Der Morgentraum

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Der Morgentraum 
Ein Gedicht im Geiste Heinrich Heines

Daniil Lazko 
Tuapse 
31. Mai 2026 
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Der Morgentraum 
Im grauen Licht des Morgens, 
Da lag ich noch und sann; 
Der Traum hielt mich umfangen, 
Wie Wasser haelt den Kahn.

Ich hatte sie gefunden, 
Die laengst verlorne Hand, 
Wir gingen durch die Gassen 
Von einem heitern Land.

Sie sprach von kleinen Dingen, 
Vom Regen, von der Zeit — 
Und jedes Wort war Heimat, 
Und nichts war mehr so weit.

Da schlug die Uhr im Turme, 
Die Stadt erwacht’ und schrie, 
Ein Karren auf dem Pflaster, 
Ein Ruf — und mit ihm sie

Verging mir unter Haenden 
Wie Schnee am Ofenrand; 
Ich griff nach ihrem Schatten 
Und hielt nur leeren Sand.

Nun sitz ich auf am Bette 
Und laechle vor mich hin: 
Mein Herz, du alter Geizhals, 
Was sparst du solchen Sinn?

Du huetest noch die Traeume, 
Die laengst kein Gold mehr sind, 
Und traegst den Schatz der Naechte 
Getreulich wie ein Kind. 
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Zum Gedicht 
„Der Morgentraum“ folgt der schlichten Liedform, die Heine im „Buch der Lieder“ zur Vollendung gebracht hat: vierzeilige Strophen, Kreuzreim auf den geraden Versen, ein durchgehender dreihebiger Ton, der dem Gesang naeher steht als der Rede. Die Sprache meidet das Pathos. Sie nennt die Dinge beim Namen — Regen, Uhr, Karren, Schnee — und ueberlaesst das Gefuehl dem, was zwischen den Worten geschieht.

Aufbau und Bewegung 
Das Gedicht erzaehlt einen einzigen, knappen Vorgang: das Erwachen. In der ersten Strophe liegt der Sprecher noch im Halbschlaf; der Traum „haelt“ ihn, wie Wasser einen Kahn haelt — eine Umarmung, die zugleich schon das spaetere Entgleiten in sich traegt, denn Wasser haelt nichts fest. Die zweite und dritte Strophe entfalten das Glueck des Traums: die wiedergefundene Hand, der gemeinsame Gang, das Gespraech ueber belanglose Dinge. Gerade die Belanglosigkeit ist hier das Entscheidende — nicht das Gesagte zaehlt, sondern die Stimme, die es sagt.

Die vierte Strophe bringt die Wende. Vier knappe Bilder folgen aufeinander — Glockenschlag, erwachende Stadt, ein Karren, ein Ruf — und reissen den Schlaf in Stuecke. Der entscheidende Bruch faellt mit dem Strophenende zusammen: „Ein Ruf — und mit ihm sie“ endet im Leeren, und erst die naechste Strophe vollendet den Satz mit dem Verb des Verschwindens. Die Form selbst vollzieht, wovon sie spricht.

Das tragende Bild 
Durch das ganze Gedicht zieht sich eine stille Kette des Haltens und Nicht-Haltens. Der Traum haelt den Schlaefer wie Wasser den Kahn; die Geliebte vergeht „unter Haenden wie Schnee am Ofenrand“; die Hand greift nach einem Schatten und fasst nur „leeren Sand“. Drei Bilder des Vergeblichen, die nicht nebeneinanderstehen, sondern aufeinander aufbauen — bis im Schluss das Festhalten selbst zum Thema wird.

Der ironische Schluss 
Die beiden letzten Strophen wenden den Blick nach innen. Der Sprecher sitzt aufrecht im Bett und laechelt ueber sich selbst. Er nennt sein Herz einen „alten Geizhals“, der einen wertlosen Schatz huetet — Traeume, „die laengst kein Gold mehr sind“. Hier liegt der eigentlich Heinesche Ton: die Ironie ist kein Spott, sondern ein leiser Selbstschutz. Indem der Sprecher seine eigene Treue belaechlt, bewahrt er sie zugleich. Das Laecheln erlaubt ihm, an der Sehnsucht festzuhalten, ohne ihr ganz zu erliegen.

So endet das Gedicht nicht in der Klage, sondern in einer zaertlichen Selbstbeobachtung. Das Herz, das den fluechtigsten Traum „getreulich wie ein Kind“ bewahrt, ist ruehrend und ein wenig toericht zugleich — und gerade in dieser Doppelung liegt die Wahrheit des Gefuehls. 

Notiz zur Form 
Das Gedicht ist eine eigenstaendige, originale Dichtung. Es zitiert keine Verse Heines und uebernimmt keine seiner Bilder, sondern arbeitet allein mit den Mitteln seiner Liedlyrik: der Klarheit der Sprache, der Spannung zwischen Empfindung und ironischer Distanz, der schlichten Strophe, in der ein grosses Gefuehl beinahe beilaeufig Platz findet. Es will keine Nachahmung sein, sondern ein Sprechen in einer verwandten Tonart. 


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