Das innere ufer
DAS INNERE UFER
Daniil Lazko
Noch haelt der Abend die Hoehen. Langsam
zieht sich das Licht in die Wipfel zurueck wie ein Atem,
der sich besinnt, und unten im Grunde geht
der Strom, der die Namen nicht braucht, die man ihm gab.
Ueber den Furten steht schon der Rauch der Doerfer,
wo man das Vieh in die Staelle ruft, und ein Weg,
aelter als alle, die ihn getreten haben,
geht mit dem Wasser, biegt vor dem Wehr
und steigt zu den Steinen hinauf, aus denen
ein Tor war, ein Gewoelbe, ein Name.
Ein Mensch steht fern davon. Andere Glocken
teilen ihm hier den Abend, ein fremder Fluss
traegt fremdes Holz vorueber, und was ihm gehoerte,
zaehlt er in sich: die Schwelle, den kuehlen
Stein an der Quelle, die Weide, darunter
die Sensen lagen, wenn Mittag war.
Er weiss, das Haus ist in andre Haende gegeben,
der Zaun steht anders, und die dort wohnen,
kennen den Baum nicht, den er gepflanzt hat,
und geben den alten Feldern die neuen Namen.
So wird es Nacht ueber beiden Laendern, und ruhig
gehn die Gestirne den Weg, den sie ueber den Vaetern gingen.
Denn vieles ist hingegangen: die Wagenspur
im Lehm der Jahrhunderte, Herden und Heere,
Maedchen mit Kruegen, ein Markt, ein Feuer, ein Winter;
der Pflug hebt Scherben herauf und legt sie zurueck,
und keiner liest mehr die halbe Schrift an der Mauer.
Doch das Verlorne wird leicht in der langen Zeit
und bleibt in den Dingen wie Waerme im Stein,
der den Tag empfangen hat und die Nacht hindurch gibt.
So standen, sagt man, am suedlichen Meere die Saeulen,
da war das Mass gefunden, und Menschen gingen
im Gleichmass mit dem Gesetze des Lichts.
Gefallen ist auch das, und die Ziegen weiden im Marmor;
aber die Ordnung, die einmal sichtbar gewesen,
ging in die Augen der Spaeteren ueber
und wohnt nun, unscheinbar, in unseren Taelern.
Und der Fluss, der hier fremd durch die Ebene geht,
hat weit oben im Felsen begonnen und traegt,
wo er breit ist und traege, die Kaelte des Steines bei sich;
er kehrt nicht um und hat doch sein Gebirge nicht verlassen.
Das sieht der Wanderer an. Und ueber das Wasser
schlaegt eine Glocke herueber, sehr fern,
und er weiss nicht mehr, welches Land ihn ruft,
und muss es nicht wissen.
Denn nun kommt ueber den Kaemmen das Licht,
nicht rasch, wie ein Tag, der Geschaefte bringt,
sondern wie einer, der lange gewartet hat
und eintritt und gruesst und sich setzt an den Tisch.
Da wird es hell, und die Hoehen stehen,
der Weg geht wieder, der Rauch der Doerfer steigt,
und der Baum, den er pflanzte, ist gruen in ihm.
Er legt die Hand auf den Stein der Bruestung; kuehl
und nass von der Nacht ist er wie der Stein an der Quelle.
Die Glocke verklingt. Der Strom nimmt den Himmel auf.
Und aufwaerts und einwaerts geht ein Weg. Es tagt.
;
LITERARISCHE ANALYSE
I. Bau und Bewegung
Sechs Strophen von ungleicher Laenge folgen keiner metrischen, sondern einer zeitlichen Ordnung: Abend, Verlust, Nacht und Geschichte, die Erinnerung an das suedliche Meer, das Anschauen des Stromes, Morgen. Tageszeit und geschichtliche Zeit laufen dabei nicht nebeneinander her, sondern in derselben Richtung; was in der ersten Strophe das Zurueckweichen des Lichtes ist, wird in der dritten das Zuruecksinken der Jahrhunderte, und was am Ende der Anbruch des Tages heisst, ist zugleich der Anbruch einer Erkenntnis.
Anfang und Schluss sind aufeinander bezogen. Dem Satz „Noch haelt der Abend die Hoehen“ antwortet nach sechzig Zeilen die kuerzeste Aussage des Gedichts: „Es tagt.“ Zwischen beiden liegt keine Handlung im erzaehlenden Sinne, sondern eine einzige Bewegung der Wahrnehmung — von der Landschaft, die man verlaesst, zu der Landschaft, die man nicht verlassen kann.
II. Die zwei Laender
Die erste Strophe zeigt eine Gegend, ohne einen Betrachter zu nennen. Erst die zweite setzt den Menschen ein, und zwar sogleich als Entfernten: „Ein Mensch steht fern davon.“ Der Bruch ist nicht behauptet, er wird an den Dingen sichtbar — andere Glocken, ein fremder Fluss, fremdes Holz. Das Verlorene erscheint anschliessend nicht als Klage, sondern als Aufzaehlung greifbarer Gegenstaende: die Schwelle, der kuehle Stein an der Quelle, die Weide, unter der die Sensen lagen.
Entscheidend ist das Verb. Der Mensch zaehlt das Seine nicht auf, sondern „zaehlt er in sich“ — die Verinnerlichung geschieht grammatisch, ehe sie zum Thema wird. Die Strophe schliesst mit einem Verlust, der die Sprache selbst betrifft: die neuen Bewohner „geben den alten Feldern die neuen Namen“. Damit ist der Strom der ersten Strophe, „der die Namen nicht braucht, die man ihm gab“, nachtraeglich zur Antwort geworden, noch bevor die Frage gestellt war.
III. Die geschichtliche Schicht
Die dritte Strophe weitet den persoenlichen Verlust zur langen Zeit. Ihre Reihe — Wagenspur, Herden und Heere, Maedchen mit Kruegen, ein Markt, ein Feuer, ein Winter — mischt absichtlich Ereignis und Alltag; das Grosse und das Geringe sind im Lehm der Jahrhunderte gleich weit gesunken. Die Geschichte wird nicht durch Gedenken bewahrt, sondern durch Arbeit umgewendet: „der Pflug hebt Scherben herauf und legt sie zurueck.“ Die halbe Schrift an der Mauer liest niemand mehr.
Gegen diesen Befund steht kein Trost, sondern ein physikalisches Bild: das Verlorene bleibt in den Dingen „wie Waerme im Stein, / der den Tag empfangen hat und die Nacht hindurch gibt“. Ueberlieferung erscheint hier als Speicherung und spaete Rueckgabe — ein Vorgang ohne Absicht, ohne Institution und ohne Feierlichkeit. Der Stein, der dieses Gesetz traegt, wird in der letzten Strophe wiederkehren.
IV. Das suedliche Meer
Griechenland tritt nicht als klassizistische Zierde auf, sondern als Beweisfall. Die Saeulen sind gefallen, „und die Ziegen weiden im Marmor“ — ein Bild, das die Elegie sogleich unterlaeuft und ihr das Pathos nimmt. Was fortbesteht, ist nicht der Bau, sondern das Mass: „aber die Ordnung, die einmal sichtbar gewesen, / ging in die Augen der Spaeteren ueber.“
Damit ist der gedankliche Kern des Gedichts an einem fremden Gegenstand erprobt, ehe er das eigene Land betrifft. Eine Kultur kann als Form untergehen und als Ver-moegen des Sehens weiterleben. Der Schluss der Strophe holt diesen Satz ins Nahe zurueck: die Ordnung „wohnt nun, unscheinbar, in unseren Taelern“ — vom Sueden nach Mitteleuropa, vom Denkmal in die Landschaft, vom Sichtbaren ins Unauffaellige.
V. Der Strom
Die fuenfte Strophe traegt das Gedicht. Der Fluss, der hier fremd durch die Ebene geht, hat im Felsen begonnen und fuehrt, wo er breit und traege ist, die Kaelte des Steines mit sich. Der Satz, der daraus folgt, ist die Mitte des ganzen Werkes: „er kehrt nicht um und hat doch sein Gebirge nicht verlassen.“ Er ist zugleich eine Beobachtung der Natur und eine Aussage ueber den Menschen, und er verzichtet auf jedes vergleichende „wie“; die Uebertragung wird nicht vollzogen, sondern dem Lesenden ueberlassen.
Darauf folgt der kuerzeste Satz der Strophe — „Das sieht der Wanderer an.“ Nach der weitgespannten Periode wirkt diese schmucklose Feststellung wie ein Innehalten. Die Erkenntnis selbst wird nicht ausgesprochen; sie erscheint als Aufhebung einer Unterscheidung: die ferne Glocke schlaegt herueber, und der Mensch „weiss nicht mehr, welches Land ihn ruft, / und muss es nicht wissen“. Der Wendepunkt des Gedichts ist als Nichtwissen formuliert, nicht als Einsicht.
VI. Der Morgen und die Hand auf dem Stein
Das Licht kommt nicht als Erhebung, sondern als Gast: „wie einer, der lange gewartet hat / und eintritt und gruesst und sich setzt an den Tisch.“ Das haeusliche Bild haelt den Schluss frei von Feierlichkeit und gibt dem Erhabenen einen Ort, an dem es sich aufhalten kann.
Mit dem Licht kehren die Dinge der ersten Strophe in derselben Reihenfolge wieder — die Hoehen, der Weg, der Rauch der Doerfer —, nun aber ohne Angabe, ob sie draussen oder innen stehen. Diese Unbestimmtheit ist gewollt und wird erst durch die letzte Wendung des Satzes entschieden: „und der Baum, den er pflanzte, ist gruen in ihm.“ Es ist der Baum, den die Fremden in der zweiten Strophe nicht kannten; er ist nicht zurueckgewonnen, sondern versetzt.
Die Erkenntnis wird nicht ausgelegt, sondern durch eine Geste beglaubigt: „Er legt die Hand auf den Stein der Bruestung; kuehl / und nass von der Nacht ist er wie der Stein an der Quelle.“ Das Wiedererkennen geschieht koerperlich und beilaufig, an einer Temperatur. Zugleich schliesst der Stein den Bogen zur dritten Strophe, deren Gesetz — empfangen und zurueckgeben — sich hier im Umgekehrten erfuellt: was der Stein die Nacht hindurch aufgenommen hat, gibt er an eine Hand.
Die drei Schlusssaetze fuehren die Bewegung zu Ende, ohne sie zu benennen. Die Glocke verklingt, der Strom nimmt den Himmel auf — die tiefste Stelle der Landschaft empfaengt die hoechste —, und die letzte Zeile fuegt die beiden Richtungen des Gedichts zusammen: „Und aufwaerts und einwaerts geht ein Weg. Es tagt.“
VII. Sprache, Rhythmus, Satzbau
Das Gedicht steht in freien Rhythmen; es reimt nicht und haelt kein festes Silbenmass. Seine Einheit entsteht aus der Satzperiode, die sich regelmaessig ueber drei bis fuenf Verse spannt und deren Gewicht durch Enjambements gegen die Zeilengrenze verschoben wird. Auf lange Perioden folgen jeweils kurze Saetze — „Ein Mensch steht fern davon.“, „Das sieht der Wanderer an.“, „Es tagt.“ —, die dem Fluss Halt geben und die Gliederung markieren.
Die vielfache Reihung mit „und“ gibt dem Ganzen einen hymnischen, zugleich schlichten Gang. Der Wortschatz bleibt durchweg gegenstaendlich und ohne Altertuemelei: Schwelle, Zaun, Krug, Pflug, Scherbe, Tisch. Abstrakte Begriffe erscheinen nur dort, wo ein Ding sie sogleich wieder aufnimmt — das Mass bei den Saeulen, die Ordnung in den Taelern, die Waerme im Stein.
Auch der Klang folgt der Bewegung des Tages: die Abend- und Nachtstrophen sind von dunklen Vokalen getragen (Grunde, Furten, Rauch, Lehm, Jahrhunderte), waehrend die letzte Strophe in hellen Lauten schliesst (hell, Weg, steigt, gruen, tagt).
VIII. Der Titel
Das Wort „Ufer“ kommt im Gedicht nicht vor. Der Titel benennt, was der Text nur zeigt: den Ort des Entfernten, der an einem fremden Wasser steht, und zugleich jene innere Grenze, an der Erinnerung und Landschaft aneinanderstossen. Ein Ufer trennt nicht nur, es begleitet den Strom ueber die ganze Laenge seines Weges — auch dort, wo dieser sein Gebirge laengst hinter sich gelassen hat.
Tuapse, den 3. September 2026
Свидетельство о публикации №126090305286