Mann, der zu Beginn die Welt „wie hinter einer Scheibe“ gesehen hat und dem „nichts davon“ gehoerte, kehrt als einer heim, fuer den man auf der Bank zusammenrueckt „wie fuer einen der Ihren“. Zwischen diesen beiden Saetzen liegt die ganze Bewegung des Gedichts: nicht die Eroberung eines Gipfels, sondern die Wiedergewinnung einer Zugehoerigkeit.
Entscheidend ist, dass diese Wandlung an keiner Stelle behauptet wird. Sie ergibt sich aus Wahrnehmungen: aus dem Schatten einer Wolke, aus dem Licht im Steintrog, aus der Stille, die ueber die Landschaft faellt. Das Gedicht folgt damit dem Grundsatz, den Sinn den Dingen selbst anzuvertrauen.
Komposition in sechs Schritten
Die sechs Abschnitte entsprechen sechs Stufen einer geistigen Entwicklung. Der Tageslauf vom ersten zum letzten Licht bildet dabei das aeussere Geruest.
I · Aufbruch. Das Dorf liegt noch im Grau, die Tuer faellt ins Schloss „wie eine alte / Rede, die er nicht mehr ganz versteht“. Oben roetet sich der Schnee. Die Entfremdung wird nicht erklaert, sondern in ein Bild gefasst: die Welt hinter einer Scheibe, Feste, Maerkte und Graeber gleich fern.
II · Aufstieg. Der Wald nimmt den Wanderer auf, ein Bach kommt ihm entgegen, die Taeler sinken. Der Schatten eines Berges hebt sich von den Haengen „wie die Hand / sich von der Stirne eines Schlaefers hebt“. Was ihn begleitet hat, der Laerm der Gassen und die Stimme einer Verstorbenen, wird leiser, bis er nur den eigenen Schritt hoert „und bald / auch diesen nicht“. Das Ich tritt zurueck.
III · Erinnerung. An der Quelle trinkt er aus einem Trog, den „Haende ohne Namen“ geglaettet haben. Die ausgetretenen Stufen setzen Generationen voraus: Hirten, Saeumer, Traeger eines Toten. Aus dieser geschichtlichen Erinnerung steigt eine aeltere auf, die Ahnung einer Welt, in der Menschen den ersten Tropfen „dem Unsichtbaren“ liessen. Dasselbe Licht, das jetzt im Trog zittert, lag auf ihren Bechern.
IV · Wendung. Der Schatten einer Wolke geht ueber Matten, Pferch und Steine und ueber ihn, „ohne / ihn zu erkennen oder ihn zu meiden“. Als es wieder hell wird, liegt das Licht auf ihm wie auf Stein und Gras, „nicht weniger, nicht mehr“. In dieser Gleichheit loest sich etwas von ihm, wie ein Mantel im ersten warmen Raum von den Schultern gleitet.
V · Hoehe. Oben sitzt er auf einem Stein, „nicht wie einer, der / den Gipfel nimmt“. Der Blick reicht ueber Grate, Ebenen und Fluesse, ein Falke kreist tief unter ihm. Der Wind geht durch ihn hin wie durch ein offenes Fenster. Das Licht reicht weiter als der Blick, bis zu fremden Taelern und dem unsichtbaren Meer. Dann wird alles still, wie Gaeste stiller werden, wenn der Wirt hereintritt.
VI · Abend und Rueckkehr. Die Schatten fuellen die Taeler, der Bach traegt das Licht des Schnees hinab. Der hoechste Gipfel behaelt den letzten Schein, wie ein Mensch ein Wort aus seiner Kindheit behaelt. Im Dorf versteht der Wanderer „die alte / Rede wieder“. Das Gedicht endet nicht mit einer Lehre, sondern mit dem Schnee, der noch eine Weile im Licht steht.
Die Motivringe
Die Geschlossenheit des Gedichts beruht auf mehreren Motiven, die einander ueber die Abschnitte hinweg antworten. Keines dient als Schmuck, jedes traegt einen Teil der inneren Bewegung.
Die alte Rede. Im ersten Abschnitt ist sie ein Vergleich fuer die zufallende Tuer, ein Zeichen der Entfremdung. Im letzten wird sie woertlich: Menschen reden, ein Kind lacht, und der Heimkehrende versteht. Beide Male bricht der Vers an derselben Stelle, zwischen „alte“ und „Rede“. Der Wanderer bekommt keine neue Wahrheit, er hoert die alte anders. Darauf beruht auch der Titel.
Das Licht. Es beginnt als erster Strahl auf dem Gipfel und endet als letzter Schein auf demselben Gipfel. Dazwischen zittert es im Trog und verbindet die Gegenwart mit der Antike. Es liegt auf dem Wanderer wie auf dem Stein, reicht ueber alles Sichtbare hinaus und wird vom Bach ins Tal getragen.
Das Wasser. Der Bach laeuft dem Aufsteigenden entgegen, an der Quelle trinkt er, abends geht er „dem Bache nach“. Am Ende kennt er den Bach „bis an den Stein der Quelle“: Das Wasser, das von der Hoehe in die Tiefe geht, verbindet beide Bereiche, und der Wanderer kennt nun seinen Ursprung.
Gast und Wirt. In der antiken Erinnerung sitzt der Unsichtbare bei den Menschen „unterm Laub“. Auf der Hoehe tritt er wie ein Wirt in ein Haus, in dem die Gaeste verstummen. Im Dorf rueckt man fuer den Heimkehrenden zusammen. Dieselbe Geste der Gastlichkeit erscheint auf drei Ebenen: zwischen Goettlichem und Menschen, in der Welt als Ganzer, zwischen Menschen.
Liegen. Am Morgen liegt der Tau kalt auf den Haenden des Wanderers, auf der Wendestufe liegt das Licht auf ihm. Ein unscheinbares Verb fuehrt vom Frost der Entfremdung zum Licht der Zugehoerigkeit.
Bild statt Begriff
Das Gedicht verzichtet fast vollstaendig auf die grossen Abstrakta, die sich bei diesem Thema anbieten: Ewigkeit, Unendlichkeit, Goettlichkeit, Sehnsucht. Ihre Bedeutung wird von Gegenstaenden getragen. Die Dauer der Geschichte steckt im glattgegriffenen Trog und in den ausgetretenen Stufen. Die Gleichheit vor einer hoeheren Ordnung steckt im Licht, das auf Mensch und Stein gleich faellt. Die Gegenwart des Goettlichen steckt in der Stille von Gaesten, die sich nicht einmal umsehen.
Auch die Kuehle im Gesicht nach dem Wind, das Kind, das auflacht, und die Bank im Dorf sind keine Ausschmueckung. Sie halten die Erfahrung im Sinnlichen fest. Wo das Gedicht einen Satz von fast spruchhafter Praegnanz wagt, „allein wie nie, und nie so wenig einsam“, ist er durch das Vorangehende erarbeitet. Er unterscheidet zwei Woerter, die das Deutsche bereithaelt: das aeussere Alleinsein und die innere Einsamkeit. Die eine bleibt bestehen, die andere ist aufgehoben.
Zeit und Raum: zwei Achsen
Der dritte und der fuenfte Abschnitt bilden ein Paar. An der Quelle wird der Wanderer mit der Tiefe der Zeit verbunden: mit den namenlosen Generationen der Hirten und Saeumer und darueber hinaus mit einer fernen Welt am Meer, die nicht beim Namen genannt wird und doch unverkennbar die griechische ist. Auf der Hoehe wird er mit der Weite des Raums verbunden: mit Graten, die er nie betreten wird, mit fremden Taelern, „wo jetzt ein andrer steht und schweigt wie er“, und mit dem Meer, „das er nicht sehen kann und dennoch weiss“.
Das Meer verknuepft beide Achsen. Es ist das Meer der antiken Erinnerung und zugleich das Unsichtbare jenseits des Horizonts. Das Gefuehl der Einheit entsteht so nicht aus einer Formel, sondern aus zwei konkreten Erweiterungen: die eine nach rueckwaerts in die Zeit, die andere nach aussen in den Raum.
Das Goettliche als Gegenwart
Das Gedicht nennt Gott nicht und erklaert ihn nicht. Es zeigt eine Wirkung: Alles wird still, „wie Gaeste stiller / in einem Hause werden, wenn der Wirt / hereintritt, und es sieht sich keiner um“. Die Gaeste muessen sich nicht umsehen, um zu wissen, wer gekommen ist. Unmittelbar darauf folgen zwei knappe Saetze: „Er sieht ihn nicht. Er nennt ihn nicht.“ Die Erfahrung bleibt Erfahrung und wird nicht zur Lehre.
Zugleich bleibt die Natur von dieser Gegenwart unterschieden. Berg, Licht und Wind sind nicht selbst das Goettliche, sondern das Haus, in das der Wirt tritt. So vermeidet das Gedicht eine pantheistische Gleichsetzung und laesst dennoch eine hoeherer Ordnung spuerbar werden, in der Mensch und Natur einander zugeordnet sind.
Rhythmus, Syntax und Klang
Die Verse folgen keinem durchgehaltenen Mass. Unter ihnen liegt jedoch ein locker gehandhabter jambischer Grund, der dem Gedicht einen ruhigen, erzaehlenden Atem gibt, naeher am Blankvers der klassischen Zeit als an den daktylisch ausschwingenden Hymnen. Die Verslaenge wechselt bewusst: Lange Zeilen tragen die Weite, kurze Halbverse setzen Zaesuren der Stille, etwa „auch diesen nicht“, „auf ihren Bechern lag“ oder „liegt kalt auf seinen Haenden“. Der laengste Vers des Gedichts steht im Augenblick der groessten Weite, beim unsichtbaren Meer.
Die Syntax arbeitet mit grossen Boegen, die ueber viele Verse gespannt sind, und mit ruhigen Enjambements, die oft gerade das Wesentliche in den naechsten Vers verlegen. Im ersten Abschnitt steht ein Stufenvers: „die keiner ausspricht.“ und „Lange hat der Mann“ teilen sich eine Zeile, sodass der Gedanke an die Botschaft, die niemand ausspricht, eine sichtbare Pause erhaelt. Kontrollierte Wiederholungen („und Haende glatt gegriffen haben, Haende / ohne Namen“; „Der Wind, der ueber alle Grate geht, / geht durch ihn hin“) verleihen dem Text eine fast liturgische Festigkeit, ohne ins Pathos zu kippen.
Friedrich Hoelderlin: Stil und Gestalt
Die Formen
Zu den zentralen lyrischen Formen Friedrich Hoelderlins (1770–1843) gehoeren die Ode, die Elegie und die Hymne. In den Oden uebernahm er antike Strophenmasse, vor allem die alkaeische und die asklepiadeische Strophe, und fuegte die deutsche Sprache in ihre strenge Ordnung. In den Elegien in Distichen, etwa „Brot und Wein“, „Heimkunft“ oder „Menons Klagen um Diotima“, entfaltete er weite, langsam fortschreitende Gedankenbewegungen. In den spaeten vaterlaendischen Gesaengen loeste er sich vom festen Mass. Diese Hymnen in freien Rhythmen knuepfen an Pindar an, den Hoelderlin auch uebersetzte, verwandeln die antike Form jedoch eigenstaendig und besitzen eine eigene, streng durchgebaute Ordnung, oft in dreigliedrigen Strophengruppen.
Harte Fuegung und hymnischer Ton
Fuer die Sprache der spaeten Hymnen hat Norbert von Hellingrath den Begriff der „harten Fuegung“ gepraegt: Woerter stehen schroff und gewichtig nebeneinander, Satzglieder werden umgestellt, Uebergaenge fehlen. Diese Parataxe gibt jedem Wort ein eigenes Gewicht. Daneben steht der feierliche, oft an Goetter, Stroeme oder Laender gerichtete Anruf. Hoelderlins Pathos ist jedoch selten laut. Es entsteht aus Konzentration, aus dem Zuruecktreten des Ich vor dem, was es anruft.
Griechenland und die Ferne der Goetter
Im Zentrum seines Denkens steht das antike Griechenland als Zeit, in der Goettliches und Menschliches einander gegenwaertig waren. Die Gegenwart erscheint dagegen als „duerftige Zeit“ der Goetterferne, als Nacht zwischen einem vergangenen und einem erhofften Tag. Der Dichter hat in dieser Nacht die Aufgabe, das Gedaechtnis des Goettlichen wachzuhalten. Stroeme wie Rhein, Donau und Neckar, Gebirge und Inseln werden bei Hoelderlin zu Traegern geschichtlicher und heiliger Bedeutung.
Der Wechsel der Toene
In seinen poetologischen Schriften entwickelte Hoelderlin die Lehre vom „Wechsel der Toene“. Ein Gedicht soll zwischen dem naiven, dem heroischen und dem idealischen Ton wechseln und aus diesem Wechsel seine Ganzheit gewinnen. Dahinter steht die Ueberzeugung, dass Dichtung kein blosser Gefuehlsausdruck ist, sondern eine kalkulierte Kunst mit eigenen Gesetzen.
Bemerkenswertes ueber Hoelderlin
Das Tuebinger Stift. Am evangelischen Stift in Tuebingen studierte Hoelderlin ab 1788 Theologie und lebte dort mit Hegel und Schelling unter einem Dach. Wer von den dreien das „Aelteste Systemprogramm des deutschen Idealismus“ verfasst hat, ist bis heute umstritten.
Diotima. Als Hofmeister im Frankfurter Bankiershaus Gontard verliebte er sich in Susette Gontard, die Mutter seines Zoeglings. Sie wurde zur Diotima seines Briefromans „Hyperion oder Der Eremit in Griechenland“ (1797/1799) und vieler Gedichte. Nach dem Bruch mit dem Haus trafen sich die beiden heimlich weiter. Susette Gontard starb 1802.
Der Weg nach Bordeaux. Anfang 1802 trat Hoelderlin eine Hofmeisterstelle in Bordeaux an, die er nach wenigen Monaten verliess. Er kehrte zu Fuss ueber Frankreich zurueck und kam erschoepft und verstoert in der Heimat an. Die Erfahrung des suedlichen Lichts ging in spaete Gedichte wie „Andenken“ ein.
Sophokles. Seine Uebertragungen „Oedipus der Tyrann“ und „Antigonae“ (1804) wurden von den Zeitgenossen als Beweis seiner Verwirrung verspottet. Heute gelten sie wegen ihrer kuehnen Woertlichkeit als Meilensteine der Uebersetzungsgeschichte.
Der Turm. Nach einem Aufenthalt in der Tuebinger Klinik Autenrieths 1806/07 nahm ihn der Schreinermeister Ernst Zimmer in sein Haus am Neckar auf. In dessen Turmzimmer lebte Hoelderlin noch sechsunddreissig Jahre. Dort entstanden kurze, gereimte Gedichte von eigentuemlicher Ruhe, die er oft mit dem Namen „Scardanelli“ und mit erfundenen Daten versah.
Die spaete Entdeckung. Zu Lebzeiten fand Hoelderlin wenig Beachtung, obwohl Ludwig Uhland und Gustav Schwab 1826 eine Sammlung seiner Gedichte herausgaben. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts machte Norbert von Hellingrath mit seiner Ausgabe die spaeten Hymnen und Pindar-Uebertragungen bekannt. Hellingrath fiel 1916 vor Verdun. Seither haben sich Philosophen wie Martin Heidegger und Dichter wie Paul Celan, dessen Gedicht „Tuebingen, Jaenner“ dem Turm gilt, immer wieder auf Hoelderlin bezogen.
Sinn und Eigenstaendigkeit des Gedichts
Was das Gedicht sagt
„Die alte Rede“ erzaehlt von einem Menschen, der die Verbindung zur Welt verloren hat und sie nicht durch eine neue Erkenntnis, sondern durch ein neues Hoeren zurueckgewinnt. Die Welt war nie stumm. Sie sprach in den Haenden, die den Trog glaetteten, im Licht, das schon auf antiken Bechern lag, im Wind und im Schatten der Wolke. Der Wanderer war es, der die Sprache nicht mehr verstand. Am Ende ist die Rede dieselbe geblieben, er aber ist ein anderer geworden.
Die Einsamkeit wird dabei nicht aufgehoben, sondern verwandelt. Der Wanderer bleibt allein auf seinem Weg, doch dieses Alleinsein ist keine Verlassenheit mehr. Es ist das Alleinsein eines Gastes in einem bewohnten Haus. Deshalb fuehrt der Weg nicht weg von den Menschen, sondern zu ihnen zurueck: Die Erfahrung der Hoehe vollendet sich nicht auf dem Gipfel, sondern auf der Bank im Dorf.
Worin seine Eigenstaendigkeit liegt
Das Gedicht steht erkennbar im Geist Hoelderlins: im hymnischen Ernst, in den weit gespannten Satzboegen, in der Verbindung von Landschaft, Geschichte und Goettlichem, in der leisen Erinnerung an Griechenland. Es uebernimmt jedoch weder seine Verse noch seine Formeln und vermeidet bewusst sein charakteristisches Vokabular. Griechenland erscheint ohne einen einzigen Namen, nur als helles Ufer, als Saeulen und als Geste des Trankopfers.
In einem wesentlichen Punkt geht es einen eigenen Weg. Bei Hoelderlin steht haeufig die Klage ueber die Ferne der Goetter im Vordergrund, die Erfahrung einer Nacht, in der das Heilige entzogen ist. „Die alte Rede“ handelt dagegen von der Wiederherstellung eines persoenlichen Verhaeltnisses zur Welt. Das Goettliche ist nicht fern, sondern gegenwaertig, nur ungesehen und ungenannt. An die Stelle der grossen geschichtsphilosophischen Vision tritt eine einzelne, genau beobachtete Erfahrung zwischen Morgen und Abend.
Auch formal ist das Gedicht eigenstaendig. Sein Ton ist weniger ekstatisch als erzaehlend. Der ruhige, jambisch grundierte Fluss laesst die Landschaft wirklich durchschreiten, Schritt fuer Schritt, bevor sie sich als geistiger Raum oeffnet. So entsteht ein Text, der seine Herkunft nicht verbirgt und doch als eigenes Werk besteht: ein Gang durch ein reales Gebirge, an dessen Ende ein Mensch die alte Rede der Welt wieder versteht.
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Daniil Lazko · 6. Oktober 2026
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