Morgen ueber den Bergen

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Morgen ueber den Bergen

Noch ruht im Tal der Strom und atmet leise,
Von Schatten ueberdeckt, in kuehler Hut,
Und ueber Waeldern liegt, nach alter Weise,
Der Tau gebreitet wie verborgnes Gut.
Doch schon am Kamme, wo die Gipfel stehen,
Beruehrt ein erstes Gold den grauen Stein,
Und durch das blasse Blau der Hoehen
Tritt Tag um Tag aus Nacht ins Licht herein.

Da steht der Juengling, einsam auf der Hoehe,
Und schweigend hebt er Aug und Angesicht;
Er fuehlt nicht Trennung, fuehlt nicht Wehe,
Denn ihn umfaengt dasselbe heilge Licht,
Das Tal und Fluss und ferne Wiesen traenket
Und Gipfel um die Gipfel sanft entzuendt;
Der Strahl, der in den Tropfen niederhaengt und schwenket,
Traegt ihn so leicht wie Halm und Tau und Wind.

O Jugend! nicht ein Alter bist du, eher
Ein Wachsein, das die Dinge ganz noch sieht,
Da Berg und Himmel, Wald und Seher
In einer Ordnung ungebrochen blueht.
Noch ist die Seele rein und unverloren,
Noch traegt sie, was der Morgen ihr verspricht,
Und wie der Tag aus Nacht geboren,
So bricht in ihr das erste Wissen: Licht.

Doch durch die Freude zieht ein leises Ahnen:
Auch dieser Glanz wird wandern und vergehn,
Schon eilt der Strom auf seinen Bahnen,
Und keine Welle bleibt am Hang zu stehn.
Doch was hinabrinnt, ist nicht hingegeben —
Der Quell vergisst das Wasser nicht, das floss;
Und wer dem Lichte folgt, dem wird sein Leben
Wie jenem Strom: ein Gehen, niemals bloss.

Denn wer dem Lichte treu bleibt, der vergehet
Wie Licht nicht, ob auch Jahr um Jahr verglueht;
Wem in der Brust die Fruehe stehet,
Dem bleibt die Jugend, die im Geiste blueht.
So steigt die Sonne, und mit ihr erheben
Sich Strom und Berg und die erwachte Brust,
Und durch das Tal, durch Wald und stille Wiesen
Geht hin ein Glanz, der nichts von Ende weiss.


Daniil Lazko
Tuapse, 30. Juni 2026
 


Literarische Betrachtung
Das Gedicht „Morgen ueber den Bergen“ entfaltet sich aus einer einzigen, lange vorbereiteten Bewegung: dem Aufgang des Lichts ueber einem Gebirgskamm, der zugleich der Aufgang eines Lebens ist. Das Bild des Morgens traegt also eine doppelte Wahrheit — es meint die Stunde und es meint die Jugend, und beide werden nicht nebeneinandergestellt, sondern als eine einzige Ordnung empfunden. Diese Verschmelzung von Natur, Mensch und einem verborgenen Hoeheren ist der eigentliche Gegenstand des Gedichts.
Bau und Bewegung
Fuenf Strophen folgen einem klaren inneren Weg, der nicht als Schema, sondern als Atemzug erfahrbar wird. Die erste Strophe zeigt die Landschaft vor dem Licht: der Strom ruht im Schatten, der Tau liegt wie ein verborgenes Gut ueber den Waeldern, und erst am Kamm beruehrt ein erstes Gold den grauen Stein. Die zweite fuehrt den Menschen ein — den Juengling, der schweigend das Licht empfaengt und sich nicht von der Natur getrennt, sondern von ihr getragen fuehlt. Die dritte Strophe hebt aus dem Bild eine Einsicht: die Jugend ist kein Lebensalter, sondern ein Wachsein, ein Zustand der Offenheit, in dem die Welt noch als Ganzes erscheint. Die vierte bringt den Schatten der Vergaenglichkeit, doch nicht als Verlust, sondern als Gesetz des Werdens. Die fuenfte erhebt das Ganze in ein versoehntes Licht.
Bild und Gedanke
Die Staerke des Gedichts liegt darin, dass der Gedanke fast nirgends als Begriff auftritt, sondern aus dem Bild aufsteigt. Wo von der Treue zum Werden die Rede sein koennte, spricht statt dessen der Strom:
Der Quell vergisst das Wasser nicht, das floss;
Hier wird die Vergaenglichkeit nicht beklagt und nicht erklaert; sie verwandelt sich im Bild der Quelle in Erinnerung und Fortdauer. Aehnlich verhaelt es sich mit der zentralen Wahrnehmung der zweiten Strophe, in der der Strahl, der in einem Tautropfen haengt und sich wiegt, den Menschen so leicht traegt wie Halm und Wind. An dieser Stelle wird das Unsichtbare — die Zugehoerigkeit der Seele zur Ordnung der Welt — durch ein einziges, sehr konkretes Bild greifbar.
Ton und Klang
Der Rhythmus ist feierlich, doch nie schwer; die Satzperioden sind lang und ruhig gebaut, mit Enjambements, die den Atem ueber die Zeilengrenze tragen. Die Sprache meidet sowohl den kuenstlichen Archaismus als auch die Alltaeglichkeit; ihre Erhabenheit entsteht aus der Klarheit, nicht aus dem Schmuck. Wo das Pathos drohen koennte, haelt die Stimme inne — der Juengling spricht nicht, er schweigt, und das Gedicht spricht fuer ihn.
Sinn
Die innere Erkenntnis, auf die das Gedicht zulaeuft, ist eine stille Umwandlung der anfaenglichen Ungewissheit in Gewissheit: Wahre Groesse liegt nicht im Festhalten des Augenblicks, sondern im vertrauensvollen Mitgehen mit der Ordnung, die alles Werden traegt. So wird die aufgehende Sonne am Ende zum Sinnbild einer Hoffnung, die ueber das einzelne Leben hinausweist. Die Jugend erscheint als ein geistiger Zustand, der — solange die Seele dem Licht treu bleibt — nicht mit den Jahren vergeht. Der Schluss bleibt darum bewusst offen und lichtvoll: ein Glanz geht durch Tal, Wald und Wiesen, der nichts von Ende weiss.


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