Diesseits
Diesseits
Daniil Lazko
Schon hatte der Tag die Taeler verlassen, und nur noch
Standen die Firnen im Licht, wie Waechter, die keiner
Abloest, und unten ging der gruene Strom
Mit seinem alten Geraeusch an den Weiden vorueber.
Drueben hatte der Faehrmann sein Seil um den Pfahl gelegt,
Die Kette klirrte, dann schlug eine Tuer, dann nichts.
Ich aber sass diesseits und hatte kein Haus.
Fremd war ich hier, und fremd war ich lange schon dort,
Wohin die Sehnsucht mich schickte, ohne dass ich je ging:
Nach Sueden, zu den Inseln, wo einmal die Himmlischen
Am Tisch der Menschen sassen, wo mittags der Hirt
Den Gott am Brunnen gruesste wie einen Nachbarn,
Und keiner erschrak. Zerbrochen liegen dort
Die Saeulen im Thymian; die Eidechse waermt sich
Am Namen im Marmor, am Namen des Gottes,
Und die Quelle rinnt noch, doch sagt sie nicht mehr, wem sie gehoert.
So dacht ich und sprach zu mir selbst: Das Haus ist verlassen,
Uns blieb die Kunde vom Glanz, doch nicht mehr der Glanz.
Da aber, als ich die Augen zum Wasser senkte,
Sah ich die Berge darin, die leuchtenden, doppelt,
Und das Leuchten erlosch nicht. Lange schon war
Die Sonne hinter dem Wald, und die Hoehen brannten,
Nicht rot wie an anderen Abenden, nicht golden,
Weiss, wie das Innerste brennt in der Glut der Kohle.
Und der Wind, der den ganzen Abend die Pappeln
Gewendet hatte, das Silber nach aussen, legte sich,
Wie ein Hund sich legt vor der Schwelle, wenn einer kommt,
Den er kennt, und bellt nicht.
Und langsamer ging das Wasser. Nicht still – der Strom
Steht niemals still –, doch als trueg er etwas,
Das man nicht schuetteln darf, ging er behutsam,
Wie die Maegde gingen mit vollem Krug vom Brunnen
Dort im Sueden, ohne den Blick zu senken.
Die Reiher im Schilf hoben die grauen Koepfe
Alle nach Einer Richtung, hinauf, zu den Firnen.
Da wusst ich, woher er kommt, der Strom: aus dem Schnee,
Den keiner betritt, aus der reinen Kaelte der Hoehe,
Und dass er das Oben herabtraegt, Tag um Tag,
Und es den Taelern gibt, den Muehlen, dem Vieh,
Dem Faehrmann, der’s nicht weiss, und mir, der es nie bedachte.
Nicht sah ich Gestalt. Kein Antlitz trat aus dem Glanz,
Und es war nicht Donner, wie ihn die Alten sangen,
Es war eine Stille, in der mein Herz so laut ging,
Dass ich mich schaemte, und dann nicht mehr schaemte.
Denn nah war es, nah wie der eigene Atem
Und doch nicht der meine; und angesehen war ich,
Wie das Feld von der Wolke, bevor sie sich oeffnet.
Ich haette die Hand ausstrecken moegen. Ich tat es nicht.
Wer in den Strom greift, der haelt nur Wasser.
Nur die Namen blieben im Marmor.
Die Saeule zerbrach, doch der Berg steht; erloschen
Ist das Feuer am Altar, doch die Hoehen gluehen;
Und derselbe Schnee, der auf dem Olympos lag,
Faellt auch auf unsre Gipfel und schmilzt und kommt
An der Muehle vorueber, am Pfahl, an dem Seil,
Und fragt nicht, ob einer ihn kennt, und gibt sich dennoch.
Dann verblasste es, langsam, wie einer vom Tisch aufsteht,
Der lange zu Gast war, und keiner begleitet ihn hinaus,
Weil jeder weiss, dass er wiederkommt. Die Sterne
Traten hervor, erst einer, dann viele, ueber dem Strom,
Der wieder rauschte wie immer. Drueben, im Fenster
Des Faehrmanns, glomm ein Licht, und wenn es tagte,
Wuerde er mich hinueberbringen. Ich aber legte mich
Diesseits ins Gras und fuerchtete nicht mehr die Nacht,
Denn die ganze Nacht, solange ich wachte, hoert ich
Das Herabkommen der Hoehe, das leise, unaufhoerliche,
Und mir war, als haett ich es immer gehoert und wuesste es nun.
Tuapse, 30. September 2026
Literarische Analyse
1. Anlage und Bewegung
Das Gedicht umfasst siebenundsechzig Verse in sieben Strophen ungleicher Laenge. Es ist in freien Rhythmen geschrieben, reimlos und ohne festes Metrum; getragen wird es von einem vorwiegend daktylischen Gang, von weitgespannten Satzperioden und von Enjambements, die den Sinn ueber die Versgrenze hinausfuehren. Kurze Verse wie „Den er kennt, und bellt nicht.“ oder „Nur die Namen blieben im Marmor.“ setzen in diesem Strom Zaesuren des Innehaltens.
Der zeitliche Rahmen ist eine einzige Abendstunde, die in die Nacht uebergeht. Die sieben Strophen folgen einer inneren Bewegung, die sich mit dieser aeusseren Zeit deckt, ohne in ihr aufzugehen. Die erste zeigt die Landschaft im erloeschenden Tag und einen Menschen, der „diesseits“ sitzt und „kein Haus“ hat. Die zweite ist Elegie: Die Sehnsucht nach dem Sueden, nach einer Welt, in der die Himmlischen „am Tisch der Menschen“ sassen, endet im Befund des Verlusts. Die dritte bringt das Zeichen, die vierte die Annaeherung und mit ihr die Erkenntnis, auf der das ganze Gedicht ruht. Die fuenfte ist die Begegnung selbst. Die sechste widerlegt die Klage der zweiten. Die siebte laesst die Erscheinung in die gewohnte Welt zuruecktreten und haelt fest, was von ihr bleibt.
2. Die tragende Bildlogik: Schnee, Strom, Tal
Im Zentrum steht keine Allegorie, sondern eine physische Tatsache: Der Fluss entspringt dem Schnee der Gipfel. „Da wusst ich, woher er kommt, der Strom: aus dem Schnee, / Den keiner betritt, aus der reinen Kaelte der Hoehe, / Und dass er das Oben herabtraegt, Tag um Tag“. Aus diesem einen Befund gehen die entscheidenden Bewegungen des Gedichts hervor. Das Hohe bleibt nicht oben; es kommt als Wasser ins Tal, treibt die Muehlen, traenkt das Vieh und traegt die Faehre. Das Goettliche erscheint daher nicht als Gestalt, sondern als Richtung: als ein unablaessiges Herabkommen, das der Welt nicht gegenuebersteht, sondern durch sie hindurchgeht.
Besonderes Gewicht hat der Vers ueber den Faehrmann, „der’s nicht weiss“. Die Gabe der Hoehe ist nicht an das Wissen um sie gebunden. Der Faehrmann lebt vom Strom, ohne je nach seiner Herkunft gefragt zu haben; der Wanderer, der lange nach dem Heiligen gesucht hat, erkennt erst jetzt, dass er das Naechstliegende „nie bedachte“. Die Erkenntnis fuegt der Welt nichts hinzu. Sie macht sichtbar, was ohnehin geschieht.
Deshalb sind die Zeichen der dritten und vierten Strophe keine Wunder im Sinne eines Bruchs mit der Natur, sondern Verdichtungen ihres Verhaltens. Das Gluehen der Firnen erlischt nicht und wird weiss, „wie das Innerste brennt in der Glut der Kohle“; der Wind, der die Pappeln „das Silber nach aussen“ gewendet hat, legt sich wie ein Hund vor der Schwelle, der den Kommenden kennt und nicht bellt; der Strom geht „behutsam“, als truege er etwas, „das man nicht schuetteln darf“; die Reiher heben die Koepfe „alle nach Einer Richtung“. Die Landschaft antwortet, bevor der Mensch versteht. Jedes dieser Bilder ist konkret und fuer sich wahrnehmbar; ihre Bedeutung entsteht erst aus ihrer Folge.
3. Die Begegnung ohne Gestalt
Die fuenfte Strophe verweigert alles, womit eine Epiphanie gewoehnlich ausgestattet wird: „Nicht sah ich Gestalt. Kein Antlitz trat aus dem Glanz, / Und es war nicht Donner, wie ihn die Alten sangen“. An die Stelle der Erscheinung tritt eine Stille, in der das eigene Herz laut wird; an die Stelle des Schreckens eine Scham, die sich in Vertrauen loest. Die Naehe wird mit dem genauesten und zugleich unscheinbarsten Mass beschrieben: „nah wie der eigene Atem / Und doch nicht der meine“.
In den Versen „und angesehen war ich / Wie das Feld von der Wolke, bevor sie sich oeffnet“ kehrt sich das Verhaeltnis von Subjekt und Objekt um. Nicht der Mensch schaut das Goettliche; er wird angeschaut. Das Bild bleibt dabei in der Logik des Ganzen: Die Wolke steht ueber dem Feld wie die Hoehe ueber dem Tal, und was sich in ihr oeffnet, ist Regen, also wiederum herabkommendes Wasser, wiederum Gabe.
Die Strophe endet mit einer unterlassenen Geste und einer Gnome: „Ich haette die Hand ausstrecken moegen. Ich tat es nicht. / Wer in den Strom greift, der haelt nur Wasser.“ Der Satz spricht vom Fluss und meint zugleich die Grenze menschlichen Erkennens. Das Goettliche laesst sich erfahren, aber nicht festhalten; wer es besitzen will, behaelt nur den Stoff, durch den es hindurchging.
4. Griechenland: Name und Stoff
Die zweite Strophe entwirft Griechenland als Ort einer verlorenen Einheit, in dem der Hirt den Gott am Brunnen „wie einen Nachbarn“ gruesste, „und keiner erschrak“. Die Gegenwart dieses Landes ist Ruine: Saeulen im Thymian, eine Quelle, die nicht mehr sagt, wem sie gehoert, und eine Eidechse, die sich „am Namen im Marmor, am Namen des Gottes“ waermt. Vom Gott ist die Inschrift geblieben, und sie dient einem Tier als warmer Stein. Die Strophe schliesst mit dem Satz der Klage: „Uns blieb die Kunde vom Glanz, doch nicht mehr der Glanz.“
Die sechste Strophe antwortet darauf beinahe woertlich: „Nur die Namen blieben im Marmor.“ Dann folgt eine dreifache Gegenbewegung: Die Saeule zerbrach, doch der Berg steht; das Feuer am Altar ist erloschen, doch die Hoehen gluehen; und derselbe Schnee, der auf dem Olympos lag, faellt auch auf die heimischen Gipfel. Griechenland wird damit nicht als Vergangenheit zurueckgewonnen, sondern als anderer Ort desselben Stoffes erkannt. Was die Tempel verloren haben, besitzt der Berg noch. Der Schnee des Olympos ist kein Symbol, sondern Wasser, das hier ankommt, „an der Muehle vorueber, am Pfahl, an dem Seil“, also genau dort, wo in der ersten Strophe der Faehrmann seine Faehre festgemacht hat. Die Erinnerung wird nicht durch Sehnsucht zur Bruecke, sondern durch die stoffliche Einheit der Welt.
5. Zur letzten Fassung: eine Streichung
Die Endfassung ist aus mehreren Ueberarbeitungsg aengen hervorgegangen. Der letzte Eingriff bestand nicht in einer Ersetzung, sondern in einer Streichung am Beginn der sechsten Strophe.
VORLETZTE FASSUNG
Nicht fort sind die Himmlischen. Nur die Namen blieben im Marmor.
ENDFASSUNG
Nur die Namen blieben im Marmor.
Der gestrichene Satz war die letzte Stelle, an der das Gedicht seine Einsicht aussprach, statt sie geschehen zu lassen. Ohne ihn liest sich der Eingangsvers der Strophe zunaechst als Klage: Nur die Namen sind geblieben, alles andere ist verloren. Er wiederholt damit die Form der Klage aus der zweiten Strophe („Uns blieb die Kunde vom Glanz“). Der Wanderer spricht noch einmal in seiner alten Sprache der Trauer, und erst die folgenden Verse mit ihrem zweifachen „doch“ und dem abschliessenden „dennoch“ widerlegen ihn. Die Wendung wird nicht mehr mitgeteilt; der Leser vollzieht sie selbst.
Zugleich tritt eine Entsprechung hervor, die der gestrichene Satz verdeckt hatte. Ueber die Strophengrenze hinweg stehen nun zwei Verse unmittelbar beieinander:
Wer in den Strom greift, der haelt nur Wasser.
Nur die Namen blieben im Marmor.
Beide sprechen von einem G efaess, das die Spur bewahrt, nicht aber die Gegenwart: die greifende Hand, die nur Wasser haelt, und der Stein, der nur Namen haelt. Das Verbot des Besitzens aus der fuenften Strophe und das Schicksal der antiken Goetterwelt aus der sechsten erweisen sich als ein und dieselbe Wahrheit, an zwei verschiedenen Stoffen erfahren.
Schliesslich erscheint das Wort „die Himmlischen“ nun nur noch einmal, in der Klage der zweiten Strophe. Wo das Goettliche als Verlorenes betrauert wird, traegt es einen Namen; wo es gegenwaertig ist, bleibt es namenlos. Die Gestalt des Textes entspricht damit seiner Aussage: Die Namen sind im Marmor geblieben, die Gegenwart ist ohne Namen weitergegangen. An Eindeutigkeit verliert die Wendung durch die Streichung nichts, denn die dreifache Gegenbewegung der Strophe laesst ueber ihre Richtung keinen Zweifel.
6. Hoelderlin als Bezugspunkt
„Diesseits“ ist im Geiste Friedrich Hoelderlins geschrieben, ohne ihn nachzuahmen. Aufgenommen sind die freien Rhythmen der spaeten Hymnen, die weitgespannte, ueber viele Verse getragene Periode, der Strom als Mittler zwischen der Hoehe und der Welt der Menschen, wie ihn Hoelderlins Stromdichtungen ausbilden, das Bild Griechenlands als einer Welt, in der Goetter und Menschen einander nahe waren, die Spannung von Fremde und Heimat sowie die gnomische Verdichtung eines Gedankens in einem einzigen Satz. Auch einzelne Zuege der Diktion gehoeren dazu: das Wort „die Himmlischen“, die Hervorhebung „nach Einer Richtung“, die nachgestellte Apposition „woher er kommt, der Strom“.
Bewusst vermieden sind Zitate und Paraphrasen, kuenstliche Archaismen und bloss ornamentale Inversionen, die hymnische Anrufung im Vokativ und jede Haeufung antiker Namen. Der Olympos wird ein einziges Mal genannt, und zwar als Berg, auf dem Schnee liegt, nicht als Sitz einer Mythologie. Auch die Rolle des Sprechenden ist eine andere: Er ist kein Seher, der den Goettern entgegentritt, sondern ein Wanderer, der gesteht, das Naechstliegende nie bedacht zu haben.
Der wesentliche Unterschied liegt in der Wendung der hoelderlinschen Ausgangslage. In den grossen Elegien, vor allem in „Brot und Wein“, ist die Gegenwart eine Zeit der Goetterferne: Die Goetter leben, aber in anderer Welt, und der Dichter harrt ihrer Wiederkehr. „Diesseits“ nimmt diese Lage auf, denn die zweite Strophe spricht sie aus, und kehrt sie um. Nicht eine Wiederkehr wird erwartet, sondern eine Anwesenheit erkannt, und zwar nicht in einem kommenden Fest, sondern im Stoff der Gegenwart, im Schmelzwasser, das an der Muehle vorbeifliesst.
Am deutlichsten zeigt sich dieser Unterschied an der Hand. In der Hymne „Wie wenn am Feiertage…“ ist es dem Dichter aufgegeben, des Vaters Strahl „mit eigner Hand / Zu fassen“ und ihn, ins Lied gehuellt, dem Volk zu reichen. Der Wanderer in „Diesseits“ streckt die Hand gerade nicht aus. Nicht das Fassen des goettlichen Blitzes, sondern die Scheu, das Goettliche festzuhalten, wird hier zur Gestalt der Ehrfurcht, und an die Stelle des Gewitters tritt die Stille. So bleibt das Gedicht Hoelderlin in der Haltung nahe und geht in der Antwort einen eigenen Weg.
7. Sinn und Eigenstaendigkeit
Das Eigene des Gedichts liegt nicht in einzelnen schoenen Bildern, sondern in einer Mechanik des Sinns, die aus der Beschaffenheit der Welt selbst gewonnen ist. Die Theophanie wird als Kreislauf des Wassers gedacht. Das ist keine Allegorie, die entschluesselt werden muesste, sondern ein wirklicher Vorgang, in dem das Heilige zugleich unberuehrbar hoch ist, in der „reinen Kaelte der Hoehe“, und alltaeglich nah, an Muehle, Pfahl und Seil.
Der Titel traegt diese Einsicht, ohne sie auszusprechen. Das Wort „diesseits“ erscheint zweimal. Am Anfang heisst es: „Ich aber sass diesseits und hatte kein Haus.“ Am Ende: „Ich aber legte mich / Diesseits ins Gras und fuerchtete nicht mehr die Nacht“. Der Ort ist derselbe. Der Faehrmann hat den Wanderer noch nicht uebergesetzt; er wird es erst tun, „wenn es tagte“. Doch die Versoehnung geschieht vor der Ueberfahrt. Das Diesseits, zuerst Ort der Verbannung, wird zum Ort der Gegenwart. Das Gedicht fuehrt nicht ins Jenseits hinueber; es entdeckt, dass die Hoehe ins Diesseits herabkommt.
Der Schluss vollendet diese Bewegung als Wiedererkennen. In der ersten Strophe geht der Strom „mit seinem alten Geraeusch“ an den Weiden vorueber; in der letzten hoert der Wanderer die Nacht hindurch „das Herabkommen der Hoehe, das leise, unaufhoerliche“. Das Geraeusch ist dasselbe geblieben, verwandelt hat sich das Hoeren. Daher der letzte Vers: „Und mir war, als haett ich es immer gehoert und wuesste es nun.“ Die Erkenntnis ist keine neue Mitteilung, sondern die Einsicht in etwas, das immer schon da war. Das Geheimnis wird nicht aufgeloest, aber es wird gewiss: Die Welt, wie sie ist, am Fluss, bei Nacht, im Gras, ist von einer Ordnung getragen, die aus der Hoehe kommt und sich gibt, ohne zu fragen, ob einer sie kennt.
Tuapse, 30. September 2026
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