Nebelgang ueber den Hoehen
Daniil Lazko
Nebelgang ueber den Hoehen
Gedicht
Tuapse, den 29. August 2026
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I
Noch eh der Tag sich ueber die Kaemme hebt,
liegt auf den alten Wegen graues Licht,
und was die Nacht an Bergen aufbewahrt hat,
gibt sie dem Morgen nicht sogleich zurueck.
Ein Meer aus Nebel steht in allen Taelern,
atmet und wandert, fuellt die Senken aus,
verhaengt die Waelder, nimmt den Hoehen ihr Mass
und macht die Welt so klein wie einen Schritt.
Der Wanderer geht hinein. Der feuchte Grund
gibt unter seinem Fusse keinen Laut;
nur einmal loest sich fern ein Stein am Hang
und schweigt in Farn und Moos.
II
Und wie er geht, beginnt der Nebel doch
zu geben, was er nahm, in kleinen Gaben:
ein Stamm tritt vor, mit Flechten ueberzogen,
ein zweiter, dann ein dritter, bis ihn dunkel
die Wand der Fichten eine Strecke fuehrt.
Ein Buchenzweig, von Tau beschwert, entlaesst
den Tropfen an das Laub des vorigen Jahres.
Ein Maeuerchen, kaum kniehoch, ohne Namen,
laeuft eine Weile neben ihm und bricht
im Farn dann ab, als haette es genug.
Von unten her, wo nichts zu sehen ist,
geht ein Geraeusch von Wasser durch den Grund:
ein Bach, der seine Richtung besser weiss
als jeder Weg. Ein Vogel ruft im Weissen,
und weiter oben nimmt ein zweiter auf,
was jener liegen liess. Und ueber allem,
und zweimal, dreimal, hebt sich eine Glocke
aus einem Dorf, das noch im Nebel liegt.
Dann wieder nichts.
III
Der Wegstein steht am Rande, schraeg, verwittert.
Er legt die Hand darauf. Der Stein ist kalt
und gibt ihm nichts zurueck als seine Naesse.
Was eingehauen war, hat Regen laengst
zu einer Schrift gemacht, die keiner liest;
und doch hat jemand hier gemessen und
gemeisselt, dass ein andrer sich im Nebel
nicht irre.
Der Stein weiss nichts davon. An ihm vorueber
ging alles, was die Menschen brauchten: Salz
und Erz und Brot; und Kinder liefen nach.
Er nimmt die Hand zurueck.
Dann steigt der Weg.
Die Kapelle im Hang hat noch den Bogen
der Tuer, sonst wenig mehr; und was der Moertel
nicht laenger bindet, bindet jetzt ein Efeu.
Ein Vogel fliegt ihm aus dem Bogen auf
und laesst die Stille lauter hinter sich.
Und oben, wo die Buchen lichter stehn,
liegt Mauerwerk im Laub, und was ein Turm
gewesen ist, ist Wall. Wer hier gewohnt hat,
ist nicht mehr zu fragen.
An einer Kehre steht die alte Eiche.
Er haelt sich einen Atemzug am Stamm.
Sie hat von jenen mehr behalten als
die Namen, die auf keiner Tafel stehn.
IV
Zuerst ist ihm, als sei ihm dies genommen:
als haette sich mit den Gesichtern auch
die ganze Zeit im weissen Morgen geloest,
und zwischen dem, was war, und dem, was ist,
sei nichts als Nebel, den kein Weg durchquert.
Doch waehrend er noch steht, geht dies vorueber.
Denn was ihn traegt, ist selbst schon ein Gedaechtnis:
der Pfad, den nicht ein Einzelner gemacht hat,
sondern der Tritt der vielen, Jahr um Jahr;
die Eiche, die man stehen liess, weil einer
sie schonte, den er niemals nennen wird;
der Bach, der jede Muehle ueberlebte
und immer noch dahin geht, wo er ging.
Nicht Stein allein bewahrt.
Auch dieses haelt: das Wiederkommen, das
kein Ende kennt, der Herbst, der wieder greift
in alle Buchen, und das Licht, das wieder
den Kaemmen aufliegt, Morgen fuer Morgen.
Vergehen ist nicht Ausloeschung; es wandelt
das eine in das andre, und was fortging,
wirkt anders fort: so bleibt ein Glockenschlag
noch in den Waeldern stehn, wenn keiner laeutet,
und haelt die Stille offen fuer den Tag.
V
Und wirklich kommt Bewegung in das Weisse.
Es hebt sich, teilt sich, wird zu langen Schleiern,
die zwischen Wipfeln stehn wie Rauch und gehn.
Ein Kamm wird sichtbar, dann ein zweiter, blau,
ein dritter, kaum noch mehr als eine Ahnung,
und dann nur Himmel.
Das Tal liegt offen: Daecher, ein Turm, ein Fluss,
der helles Licht in seinen Windungen traegt.
Im Osten wird der Himmel ohne Farbe
und dann von innen hell. Die letzten Sterne
erloeschen nicht, sie treten nur zurueck
in einen Glanz, der groesser ist als sie.
Dann steht das erste Licht auf einem Ruecken
aus Fichten, geht die Haenge langsam nieder,
und jeder Tropfen an den Graesern nimmt
sein Teil davon und gibt es weiter fort.
VI
Der Wanderer geht weiter. Nichts an ihm
ist anders als zuvor; der Morgen ist es.
Doch traegt er nun das Land ein Stueck in sich
wie Tau, der aus dem Gras in die Aermel geht
und erst am Mittag trocknet.
Im Tal, in einer Senke, bleibt ein Rest
von Nebel liegen, hell und ohne Eile,
und niemand fordert, dass er sich erhebe.
Nicht alles muss ans Licht. Es ist genug
zu wissen, dass es da ist unter Weiss.
Und hinter ihm, von unten, wie Geleit,
schlaegt eine Glocke in die fruehe Zeit.
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Literarische Analyse
Der Bau
Sechs Abschnitte, ein einziger Morgen, keine Handlung. Das Gedicht folgt nicht einem Geschehen, sondern einer Sichtbarkeit: es beginnt dort, wo nichts zu sehen ist, und endet dort, wo absichtlich nicht alles sichtbar geworden ist. Zwischen diesen beiden Punkten liegt kein Ereignis, sondern eine Veraenderung im Verhaeltnis des Wanderers zu dem, was er nicht sieht. Am Anfang ist das Verborgene ein Mangel. Am Ende ist es ein Bestand.
Diese Bewegung ist streng durchgefuehrt. Der erste Abschnitt nimmt der Welt ihr Mass und macht sie „so klein wie einen Schritt“; der zweite gibt sie in kleinen Gaben zurueck; der dritte laesst den Wanderer das Zurueckgegebene mit der Hand beruehren; der vierte deutet; der fuenfte oeffnet den Raum bis zum leeren Himmel; der sechste verzichtet freiwillig auf den Rest. Bemerkenswert ist, dass die Deutung nicht am Schluss steht, sondern in der Mitte. Was ihr folgt, ist keine Bekraeftigung, sondern ihre Pruefung an der Landschaft — und diese Pruefung faellt anders aus als der Satz, der sie veranlasst hat: der Wanderer, der eben noch begriffen hat, dass nichts verlorengeht, verlangt am Ende nicht, dass alles wiederkomme.
Der Nebel als Schwelle
Der Nebel dieses Gedichts ist weder Bedrohung noch Stimmungskulisse. Er ist ein Zustand des Wissens. Solange er liegt, ist die Welt nicht abwesend, sondern nur unbestaetigt; sie toent weiter, ohne sich zu zeigen. Der zweite Abschnitt lebt vollstaendig von dieser Differenz: das Wasser im Grund wird gehoert und nicht gesehen, der Vogel ruft „im Weissen“, die Glocke kommt aus einem Dorf, das nicht erscheint. Der Nebel trennt also nicht Sein und Nichts, sondern Sein und Sichtbarkeit — und genau diese Unterscheidung braucht das Gedicht spaeter, um seine Frage nach dem Gedaechtnis ueberhaupt stellen zu koennen.
Deshalb ist der Schluss kein Rueckzug, sondern eine Konsequenz. Wenn das Verborgene von Anfang an nicht als Leere behandelt wurde, dann muss der letzte Nebelrest in der Senke nicht mehr aufgeloest werden. Der Satz „Nicht alles muss ans Licht“ ist keine Resignation; er ist die Anwendung dessen, was der erste Abschnitt bereits vorgefuehrt hat.
Die zwei Beruehrungen
Der dritte Abschnitt ist der einzige, in dem der Wanderer handelt, und er handelt zweimal: er legt die Hand auf den Wegstein und nimmt sie zurueck; er haelt sich einen Atemzug lang am Stamm der Eiche. Zwischen diesen beiden Beruehrungen liegt ein Wegstueck, an dem Kapelle und Mauerwerk vorueberziehen, ohne dass er stehenbliebe. Der Abschnitt ist damit nicht als Aufzaehlung von Denkmaelern gebaut, sondern als Gang mit zwei Haltepunkten, und die Haltepunkte sind koerperlich, nicht rhetorisch.
Die erste Beruehrung wird ausdruecklich enttaeuscht: der Stein ist kalt und gibt „nichts zurueck als seine Naesse“. Das Gedicht verweigert hier die naheliegende romantische Auskunft, dass alte Dinge zu uns spraechen. Sie sprechen nicht. Erst die Feststellung, dass der Stein von den Menschen, die an ihm voruebergigen, nichts weiss, macht den Weg frei fuer die eigentliche These des Gedichts: dass Gedaechtnis nicht im Gegenstand sitzt, sondern in der Fortdauer eines Zusammenhangs.
Der historische Stoff bleibt entsprechend niedrig gehalten. Was den Weg benutzte, war Salz, Erz und Brot, und hinter den Karren liefen Kinder. Kein Name, kein Ereignis, keine Schlacht. Was von einem Turm uebrig ist, wird in vier Woertern erledigt: „was ein Turm / gewesen ist, ist Wall“. Der Satz „Wer hier gewohnt hat, ist nicht mehr zu fragen“ schliesst die Frage nach Personen ab, bevor sie sentimental werden kann.
Was der Moertel nicht mehr bindet
An der Kapelle steht das Bild, in dem das Gedicht seine Hauptaussage zum ersten Mal macht — vierzig Verse, bevor es sie ausspricht:
„und was der Moertel / nicht laenger bindet, bindet jetzt ein Efeu.“
Das Verb ist mit Absicht dasselbe. „Binden“ ist der eigentliche Ausdruck fuer die Leistung des Moertels; der Efeu uebernimmt nicht etwas Aehnliches, sondern genau diese Leistung, unter anderem Vorzeichen. Damit ist der spaetere Satz „es wandelt / das eine in das andre“ nicht mehr Behauptung, sondern Wiederholung einer bereits gezeigten Tatsache. Der Leser hat den Gedanken in der Sache gehabt, bevor er ihn im Wort bekommt — dies ist die entscheidende Fuegung des ganzen Textes und der Grund, warum der vierte Abschnitt nicht lehrhaft wirkt.
Drei Weisen des Gedaechtnisses
Der vierte Abschnitt setzt der Klage ueber das Verschwinden nicht einen Trost entgegen, sondern drei Beispiele, und diese drei sind sorgfaeltig unterschieden. Der Pfad ist von niemandem gemacht und von allen: „der Tritt der vielen, Jahr um Jahr“ — Gedaechtnis als Summe anonymer Arbeit. Die Eiche steht, weil ein einzelner Mensch sie verschonte, dessen Namen niemand kennt — Gedaechtnis als Folge einer einmaligen Schonung. Der Bach hat alle Muehlen ueberlebt und geht weiter, wohin er ging — Gedaechtnis ohne menschlichen Anteil, als blosse Fortdauer. Menschliche Muehe, menschliche Ruecksicht, natuerliche Beharrung: das Gedicht behauptet nicht, dass diese drei dasselbe seien, es stellt sie nebeneinander und laesst ihre Verschiedenheit stehen.
Erst danach folgt die Reihe des Wiederkehrenden — Herbst, Licht, „Morgen fuer Morgen“ —, die die Formel „Jahr um Jahr“ von vorhin aufnimmt. Zwei gleichgebaute Wendungen umschliessen so den Kern des Abschnitts. Der abschliessende Glockenschlag, der in den Waeldern stehenbleibt, „wenn keiner laeutet“, uebertraegt die Einsicht schliesslich vom Sichtbaren ins Hoerbare und bereitet damit die letzte Zeile des Gedichts vor.
Die Sterne
Der staerkste Einzelbefund steht im fuenften Abschnitt:
„Die letzten Sterne / erloeschen nicht, sie treten nur zurueck / in einen Glanz, der groesser ist als sie.“
Der Satz ist astronomisch zutreffend und braucht keine Uebertragung; er stellt nur fest, was am Morgenhimmel geschieht. Gerade deshalb traegt er die Deutung, ohne sie auszusprechen. Verschwinden und Aufhoeren werden hier nicht behauptetermassen, sondern anschaulich unterschieden — und zwar an einem Vorgang, den jeder Leser kennt und nie so genannt haette. Die Verse stehen im Gedicht an der Stelle groesster Oeffnung, unmittelbar nachdem der Blick ueber die Kaemme hinaus „nur Himmel“ gefunden hat.
Vers und Atem
Die Grundform ist ein reimloser fuenfhebiger Vers mit wechselnd maennlichem und weiblichem Ausgang, gefuehrt in langen, ueber die Zeilengrenzen laufenden Perioden. Endreim tritt an genau zwei Stellen auf, beide Male als Schluss einer Bewegung: „Glockenschlag / Tag“ am Ende des gedanklichen Zentrums, „Geleit / Zeit“ am Ende des Gedichts. Weil der Text sonst reimlos ist, wirken diese beiden Bindungen wie ein Zuklappen, nicht wie ein Schmuck.
Auffaellig ist die Verteilung der kurzen Verse. Der erste Abschnitt hat, bis auf seine Schlusszeile, durchweg gleich lange Zeilen; der dritte ist von kurzen Versen durchsetzt — „nicht irre.“, „Er nimmt die Hand zurueck.“, „Dann steigt der Weg.“, „ist nicht mehr zu fragen.“ Das Atemmass des Gedichts wird also genau in dem Masse unregelmaessig, in dem die Welt aus dem Nebel tritt und beruehrbar wird. Der gleichfoermige Beginn ist keine Nachlaessigkeit, sondern die klangliche Entsprechung einer ungegliederten Sicht.
Der Schluss
Die letzten fuenf Verse verzichten auf jede Zusammenfassung. Der Wanderer ist nicht verwandelt — „Nichts an ihm / ist anders als zuvor; der Morgen ist es“ —, und was er mitnimmt, wird ausdruecklich als etwas Unbemerktes beschrieben: Tau, der aus dem Gras in die Aermel geht und erst am Mittag trocknet. Das Bild ist die genaueste Aussage des Gedichts ueber das Gedaechtnis. Man erwirbt es nicht, man traegt es fort, ohne den Augenblick zu bemerken, und man bemerkt es spaeter. Mit „am Mittag“ weist der Text zum einzigen Mal ueber seinen eigenen Zeitraum hinaus; das Gedicht endet vor der Stunde, in der sein Ergebnis fuehlbar wuerde.
Der letzte Klang gehoert der Glocke, die „in die fruehe Zeit“ schlaegt — eine Wendung, die den fruehen Tag und die alte Zeit zugleich meint und beides nicht auseinanderhaelt. Damit bleibt am Ende offen, was das Gedicht von Anfang an offengehalten hat: dass Vergangenes und Gegenwaertiges sich nicht abloesen, sondern uebereinanderliegen wie die Schichten dieser Landschaft.
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Zur Stilform: Nationalromantik
Das Gedicht ist bewusst im Formenkreis der europaeischen Nationalromantik geschrieben, genauer: in jener deutschen Auspraegung, die zwischen etwa 1800 und 1860 die Landschaft zum Traeger kollektiver Erinnerung erhoben hat. Da dieser Begriff heute leicht missverstanden wird, sei genau bezeichnet, was von ihm uebernommen und was von ihm ferngehalten wurde.
Herkunft und Kern der Stilform
Die Nationalromantik entsteht aus Herders Gedanken, dass ein Volk sich nicht in Staatsformen, sondern in Sprache, Lied, Sitte und Landschaft ausspricht. In der Dichtung fuehrt das zu einem festen Bestand an Mitteln: der wandernde Einzelne als Blicktraeger; die Landschaft als beseeltes Gegenueber; die Ruine als sichtbar gewordene Zeit; die Glocke, der Bach, der alte Baum als Zeugen einer Dauer, die den Einzelnen uebersteigt; die Morgen- und Abendstunde als Schwellenzeiten, in denen die sichtbare Welt durchlaessig wird. Bei Eichendorff wird daraus die wandernde Innerlichkeit, bei Uhland die ruhige Verbindung von Landschaft und geschichtlichem Gedaechtnis, bei Novalis der Hinweis der sichtbaren Natur auf eine tiefere Wirklichkeit, bei Moerike die feine Naturbeobachtung, die einen kleinen Moment zur Erkenntnis verdichtet. Storm fuegt dem im spaeteren Jahrhundert die nuechterne Erinnerungsmelancholie hinzu.
Der Mittelgebirgsraum
Die Landschaft dieses Gedichts — bewaldete Hoehen, Fichten- und Buchenwaelder, schmale Hoehenwege, Burgreste auf den Ruecken, Dorfglocken in den Taelern — ist der klassische Raum dieser Dichtung. Harz, Thueringer Wald und Erzgebirge erscheinen hier nicht als benannte Orte, sondern als ein zusammenhaengender poetischer Typus. Das ist bewusst so gehalten: Der Text nennt keine einzige Ortschaft, keinen Fluss, keinen Berg beim Namen. Was entsteht, ist eine Hoehenlandschaft ueberhaupt, in der viele Zeiten uebereinanderliegen — und gerade die Namenlosigkeit verhindert, dass aus dem Landschaftsbild ein Besitzanspruch wird.
Was uebernommen ist
Uebernommen ist die erkenntnistheoretische Grundannahme der Stilform: dass Landschaft Gedaechtnis traegt und dass dieses Gedaechtnis nicht an Schrift und Denkmal gebunden ist. Uebernommen sind ferner die Wanderfigur, die Schwellenstunde, die Ruine, die Ferne der Glocke, der alte Baum, der Vorzug des Angeschauten vor dem Erkloerten — und die musikalische Satzfuehrung mit langen Perioden ueber die Verszeilen hinweg.
Uebernommen ist schliesslich der zurueckhaltende Umgang mit der Person. Der Wanderer spricht im ganzen Gedicht kein einziges Mal. Seine innere Bewegung wird nur an dem sichtbar, was er wahrnimmt, und an zwei Handbewegungen. Auch das ist ein Erbstueck der Stilform: die Innerlichkeit zeigt sich als Landschaftswahrnehmung, nicht als Bekenntnis.
Was ferngehalten ist
Ferngehalten ist alles, was die Nationalromantik im Verlauf des 19. und 20. Jahrhunderts politisch belastet hat. Das Gedicht nennt kein Volk und keine Nation. Es kennt keinen Helden, keine Schlacht, keine Herrschaft und keinen Ruhm. Die Burg erscheint ausschliesslich als Zerfall: was Turm war, ist Wall, und wer dort wohnte, ist ausdruecklich „nicht mehr zu fragen“. Der historische Stoff des Gedichts besteht aus Salz, Erz, Brot und Kindern hinter Karren — aus Handel und Alltag, nicht aus Macht.
Ebenso ferngehalten ist die Deutung der Geschichte als Sendung oder Bestimmung. Das Gedicht behauptet nicht, dass diese Landschaft jemandem gehoere oder etwas bedeute; es stellt lediglich fest, dass sie aelter ist als der Einzelne und dessen Spuren aufnimmt. Sein Gegenstand ist Vergaenglichkeit und Fortdauer, nicht Zugehoerigkeit.
Es ist der Sinn dieser Trennung, den Erkenntnisgewinn der Stilform zu bewahren und ihre Ideologie nicht mitzufuehren. Die Einsicht, dass ein Weg das Gedaechtnis der Tritte traegt, die ihn gemacht haben, ist von der Frage, wessen Tritte es waren, vollstaendig unabhaengig. Das Gedicht macht diese Unabhaengigkeit an einer Stelle ausdruecklich: die Eiche hat von den Vergangenen mehr behalten als die Namen, die auf keiner Tafel stehen. Bewahrt wird die Spur, nicht der Anspruch.
Sprachliche Haltung
Die Wortwahl bleibt innerhalb des Bestandes, den die Zeit um 1830 zur Verfuegung hatte, vermeidet aber gesuchte Archaismen ebenso wie erkennbare Anleihen bei einzelnen Vorbildern. Kein Vers, kein Reim und keine Bildfolge ist einem historischen Gedicht entnommen. Die Naehe zu Eichendorff, Uhland, Novalis, Moerike und Storm ist eine Naehe der Haltung, nicht des Wortlauts: uebernommen ist, wie man in dieser Tradition sieht, nicht, was in ihr gesagt worden ist.
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