Der ungeteilte Strom
Daniil Lazko
Der ungeteilte Strom
I
Still liegt das Tal, und ueber die Wasser gebeugt
steht schon der Abend, ein Ernster, und sammelt
die letzten Lichter ein, die auf dem Strome gingen.
Die Berge, uralt, in ihr Schweigen gehuellt,
halten die Wolke, die von den Waeldern kommt,
und alles ruht in dem ihm zugemessnen Mass,
der Fels im Fels, das Wasser in seinem Bett;
nur der, der zwischen ihnen wandert, ruht nicht
und traegt sein Fremdsein wie ein kleines Licht,
das keine Nacht und auch kein Morgen loescht.
II
Denn einst, so sagt das Wasser, wenn du es hoerst,
rief keiner in das Leere. Wer den Berg
beim Namen nannte, wurde angesehn.
Die Jahre gingen wie Vertraute durch die Fluren,
und was im Fruehling aufbrach, brach zugleich
im Menschen auf, und keiner nannte es Natur.
Es tranken Erde, Himmel und Gemuet
aus einer Schale; und das Heilige
war nicht ein Fernes, das man rufen musste,
es hielt sich bei den Lebenden und blieb.
III
Wann aber brach es? Keiner nennt die Stunde.
Kein Donner war es und kein zorniger Gott;
leis, wie im Sommer das Gewaesser sinkt,
sank uns die Fuelle weg, und eh wir es merkten,
trat aus der Sache das Wort und stand allein,
ein Zeichen unter Zeichen, kalt und hell.
Was wir einst hoerten, zaehlen wir nun ab.
Da wurde jeder sich zur Insel, und
die Meere zwischen uns sind ohne Schiff;
und ueber eine Welt, die auseinanderging,
kommt Abend, und sie weiss es kaum.
IV
Und dennoch, wenn die Nacht die Berge loescht
und nichts mehr trennt, was tags geschieden war,
kommt eine Landschaft, die ich nie betrat,
und legt sich auf die meine wie ein Atem
auf kaltes Glas: die Inseln, weiss im Mittag,
Oliven, die im Winde Silber wenden,
ein Meer, das Licht nicht spiegelt, sondern traegt,
und Menschen, denen Fest und Fluss und Gott
ein einziges Geschehen war; nicht Glaube,
den einer fuer sich haelt — ein Wohnen war es.
Nicht als ein Land der Karte kommt es her,
nicht als Geschichte, die man wiederholt:
es kommt als ein Gehoer fuer jenen Ton,
das wir besassen, eh wir uns besassen.
V
Und lange stand ich dort und sah hinab
und meinte, was verloren ist, sei fort.
Doch mitten in der Nacht befiel mich leise
ein anderer Gedanke, wie wenn sich
ein Stein loest und weit unten Antwort gibt:
Wer trauert, hat gewusst. Und keiner sucht,
was niemals war; kein Ohr vermisst ein Lied,
das nie geklungen hat. So ist die Klage
kein Ende, sondern Wissen, das noch klingt,
und was uns trennt, das haelt uns auch gebunden:
die Wunde weiss den Leib, aus dem sie kam.
VI
Denn sieh, der Strom, der unter Felsen geht
und meilenweit dem Auge sich entzieht,
ist darum nicht zu Ende; unten haelt er
sein altes Gefaell und findet wieder Tag.
Und in der Erde, unter totem Laub,
liegt schon der ganze Fruehling eingerollt
und schlaeft und rechnet nicht mit unserm Zweifel.
So mag die Harmonie, die uns entging,
nicht aufgehoben sein, nur uns entzogen,
verborgen im Bestand, wie Schnee im Sommer
dort oben bleibt, wo keiner ihn betritt.
VII
Und Heimat, die kein Weg mehr wiederbringt,
ist nicht ein Ort, aus dem wir fortgegangen;
sie ist der Grund, aus dem wir immer noch
gemacht sind, und die Seele weiss von ihm
wie von der Sprache, die man nicht mehr spricht
und dennoch traeumt.
VIII
Nun aber wird es hell am Rand der Welt.
Der Berg, der schwarz war, gibt die Farbe wieder,
das Wasser nimmt das erste Licht und traegt es
hinunter durch das Tal, wie jenes Meer.
Nicht heil ist, was zerbrach, und keiner soll
es rufen vor der Zeit. Und dennoch: Licht
kommt ueber eine Welt, die es nicht rief,
und ruehrt die Waelder an, und sie bestehn.
Ich gehe hin am Ufer. Fern und ungewiss
und dennoch leuchtend liegt der Tag bereit;
noch ist die Stunde nicht, noch trennt uns vieles,
doch etwas hebt sich, wie ein Ton, der kommt,
eh man ihn hoert. Der Morgen waechst. Und was
ihm in mir Antwort gibt, ist nicht mein eigen,
so wenig wie der Glanz das Werk des Stroms.
Tuapse, den 31. August 2026
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ANMERKUNG ZUR FORM
Das Gedicht steht in freien Rhythmen, ohne Reim, und umfasst achtundachtzig Verse in acht Strophen ungleicher Laenge. Sein rhythmischer Grund ist ein fuenfhebiger, ueberwiegend fallender Vers: neun von zehn Zeilen zaehlen zehn oder elf Silben. Diese Gleichmaessigkeit ist keine Nachgiebigkeit gegenueber der zerrissenen Bewegung der spaeten Hymne, sondern eine Entscheidung. Das Gedicht spricht von einer Ordnung, die unter dem Bruch fortbesteht; es hatte diese Ordnung im eigenen Gang hoerbar zu halten, statt sie durch metrische Nervositaet zu widerlegen.
Zweimal wird der Vers verkuerzt, und beide Male an der tiefsten Stelle des Gedankens: am Ende der dritten Strophe, wo der Abend ueber eine Welt kommt, die von ihrer eigenen Teilung kaum noch weiss, und am Ende der siebenten, wo von der Sprache des Ursprungs nur der Traum geblieben ist. Der Vers bricht dort ab, wo das Bewusstsein nicht weiterreicht.
Die Strophenfolge ist durchgehend gebunden: Abend, Erinnerung an das Ganze, Bruch, suedliches Gesicht in der Nacht, Wendung, verborgenes Fortbestehen, Heimat als Grund, Morgen. Kein Motiv wird eingefuehrt, das nicht spaeter wiederkehrt; Strom, Berg, Licht, Ton und Jahreszeit treten jeweils zweimal auf, das zweite Mal unter umgekehrtem Vorzeichen.
ZUR DEUTUNG
Das Vermoegen, um das dieses Gedicht trauert, ist nicht das Sehen, sondern das Hoeren. Es beginnt mit einem Wasser, das spricht, wenn man es hoert, und endet mit einem Ton, der ankommt, ehe er gehoert wird. Dazwischen liegt die genaue Bestimmung dessen, was verloren ging: was wir einst hoerten, zaehlen wir nun ab. Entfremdung erscheint hier nicht als moralischer Verfall und nicht als Verlust des Glaubens, sondern als Uebergang vom Vernehmen zum Zaehlen — von einer Welt, die antwortet, zu einer Welt, die sich addieren laesst.
Entsprechend hat der Bruch keinen Schuldigen. Kein Donner war es und kein zorniger Gott: das Ereignis wird als Sinken eines Wasserstandes beschrieben und als Auseinandertreten von Wort und Sache. Damit faellt der Ursprung der Trennung mit der Sprache selbst zusammen, also mit dem Mittel, in dem das Gedicht arbeiten muss. Aus dieser Lage stammt seine Zurueckhaltung: es erklaert kaum, es stellt hin.
Die suedliche Strophe erscheint erst in der Nacht, wenn die Berge geloescht sind und nichts mehr trennt, was der Tag geschieden hatte. Die alte Welt wird also nicht als Wissen zugaenglich, sondern nur unter der Bedingung, dass die sichtbaren Unterschiede erloeschen. Sie ist kein Land der Karte und keine wiederholbare Geschichte, sondern ein Gehoer, das wir besassen, ehe wir uns selbst besassen. In diesem Satz benennt das Gedicht den Preis: Selbstbesitz und Weltbesitz schliessen einander aus, und die Individuation ist zugleich der Gewinn und die Wunde des neueren Menschen.
Die Wendung in der Mitte ist kein Trost, sondern ein Schluss aus der Trauer: kein Ohr vermisst ein Lied, das nie geklungen hat. Wer klagt, hat gewusst; die Klage ist Wissen, das noch klingt; die Wunde weiss den Leib, aus dem sie kam. Die folgende Strophe wiederholt diesen Gedanken nicht als Behauptung, sondern in der Ordnung der Dinge: der Strom, der unter den Felsen weitergeht und wieder Tag findet, der eingerollte Fruehling unter totem Laub, der Schnee, der oben bleibt, wo niemand ihn betritt. Natur beweist hier nichts; sie sagt dasselbe in einer anderen Weise. Eben darin besteht die Behauptung des Gedichts, Natur, Geschichte und Seele seien Erscheinungen einer einzigen Wirklichkeit.
Der Schluss verweigert die Wiederherstellung. Nicht heil ist, was zerbrach — und niemand soll es vor der Zeit herbeirufen. Was eintritt, ist allein Licht, und es kommt ueber eine Welt, die es nicht gerufen hat; das Goettliche bleibt gegenwaertig als ein Unbestelltes. Die letzte Zeile macht daraus die eigentliche Erkenntnis: was im Wanderer antwortet, gehoert ihm so wenig, wie der Glanz das Werk des Stromes ist. Die Harmonie kehrt nicht als Besitz zurueck, sondern als Antwort, und die Sehnsucht, die bleibt, ist nicht mehr das Zeichen der Trennung, sondern die Form, in der die Verbindung noch besteht.
Tuapse, den 31. August 2026
Свидетельство о публикации №126083105633