Abend im tale

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Daniil Lazko
ABEND IM TALE
Eine Ode in alkaischen Strophen
Tuapse, den 25. Juli 2026
 
ABEND IM TALE
I
Hier halt ich ein, und lege den Wanderstab
Ins hohe Gras; da unten empfangt das Tal
Das letzte Gold, und langsam steigen
Schatten herauf aus den dunklen Grunden.
II
Der Bach verliert den Glanz, doch vernehmlicher
Wird nun die Stimme seines Gewassers mir,
Und Kuhle quillt, die Wiesen atmen
Feuchte hinauf in die stillen Zweige.
III
Zusammen schliesst der Wald sich, die Gipfel nur
Behalten noch den Schein; und ein Reiher zieht
Ins Dunkel hin, wo Nebel liegen
Uber dem Rohr und dem schwarzen Weiher.
IV
Und mir, dem Fremdling, kommt aus den Jahren her
Ein Rauch von Hutten, wandernd am Hang hinab,
Ein Brunnenrand, ein Tor der Vater —
Alles ersteht mir im Duft der Wiesen.
V
So lag das Licht auch uber den Buchten einst,
Wo Inseln ruhn im Meer und ein heiliger
Gesang die Gotter rief; nun schweigen
Hugel und Hafen; die Quellen dauern.
VI
Weit trieb es mich durch Lander und Strome hin,
Und immer stand ein Berg noch vor jedem Berg.
Nun steigt die Nacht, wie Wein in Schalen,
Fullend, und nirgend ein Tropfen uber.
VII
Und uber mir, noch ehe der Tag verglomm,
Tritt Stern zu Stern, und drunten am Wasser noch,
Wo Erlen stehn, verweilt ein Schimmer
Lange, als ware er nicht vergangen.
VIII
Und unter meiner Hand ist der Stein noch warm,
Er halt die Warme fest bis in Nacht hinein,
Und tiefer noch: die Wurzel hutet
Langer die Glut, als der Tag gedauert.
IX
Ich steige nieder, schopfe mit hohler Hand
Aus kuhler Flut und trinke den Himmel mit.
Nichts fehlt mir mehr. Zu meinen Fussen
Wandern die Sterne im dunklen Wasser.
Daniil Lazko — Tuapse, 25. Juli 2026
 
Literarische Analyse
Das Gedicht folgt einem einzigen Abend, und es folgt ihm ohne Sprung: von dem Augenblick, da der Wanderer auf der Anhohe innehalt und den Stab ins Gras legt, bis zu dem Augenblick, da er in das Tal hinabsteigt und aus dem Bach trinkt. Was zwischen diesen beiden Bewegungen liegt, ist keine Schilderung der Landschaft, sondern ein Tauschgeschaft der Sinne. Mit dem Licht geht das Sehen dahin, und was es freigibt, nehmen Gehor, Geruch und endlich die Hand in Empfang. Die zweite Strophe spricht dieses Gesetz beinahe als Gleichung aus: der Bach verliert den Glanz und gewinnt die Stimme. Von hier an ist das Sinken des Lichtes kein Schwinden mehr, sondern eine Umschichtung; das Gedicht wird darum dunkel, ohne traurig zu werden.
Die Bilder bleiben durchweg an Gegenstande gebunden. Ein Reiher, der ins Dunkel zieht; Nebel uber Rohr und Weiher; ein Rauch, der am Hang hinabwandert; ein Brunnenrand und ein Tor. Nichts davon ist Vergleich oder Zierat. Jedes Ding ist zuerst es selbst und tragt seine Bedeutung nur, weil es genau an dieser Stelle des Abends steht. So kommt auch die Erinnerung der vierten Strophe nicht als Gedanke, sondern als Geruch: die Hauser der Kindheit, der Brunnen, das Tor der Vater erstehen im Duft der Wiesen — nicht weil der Sprechende ihrer gedenkt, sondern weil die abendliche Feuchte sie ihm zutragt.
Die funfte Strophe offnet den Raum nach Suden, ohne ein Land zu nennen. Inseln, ein heiliger Gesang, Gotter, ein Hafen — mehr braucht es nicht, damit die Antike gegenwartig ist, und mehr ware Zitat. Entscheidend ist der Schluss dieser Strophe, der das Gewicht vom Namen auf das Wasser verschiebt: Hugel und Hafen schweigen, die Quellen dauern. Damit ist die Zeitrechnung des Gedichts gegeben. Sie zahlt nicht nach Geschlechtern und nicht nach Reichen, sondern nach Quellen, und in dieser Rechnung liegt zwischen dem griechischen Abend und diesem deutschen Tal kein Abstand mehr.
Die sechste Strophe bringt die Wende. Die Unruhe des Wanderers wird nicht benannt, sondern als Landschaft gezeigt: hinter jedem Berg stand immer noch ein Berg. Es ist die genaue Gestalt einer Sehnsucht, die sich am Erreichten nie erfullt, und sie braucht kein Wort uber sich. Unmittelbar darauf fullt die Nacht das Tal wie Wein in Schalen, und nirgend geht ein Tropfen uber. Das Mass, um das es in diesem Gedicht geht — der Ort, den jedes Endliche in einer hoheren Ordnung hat — erscheint hier als Rand eines Gefasses: die Nacht steigt bis dorthin, wo sie stehen soll, und nicht hoher.
Die achte Strophe liefert den Beweis, und sie liefert ihn mit der Handflache. Der Stein unter der Hand ist noch warm; er halt die Warme bis in die Nacht hinein, und die Wurzel hutet die Glut langer, als der Tag gedauert hat. Der zentrale Gedanke des Gedichts — dass das sinkende Licht nicht Verlust, sondern Ubergang ist — wird an dieser Stelle nicht behauptet, sondern gepruft. Das Gedicht sagt nichts uber die Dauer des Verschwundenen; es legt eine Hand auf einen Stein.
Die letzte Strophe redet nicht mehr, sie handelt. Der Wanderer steigt hinab, schopft mit hohler Hand und trinkt den Himmel mit: nach acht Strophen des Schauens ist dies der erste Griff, und die Begegnung von Erde, Mensch und Himmel, um die es von der ersten Zeile an ging, geschieht in einem einzigen Schluck. Der Satz, der folgt, ist das einzige unmittelbare Wort des Sprechenden uber sich selbst; er ist kurz, unphilosophisch und steht dort, wo alles Vorhergehende fur ihn aufkommt. Die Schlusszeile gibt schliesslich das Wandern weiter. Der Wanderer bleibt stehen, und die Sterne wandern im dunklen Wasser zu seinen Fussen fort. Das Gedicht endet nicht mit einem Ergebnis, sondern mit einer Bewegung, die ohne ihn weitergeht und ihn gerade darin aufnimmt.
Zur Form
Neun alkaische Strophen, reimlos, nach dem Bau von elf, elf, neun und zehn Silben. Das Gedicht folgt durchweg der deutschen Tradition der alkaischen Ode und halt ihre Strophenform mit nur geringen, sprachbedingt unvermeidlichen Freiheiten ein.
Diese Einschrankung ist keine Hoflichkeitsformel, sondern eine Sache der Sprache selbst. Die antike Strophe des Alkaios beruht auf Lange und Kurze der Silben; das Deutsche kennt dieses Mass nicht und ersetzt es seit Klopstock durch Hebung und Senkung. Was in einer deutschen alkaischen Ode also uberprufbar bleibt, ist die Silbenzahl und der Ort der Hebungen, nicht die Quantitat. Auch bei den Meistern des Masses bleiben darum kleine Freiheiten stehen, und wer sie leugnet, verspricht mehr, als eine germanische Sprache halten kann.
Die Form ist fur das Thema gewahlt und nicht als Schmuck. Die beiden langen Eroffnungszeilen jeder Strophe erlauben den weiten Satz, der uber die Zeilengrenze hinweg atmet; die kurzere dritte hebt an, und die vierte fallt in daktylischer Bewegung ruhig zuruck. Diese Senkung am Ende jeder Strophe entspricht dem Vorgang, den das Gedicht beschreibt: neunmal steigt etwas an und legt sich, wie das Licht neunmal tiefer sinkt, bis es im Wasser zu Fussen des Wanderers wieder erscheint.
Historische Anmerkung
Die alkaische Strophe tragt den Namen des Alkaios von Lesbos und gelangte durch Horaz in die Schulen des Abendlandes, wo sie ein Mass fur das gehobene, gefasste, nicht hymnisch uberschwellende Gedicht blieb. In die deutsche Dichtung fuhrte sie Klopstock in den Oden der funfziger Jahre des achtzehnten Jahrhunderts ein, und zwar in jener akzentuierenden Nachbildung, die seither massgeblich ist. Holderlin hat diese Strophe in den Jahren um 1800 gebraucht und dabei die kurze, epigrammatisch geschlossene Ode zur weitraumigen erweitert; die Parzen-Ode ist ihr bekanntestes deutsches Beispiel.
Das Bild eines Abends uber einem stillen Tal gehort zu den altesten Gegenstanden europaischer Dichtung und war um 1800 zugleich ein Ort geistiger Entscheidung: was der Abend zeigt, ist die Frage, ob das Endliche in einer hoheren Ordnung steht oder nur verschwindet. Das vorliegende Gedicht antwortet auf diese Frage mit den Mitteln der Landschaft selbst — mit dem warmen Stein, der Wurzel, dem Rand der Schale, dem Wasser, das die Sterne tragt — und tritt damit in eine Tradition ein, ohne eine ihrer Zeilen fortzuschreiben.
Die griechische Strophe des Gedichts nennt kein Land, keine Stadt und keinen Gott mit Namen. Das ist Absicht: die Antike erscheint nicht als Bildungsgut, sondern als dasselbe Licht, das jetzt in diesem Tal steht, und als dasselbe Wasser, das die Namen der Geschlechter uberdauert. Weder in dieser noch in einer anderen Strophe ist eine fremde Zeile aufgenommen, umschrieben oder nachgebildet; der Text ist vollstandig eigenen Ursprungs.


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