Blindensturz
In der christlichen Tradition wurde die Synagoge (im Mittelalter kirchenlat. synagoga) zum Symbol des Judentums und ihr das urspr;nglich nahezu gleichbedeutende Wort Ekklesia (lat. ecclesia) als abgrenzende Bezeichnung f;r das Christentum gegen;bergestellt.[8]
Diese etymologische und theologische Wurzelverschiebung legt das eigentliche Fundament frei, auf dem das gesamte Bildprogramm des Hochmittelalters und letztlich auch Bruegels Bildkritik fu;t.Urspr;nglich waren beide Begriffe im hellenistischen Griechisch nahezu bedeutungsgleich:Synagoge ($\sigma\upsilon\nu\alpha\gamma\omega\gamma\acute{\eta}$ / synag;g;): vom Verb synagein (zusammenf;hren, versammeln) – schlicht die Zusammenkunft, die Versammlung der Gemeinschaft.Ekklesia / ekkl;sia): von ekkalein (herausrufen) – in der antiken Polis die B;rgerversammlung, in der Septuaginta (griechisches Altes Testament) die Qahal Jahwe, die herausgerufene Versammlung des Volkes Israel vor Gott.Die ideologische Aufspaltung im fr;hen ChristentumIn der apostolischen Zeit nutzten fr;he Judenchristen beide Begriffe oft noch synonym. Die Polarisierung vollzog sich erst mit der zunehmenden Entfremdung und dem Bruch zwischen rabbinischem Judentum und heidenchristlicher Kirche im 2. und 3. Jahrhundert (markiert durch Kirchenv;ter wie Justin den M;rtyrer, Tertullian und Johannes Chrysostomos):Monopolisierung von Ekklesia:Die junge Kirche beanspruchte den Ehrentitel der von Gott „Herausgerufenen“ (Ekklesia) exklusiv f;r sich. Sie deutete den Begriff heilsgeschichtlich um: Nur wer an Christus glaubt, geh;re zur wahren Versammlung der Erw;hlten.Abwertung und Fixierung von Synagoga:Das Wort Synagoge wurde semantisch auf die j;dische Gemeinde und deren Bethaus verengt. Sp;testens in der lateinischen Patristik und im Kirchenlatein (synagoga) wurde es zum Kampfbegriff und Gegenpol stilisiert: die „fleischliche Versammlung“, die im toten Buchstaben des Gesetzes verharre, gegen;ber der „geistlichen Versammlung“ (ecclesia) der Gnade.Der Schritt zur Kathedralplastik und die AntitheseIm Hochmittelalter gerann diese sprachliche Scheidung schlie;lich zu jener personifizierten Antithese, die die Portale der Kathedralen von Stra;burg, Reims oder Bamberg pr;gte:Ecclesia = Die sehende, siegreiche Braut Christi, die den Neuen Bund verk;rpert.Synagoga = Die erblindete, wankende Verliererin, die den Alten Bund und das Schicksal der Enterbung visualisiert.Aus zwei griechischen Synonymen f;r das schlichte Zusammenkommen von Menschen vor Gott machten Jahrhunderte kirchlicher Dogmatik ein starres, hierarchisches Machtverh;ltnis von Oben und Unten, von Licht und Finsternis, von Erw;hlung und Verwerfung.Dass Pieter Bruegel d. ;. 1568 – mitten in den konfessionellen Grabenk;mpfen der Niederlande – diese erstarrte Dogmatik attackierte, zeigt, wie tief er das Problem erfasste: Wer die Versammlung des Geistes wieder auf institutionelle Macht und Gesetzesbuchstaben reduziert, verwandelt die Ekklesia selbst wieder in eine verblendete, wankende Synagoga.
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