Islamismus Keinen Schritt weiter?

Islamismus: Keinen Schritt weiter?
Der Verfassungsschutz meldet: Die gr;;te politische Gefahr sind Rechtsextreme zu 45 %, ihnen folgen Linksextreme zu 33 % - die dritte Gefahr verschweigen die Medien seit 30 Jahren: Die Islamisten, aktuell 22 %.


2. Juli 2026
von Alice Schwarzer
Muslime beten vor dem Brandenburger Tor. - Foto: X
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Vor zwei Tagen habe ich einen Beitrag in der Tagesschau gesehen, in dem der aktuelle Jahresbericht des Verfassungsschutzes vorgestellt wurde. Demnach sind unter den Gef;hrdern die Rechtsextremen mit 45 % f;hrend, ihnen folgen die Linksextremen mit 33 %. Die dritte Gef;hrdergruppe wurde verschwiegen: die Islamisten mit 22 %.

Unglaublich, aber wahr: Dasselbe habe ich 1996 schon mal ganz ;hnlich erlebt. Da hatte der damalige Pr;sident des Verfassungsschutzes, Peter Frisch (SPD), in der Pressekonferenz zum Jahresbericht wortreich erkl;rt, er sehe als gr;;te Gefahr f;r die deutsche Demokratie aktuell die Islamisten. An zweiter Stelle st;nden laut Statistik f;r ihn die Rechtsextremisten.

Am Abend und dem Tag darauf berichteten die Medien. Sie vermeldeten fl;chendeckend, der Pr;sident des Verfassungsschutzes habe erkl;rt, die gr;;te Gefahr f;r Deutschland seien nach seiner Erfahrung die Rechtsextremen. Die Islamisten, die f;r Frisch an erster Stelle standen, erw;hnten die Medien unisono mit keinem Wort.

Ich fand das damals so ungeheuerlich, dass ich den Verfassungsschutzpr;sidenten um ein Interview bat. Er nannte in unserem Gespr;ch die Zahl von 31.800 organisierten Anh;ngern eines Gottesstaates in Deutschland, die meisten Mitglieder von Milli G;r;s. F;r Frisch war schon damals der Islamismus „das Problem des n;chsten Jahrhunderts“, also unseres 21. Jahrhunderts. Der Jurist und Sozialdemokrat war „aus ;berzeugung“ Verfassungssch;tzer geworden, „damit nie mehr solche Verbrechen passieren k;nnen wie in der Nazizeit“.

1996: Jeder f;nfte t;rkische Jugendliche w;nschte sich die Scharia als Gesetz.

Zur gleichen Zeit ver;ffentlichte der Jugendforscher Heitmeyer seine neuesten Erkenntnisse. Demnach setzten zwei von drei t;rkischen Jugendlichen eher auf eine „starke t;rkische Nation“ als auf die Demokratie. Jeder dritte Jugendliche f;hlte sich von der islamistischen Milli G;r;s bestens vertreten und jeder f;nfte w;nschte sich, dass die Scharia Gesetz w;re – darin steht u.a. Tod durch Steinigung bei Ehebruch. F;r Frauen.

Das war vor 30 Jahren. Seither ist der politische Islam weltweit in die Offensive gegangen, verknechtet ganze L;nder und bedroht den gesamten demokratischen Westen. Der Verfassungsschutz vermeldet nun auch 2026 bei den Gefahren durch Extremisten mitten in Deutschland die Islamisten an vorderer Stelle (wobei er den legalistischen Islamismus nicht in der Statistik hat). Und die Medien? Die Medien verschweigen bzw. leugnen mal wieder die Existenz und die Gefahr des Islamismus.

Seit 30 Jahren. Ich kann es kaum fassen.

ALICE SCHWARZER

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Islamismus: Die falsche Toleranz
Man h;tte es wissen k;nnen, aber man wollte es nicht wissen. Vor allem in Deutschland nicht. Jetzt, nach einem Vierteljahrhundert ungehinderter islamistischer Agitation - gef;rdert nicht nur von den Gottesstaaten, sondern auch von so mancher westlichen Demokratie - l;sst es sich nicht l;nger leugnen: Diese islamistischen Kreuzz;gler sind die Faschisten des 21. Jahrhunderts - doch sind sie vermutlich gef;hrlicher als sie, weil l;ngst global organisiert.


25. Juli 2002
von Alice Schwarzer

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Allein aus den seit Jahren bekannten Trainingslagern von al-Qaida str;mten in den vergangenen Jahren mindestens 70.000 Gotteskrieger aus 50 Nationen in die ganze Welt; etliche Staaten sind ganz in der Hand der Fundamentalisten, wie der Iran; einige halb, wie Pakistan; und so manche zittern unter ihrer Faust, wie Algerien. Jetzt geht auch im Westen die Angst um. Denn ;ber das Einfallstor Balkan sind die in Bosnien, Albanien und dem Kosovo w;tenden islamistischen S;ldner in das Herz von Europa gedrungen, mit der Unterst;tzung des Westens. Die selbsternannten Gotteskrieger haben Italien zu ihrer logistischen Basis, England zu ihrer propagandistischen Zentrale und Deutschland zu ihrer europ;ischen Drehscheibe gemacht. L;ngst haben die pseudoreligi;sen Terroristen mafi;se Strukturen, schaufeln sie ihre Dollars mit Drogen- und Frauenhandel.

Ist es noch f;nf vor zw;lf - oder schon sp;ter? Sind die Kreuzz;gler auf dem Weg zur islamistischen Weltherrschaft noch zu stoppen - und ist die aufgekl;rte Welt ;berhaupt noch zu retten? Optimisten weisen darauf hin, dass der Unmut der Bev;lkerung in den real existierenden Gottesstaaten wachse, und die Terroristen unter den Muslimen im Westen in der Minderheit seien. Was stimmt. Nur will das nicht viel besagen. Denn wo die Schriftgl;ubigen die Macht haben, herrscht echter Terror; und wo sie agitieren, d;mpelt falsche Toleranz.

Versch;rfend hinzu kommt, dass so mancher M;chtige auch im Westen geglaubt hat, mit dem Geist in der Flasche spielen, ihn f;r eigene Interessen benutzen zu k;nnen - gegen Kommunisten oder f;r Pipelines - doch ist dieser Geist schon l;ngst der Flasche entkommen.

Die Parallelen zu 1933 dr;ngen sich auf. Und auch damals handelte es sich um (zun;chst) reine M;nnerb;nde, waren von 42.000 NSDAP-Mitgliedern 1933 93 Prozent m;nnlich, die Mehrheit im Alter von 27 bis 29 Jahren. Auch damals handelte es sich (zun;chst) um eine Minderheit, die von einer gleichg;ltigen oder sympathisierenden Mehrheit toleriert wurden. Auch damals waren (zun;chst) die Juden im Visier - und die Frauen. Und nicht zuf;llig war eine der ersten Ma;nahmen sowohl in Hitlers wie auch in Khomeinis Regime das Berufsverbot f;r weibliche Juristen. In beiden F;llen treibt die M;nnerb;nde ein explosives Gemisch aus Nationalismus und Sozialismus, aus Rassismus und Mystik.

Drei Fragen stellen sich nun seit dem 11. September endlich auch im Westen mit Dringlichkeit: 1. Ist der Geist wieder in die Flasche zur;ckzutreiben? 2. Wie konnte es ;berhaupt so weit kommen? 3. Was sind die wahren Ursachen? Genau diese Fragen bewegen mich seit ;ber 20 Jahren. Genau gesagt: seit meiner Reise im M;rz 1979 in den Iran.

Doch all das wurde im Westen ;ber Jahrzehnte ignoriert. Das Drama der entrechteten Frauen im Iran der 80er - ausgeblendet im Namen der revolution;ren Volksbewegung. Das Leid der von den islamistischen S;ldnern in blutige B;rgerkriege gest;rzten L;nder, wie Algerien oder Tscheschenien - geleugnet im Namen der gerechten Sache der Entrechteten. Die Warnung vor einer Unterwanderung Deutschlands und der internationalen Vernetzung der Islamisten in den 90ern - abgetan als Hirngespinste.

EMMA, in all den Jahren eine der raren Stimmen im deutschsprachigen Raum, die kontinuierlich ;ber die Gefahr des islamischen Fundamentalismus berichteten, bezahlte 1994 daf;r sogar mit der einzigen physischen Attacke ihrer Geschichte: Maskierte Frauen st;rmten die Redaktionsr;ume, zerst;rten die Computer und hinterlie;en einen Haufen realen Mistes. Dazu Flugbl;tter, die den Rassismus von EMMA anklagten und sich auf ein im Juli 1993 ver;ffentlichtes Dossier ;ber die steigende Macht der Islamisten mitten in Deutschland beriefen.

Das ganze war feministisch signiert, aber trug, laut der erstaunten Polizei, die Handschrift der PKK. Ich staunte weniger, denn mir waren die Verwicklungen zwischen Befreiungsbewegungen wie der kurdischen PKK oder der pal;stinensischen Hamas einerseits und revolutionsschw;rmerischer deutscher Linker beider Geschlechter andererseits schon l;nger klar...

Nach solchen Erfahrungen haben mich auch die Reaktionen beim Friedenspreis des deutschen Buchhandels im Herbst 1995 an die Orientalistin Annemarie Schimmel nicht mehr wirklich ;berrascht. Da antworteten mir Professoren und Schriftsteller bei meiner Suche nach Verb;ndeten: Ich bin ganz ihrer Meinung, aber bitte haben Sie Verst;ndnis, dass ich nicht unterzeichne - ich habe Angst. So weit war es also schon, dass selbst Nicht-Muslime mitten in Deutschland Angst hatten, die Islamisten ;ffentlich zu kritisieren. Ein Professor erz;hlte mir gar von Morddrohungen nach einem kritischen Seminar ;ber die Muslimbr;der.

Mit eben diesen ;gyptischen Muslimbr;dern, die Ende der 20er Jahre entstanden und heute als ideologischer Ursprung des internationalen islamischen Terrors gelten, sympathisierte die Friedenspreistr;gerin Schimmel ganz unverhohlen, ebenso mit dem Gottesstaat Iran. Und nicht zuf;llig ist im fundamentalistisch unterwanderten Pakistan gleich eine ganze Allee nach der deutschen Professorin benannt: die Annemarie-Schimmel Allee in Lahore - ;ber die die verschleierten Frauen wohl nur noch in m;nnlicher Begleitung huschen d;rfen.

Dennoch: H;tte es den damals von EMMA initiierten Intellektuellen-Protest gegen diesen Preis nicht gegeben - niemand h;tte auch nur dar;ber nachgedacht, wie fragw;rdig es ist, ausgerechnet eine Freundin der islamischen Kreuzz;gler und der iranischen Ayatollahs zur Friedesnpreistr;gerin zu machen - und damit auf den Fundi-Trick hereinzufallen, eine Sympathisantin auf den Posten der (pseudo)neutral-wissenschaftlichen Botschafterin im strategisch nicht unwichtigen Deutschland hieven zu wollen. Nur Dank des aufkl;renden Protestes wurde dieser Friedenspreis wohl schon bei seiner Verleihung auch von den Verleihern selbst als unpassend empfunden - doch bis heute wurde nicht analysiert, wie es eigentlich dazu kommen konnte und wer dahinter steckte. Warum zum Beispiel hat bei der durchaus auch innerhalb der Jury stark umstrittenen Entscheidung ausgerechnet das Jury-Mitglied Prof. Wolfgang Fr;hwald, ein bekennender christlicher Fundamentalist, eine so entscheidende Rolle gespielt?

Auf der internationalen Ebene probten die christlichen und die islamischen Fundamentalisten bereits 1985 den Schulterschluss: erstmals bei der 3. Weltfrauenkonferenz in Nairobi, im Visier die Emanzipation der Frauen. Zehn Jahre sp;ter gingen sie dann auf der Weltfrauenkonferenz in Peking in die Offensive. Und auf der Nachfolgekonferenz im Jahre 2000 in New York trat die Vatikan-Iran-Connection unverh;llt als der entschiedenste Gegner der Frauen auf: gegen Verh;tung, Abtreibung oder freie Sexualit;t und f;r Verschleierung und Klitorisverst;mmelung.

Auch die Querverbindungen zwischen den j;dischen Ultraorthodoxen und den pal;stinensischen Fundamentalisten sind seit langem bekannt. Den Pal;stinenserinnen ist es ergangen wie den Algerierinnen und allen Frauen in den Freiheitsbewegungen der Ex-Kolonien, die sich auf ihre angeblichen Wurzeln berufen, dieses Gebr;u aus Nationalismus und Religion. Einst k;mpften diese Frauen mit dem Maschinengewehr in der Hand: f;r Freiheit f;r alle. Heute sind die M;nner an der Macht und die Frauen unsichtbar geworden: unter den Schleier gezwungen von ihren einstigen Weggenossen.

Diese Genossen sind offensichtlich ;berfordert durch den doppelten Verlust von m;nnlicher Autorit;t: in der Welt und im Haus. Ihre Intellektuellen und meist im Westen ausgebildeten Anf;hrer wissen nur zu gut um die Bedrohung ihrer patriarchalen ;berlegenheit durch die Frauenemanzipation; und die von ihnen verf;hrten arbeitslosen jungen M;nner haben endlich wieder eine Perspektive: das Paradies; und einen, der noch unter ihnen ist: die Frauen.

Denn es geht hier nicht um Glauben, es geht um Macht. Der Frage, wieweit sich unter den drei gro;en monotheistischen Religionen der Islam besonders zum politischen Missbrauch eignet, wird nicht nachgegangen. Eine fatale Rolle bei der Verschleierung dieser Frage und der Verwischung von Islam und Islamismus hat bisher auch im Westen die daf;r zust;ndige Wissenschaft, die Orientalistik, gespielt. In Deutschland wird dazu noch immer geschwiegen, in L;ndern wie den USA oder Frankreich ist die Kritik an den Islamwissenschaften inzwischen lauter geworden. Die Orientalisten werden bezichtigt, den Gegenstand ihrer Forschung idealisiert zu haben, und dar;ber hinaus nur allzu oft abh;ngig zu sein von den Gnaden islamischer L;nder, wenn nicht sogar von ihren Zuwendungen.

Die Folge ist nicht nur eine weitgehend unkritische Islamwissenschaft, die von 11. September wie aus heiterem Himmel getroffen zu sein scheint, sondern auch eine unkritische Berichterstattung der Medien. Die lag n;mlich bisher in den H;nden von Experten, soll hei;en: von IslamwissenschaftlerInnen und KonvertitInnen (nicht selten in Personalunion beides) - Letztere aber spielen vermutlich nicht nur in Deutschland eine besonders problematische Rolle.

Die meisten deutschen Konvertiten kommen, laut dem Mitbegr;nder des Zentralrats der Muslime und Konvertit Murad Wilfried Hofmann, aus den Kreisen der Gr;nen. Nachdem eine verunsicherte westliche Linke ihren Glauben an die Revolution und ihre Halbg;tter ; la Mao oder Che Guevara verloren hat, sucht sie anscheinend nun ihr Heil in einem neuen Glauben, neuen G;tter und neue Helden: was einst die Vietcong oder die Revolution;ren Garden waren, sind ihnen heute die Gotteskrieger.

Warum aber ist die Sympathie f;r die Islamisten gerade in Deutschland so besonders gro;? Einige Gr;nde liegen auf der Hand, ;ber andere muss noch genauer nachgedacht werden. Klar ist, dass die Deutschen seit der Nazizeit ganz besonders bem;ht sind, ;ber dem Verdacht des Rassismus zu stehen und Fremdes demonstrativ zu tolerieren. Klar ist ebenfalls, dass der Protestantismus ein besonderer N;hrboden zu sein scheint f;r gei;elnde Selbstverleugnung und adorierende Fremdenliebe. Aber da sind auch noch andere Motive, die nicht ganz so eindeutig sind. Zum Beispiel das der ;berheblichkeit, f;r die Fremde die anderen sind, Menschen mit anderen Sitten und einer anderen Kultur, f;r die uns elementar und unverzichtbar scheinende Werte wie Menschenrechte und Freiheit des Individuums einfach nicht gelten. Oder auch das des Machotums, bei dem eine klammheimliche Freude aufkommt angesichts der brutal entrechteten Frauen - geht es denn den hiesigen Frauen dagegen nicht noch gold? Unterst;tzt wird dieses Denken von einem pseudo-feministischen Differenzialismus, der schon immer der ;berzeugung war, dass Frauen eigentlich anders seien als M;nner und es Zeit sei f;r eine R;ckbesinnung auf die "wahren weiblichen Werte".

Das war in der ersten Frauenbewegung nicht anders, auch da mussten nur die Radikalen, die Universalistinnen, vor den Nazis ins Exil fliehen - die Differenzialistinnen bzw. Biologistinnen glaubten zun;chst, mitmischen zu k;nnen bei den M;nnerb;nden. Die allerdings verwiesen selbst die willigsten Komplizinnen rasch auf ihre Pl;tze. Und wo im Namen einer "Natur der Frau argumentiert wird, da ist selbstverst;ndlich auch die Natur des Juden oder des Negers nicht weit. Sexismus und Rassimus sind zwei Seiten einer Medaille.

Auch heute argumentieren vor allem die ;bereifrigen Konvertitinnen auch im Namen der Emanzipation. Ist es denn nicht besser, eine verschleierte Frau zu sein als ein nacktes Objekt? Nein. Denn Verh;llung und Entbl;;ung sind nur zwei Seiten ein und derselben Medaille, auf der da geschrieben steht: Frauen sind der Besitz der M;nner, sie geh;ren einem (bei Verh;llung) - oder allen (bei Entbl;;ung).

Von Anfang an war das Kopftuch darum das Symbol, die Fahne des Feldzuges der Gotteskrieger. Am Kampf f;r das Kopftuch sind sie zu erkennen: die Islamisten und ihre, bestenfalls, naiven FreundInnen. Der deutsche Paradefall daf;r ist Fereshta Ludin, die per Gerichtsbeschluss erzwingen will, dass sie ihr privates Kopft;chlein auch in deutschen Schulen tragen kann. Von der taz ("Recht auf Toleranz") ;ber die S;ddeutsche Zeitung ("nicht reduzieren auf ein St;ck Stoff") bis zur Zeit ("wie das Kreuzlein an der Kette") ging ein Aufschrei der Emp;rung durch das Land, als Ludin ihren von den Gewerkschaften unterst;tzten Prozess in erster Instanz verlor.

Aber wer ist diese Fereshta Ludin, die mit einem deutschen Konvertiten verheiratete Afghanin wirklich? Diese heute 29-J;hrige, die die Tochter eines Botschafters und einer emanzipierten, unverschleierten Mutter ist, in Saudi-Arabien zur Schule ging, seither pl;tzlich das Kopftuch tr;gt und noch 1997 zusammen mit ihrem b;rtigen Mann gern gesehener Gast der Taliban war. Der "Fall Ludin" zeigt, wie in Deutschland mit dem Kopftuch Politik gemacht wird - und wie fast alle dabei mitmachen, auch die potentiellen Opfer einer solchen Politik.

Dabei h;tte sp;testens seit 1979, als die revolution;ren Garden Khomeinis den Frauen verrutschende Kopft;cher auf dem Kopf festnagelten, klar sein m;ssen, dass das Kopftuch alles andere ist als eine religi;se Sitte (schlie;lich leben Millionen gl;ubiger Musliminnen ohne) oder Privatsache, sondern ein Politikum. Das Kopftuch ist die Flagge des islamischen Kreuzzuges. Und seither tobt auch der Kampf der Kulturen - aber nicht etwa zwischen Christen und Muslimen, sondern unter Muslimen. Denn die nicht fundamentalistische islamische Mehrheit ist ja das erste Opfer der Fanatiker.

Alice Schwarzer (Hrsg.): Die Gotteskrieger und die falsche Toleranz (KiWi, vergriffen).
Alice Schwarzer (Hrsg.): Die Gotteskrieger und die falsche Toleranz (KiWi, vergriffen).
Doch vor allem in Deutschland war jegliche Kritik an den religi;sen Eiferern und ihrer Kopftuch-Propaganda jahrzehntelang tabu: Das ging so weit, dass selbst etwas so Handfestes wie der Jahresbericht des Verfassungsschutzes (dessen Aufgabe es ja ist, ihm verfassungsfeindlich d;nkende Kr;fte zu beobachten) als Larifari abgetan wurde. Als der damalige Pr;sident des Verfassungsschutzes, Peter Frisch (SPD), im Herbst 1996 seinen Jahresbericht vorstellte und den islamischen Fundamentalismus als Sicherheitsproblem Nr. 1 f;r Deutschland und gr;;te Gefahr f;r das 21. Jahrhundert benannte - da fragte kein einziger Journalist auch nur nach. Und berichtet wurde dar;ber schon gar nicht. Die deutschen Journalisten wollten einfach viel lieber ;ber Neonazis reden - das hier eine ganz neue Art von Nazis im Namen Allahs die Welt verbessern und erobern wollen, ;bersahen sie geflissentlich. Im besten Falle. Meist trugen die Medien nicht nur zur Ignorierung, sondern sogar zur Idealisierung der Islamisten bei. Fragen nach dem, was da eigentlich wirklich in den (in der weltlichen T;rkei verbotenen) Koranschulen in Deutschland gelehrt und in den (von den Gottesstaaten finanzierten) Moscheen gepredigt wird, wurden mit dem Hinweis auf die Religionsfreiheit und die Toleranz abgetan. Man war ja auch selbst nicht Opfer. Noch nicht. ;ber 20 Jahre lang waren in erster Linie die Frauen im Visier - genauer: die Musliminnen. Und die waren weit weg.

Ja, die Frauen. Mit ihnen f;ngt es immer an. Sie sind immer die ersten, die von allmachtss;chtigen M;nnerb;nden entrechtet werden. Dann folgen die Juden (wo noch welche sind); sodann die Intellektuellen (von denen so manche bis dahin selber kr;ftig dazu beigetragen haben); und dann alle und alles, was den neuen Herren so nicht passt. Doch wenn es schon nicht das Mitgef;hl f;r die weibliche H;lfte der Menschheit ist, so sollte es wenigstens die Erkenntnis sein, dass Menschenrechte unteilbar sind und das Los der Frauen schon immer der Gradmesser f;r Recht und Gerechtigkeit einer Gesellschaft war. Eine Gesellschaft, in der ein m;nnlicher Mensch den anderen erniedrigen kann, nur weil der weiblich ist - eine solche Gesellschaft ist im Keim eine Unrechtsgesellschaft. Ein Mann, der es gewohnt ist, die eigene Mutter, Schwester, Frau zu verachten - der kann auch kein Mitgef;hl f;r seine N;chsten haben und schon gar nicht f;r Fremde.

Seit dem 11. September 2001 geht nun ein Schrecken durch die westliche Welt. Ein sp;ter Schrecken. Ob dieser Schrecken dem Westen wirklich die Augen ge;ffnet hat, ist zu bezweifeln. Verd;chtig ist, dass bei dem Versuch, Psychologie und Motive der T;ter zu begreifen, vieles in Erw;gung gezogen wird, nur eines, das Sichtbarste, nicht: der Faktor M;nnlichkeit. Diese M;nnlichkeit - und vor allem: die verunsicherte M;nnlichkeit - ist der Stoff, der aus dem wirren Gebr;u ;berhaupt erst ein explosives macht. Der M;nnlichkeitswahn mit seinem pathologischen Narzismus und Fremdenhass, der zu Beginn des 21. Jahrhunderts leider nicht nur in den orientalischen Gottesstaaten, sondern auch in westlichen Demokratien grassiert, ist der entscheidende Faktor.

Auszug aus dem Vorwort von Alice Schwarzer in "Die Gotteskrieger und die falsche Toleranz" (Kiepenheuer & Witsch, 2002).


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