Die alte Burg
Daniil Lazko
Die alte Burg
Gedicht
Tuapse · Tuapse
7. Juli 2026
Die alte Burg
Der Pfad fuehrt sacht durch herbstliches Gelaende,
wo Buchengold sich leis zur Erde neigt,
bis ueberm Wald die halbverfallnen Waende
der Burg erscheinen, wo der Felsen steigt.
Kein Ritter naht, kein Erbe alter Ehren —
ein stiller Gast nur kommt durchs leere Tor
und legt die Hand an Quader, die noch waehren:
noch haelt der Stein den Tag, der sich verlor.
Im Hof waechst Gras auf laengst gebrochnen Schwellen,
der Efeu deckt die Truemmer Jahr um Jahr;
tief unten zieht der Strom mit stillen Wellen,
als wuesste er noch alles, was hier war.
Die Abendsonne giesst auf Wall und Zinnen
ihr letztes Gold, eh sie im Walde sinkt;
der muede Stein scheint sich noch zu besinnen,
indes vom Dorf ein fernes Laeuten klingt.
Wer hier gebaut, gewacht, geliebt, gelitten —
kein Stein bewahrt es und kein Wappenschild;
die Namen sind wie Laub davongeglitten,
der Zug der Zeit ging ueber Wort und Bild.
Doch was vergeht, ist nicht dahingegeben:
der Wald behaelt, was Menschenmund vergisst;
in Eichen rauscht ein unverlornes Leben,
im Strome zieht, was einst gewesen ist.
Der erste Stern tritt ueber dunkle Waelder,
der Himmel weitet sich, so tief und klar;
das letzte Laeuten sinkt in Wies' und Felder
und bleibt im Tal, als ob es immer war.
Nicht Stein und Mauer halten fest die Zeiten —
sie sinken hin, wie alles Werk vergeht;
doch Wald und Fluss und Himmel, sie begleiten
die Seele, die durch alle Wandlung geht.
Ihm ist, als waer er heimgekehrt im Gehen:
das welke Laub, es raschelt ihm vertraut,
die alten Wipfel, die im Dunkel stehen,
sind wie ein Haus, das niemand ihm gebaut.
Er steigt hinab; noch klingt es in den Buchen
wie fernes Laeuten, das nicht ganz verklang;
und wer so ging, der muss nicht laenger suchen:
still geht der Stern mit ihm den Weg entlang.
Betrachtung
„Die alte Burg“ steht in der Ueberlieferung der deutschen romantischen Lyrik des neunzehnten Jahrhunderts: zehn Strophen fuenfhebiger Jamben in Kreuzreim, mit dem Wechsel weiblicher und maennlicher Kadenzen — die Strophe Uhlands und des spaeten Eichendorff. Die alte Rechtschreibung (wuesste, vergisst, muss) ist durchgehend gewahrt und dient nicht als schmueckender Archaismus, sondern als natuerliches Zeichen der sprachlichen Schicht jener Zeit.
Der Aufbau folgt einem geschlossenen Weg: dem Aufstieg durch den herbstlichen Buchenwald, der Betrachtung der Ruine, der geschichtlichen Einkehr, der stillen Erkenntnis und dem Abstieg auf derselben Strasse. Der Kreis ist nicht nur raeumlich, sondern auch dem Sinne nach geschlossen: das Suchen, in der zweiten Strophe durch die Hand am behauenen Stein angedeutet, loest sich im vorletzten Vers — „und wer so ging, der muss nicht laenger suchen“. Das Wort „suchen“ faellt nur ein einziges Mal, im Augenblick, da das Suchen vollendet ist; den ganzen Weg zuvor geschieht es durch Gebaerden — die Hand auf dem Stein, das Lauschen auf das ferne Laeuten.
Das tragende Leitmotiv des Gedichts ist die Glocke. Sie ist durch drei Stufen gefuehrt: in der vierten Strophe dringt das ferne Laeuten zum ersten Mal aus dem Dorf herauf; in der siebenten sinkt der letzte Klang in die Wiesen und bleibt im Tal, „als ob es immer war“; im Schluss klingt das Laeuten schon im Gehenden weiter — „das nicht ganz verklang“. So erweist sich der Klang, seiner Natur nach das Fluechtigste aller Dinge, als der dauerhafteste Traeger der Erinnerung — im Gegensatz zum Stein, der, wie die Hand des Wanderers erfaehrt, nur die Waerme des vergehenden Tages bewahrt, nicht aber die Zeiten selbst.
Diesem Gegensatz ist auch die durchgehende Linie des Steines unterstellt: in der zweiten Strophe „noch haelt der Stein den Tag“ — der Stein haelt noch; in der achten „Nicht Stein und Mauer halten fest die Zeiten“ — der Stein haelt nicht. Zwischen diesen beiden Aussagen liegt die geschichtliche Einkehr der fuenften und sechsten Strophe: die Namen derer, die bauten und liebten, sind hinweggeglitten wie das Laub, doch der Wald behaelt, was der Menschenmund vergisst, und in den Eichen rauscht „ein unverlornes Leben“. Nicht die Denkmaeler, sondern die Elemente — Wald, Fluss, Himmel, Licht — sind die Hueter des Vergangenen.
Die achte Strophe, die einzige gnomische Verallgemeinerung des Textes, folgt der Konvention der Gattung: ein Sinnspruch je Gedicht, wie in den Spruechen Uhlands und den Schlussstrophen Eichendorffs. Sie ist sinnlich vorbereitet: die Einsicht, dass nicht der Stein die Zeiten haelt, waechst unmittelbar aus dem eben Gehoerten — das Laeuten ging, und blieb doch.
Die neunte Strophe gibt das Bild einer gefundenen Heimat ohne ein einziges abstraktes Wort: das Rascheln des welken Laubes, vertraut wie eigenes; die alten Wipfel im Dunkel — „wie ein Haus, das niemand ihm gebaut“. Das Haus, das niemand baute, ist ein leises Echo der nicht von Haenden errichteten Wohnung, gefuehrt ohne ein einziges religioeses Wort. Das Schlussbild des Sterns, der still auf dem Weg hinab mitgeht, behauptet nichts und predigt nichts: es laesst nur das Licht zurueck.
Kulturgeschichtliche Anmerkung
Das Bild der halb verfallenen mittelalterlichen Burg ueber einem Flusstal gehoert zu den zentralen Topoi der deutschen Romantik. Nach der Saekularisation und den napoleonischen Kriegen standen Hunderte von Burgen am Rhein, an der Mosel und am Neckar sowie in den Mittelgebirgen Thueringens und Hessens in Truemmern, und gerade in diesem Zustand — nicht als Denkmaeler der Macht, sondern als Orte der Stille und des Ueberwachsens — gingen sie in die Lyrik Eichendorffs, Uhlands und der schwaebischen Dichter ein. Die Ruine wurde nicht elegisch-duester verstanden, sondern versoenhnt: als jene Stelle, an der die Geschichte der Natur zurueckgegeben wird.
Der fuenfhebige Jambus im Kreuzreim ist das Versmass der betrachtenden, meditativen Lyrik jener Zeit, verschieden vom liedhaften Vierheber der Volksueberlieferung: er gibt dem Vers den Atem der langen Periode und die Wuerde der gemessenen Rede. Das abendliche Glockenlaeuten, das aus dem Tal zu den Hoehen heraufsteigt, ist ein bestaendiges Klangzeichen dieser Dichtung, das die bewohnte Welt des Dorfes mit dem einsamen Raum der Berge und Ruinen verbindet.
Das Gedicht ist als vollstaendig eigenstaendiges Werk im Geiste der deutschen romantischen Ueberlieferung des neunzehnten Jahrhunderts geschrieben: es gibt weder Verse noch charakteristische Wendungen der genannten Dichter wieder, sondern besteht im gemeinsamen Feld ihrer Poetik — dort, wo die Landschaft zum Raum der Erinnerung wird und die Natur bewahrt, was der Stein nicht hielt.
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