Tiefe Einblicke in die Welt der Scheinheiligen


Skandal;ses Kirchenbuch
Tiefe Einblicke in die Welt der Scheinheiligen
17. Februar 2013, 13:54 Uhr|Lesezeit: 9 Min.
Lesbischer Sex, Giftmord, Neuscholastik: Der Kirchenhistoriker Hubert Wolf enth;llt einen Skandal mit theologischer Dimension. Die Geschichte spielt in einem Nonnenkloster. Einer der Verurteilten schrieb Dogmen f;r den Papst.

Von Rudolf Neumaier



Gehorsam, dieses Wort klingt sogar auf Italienisch h;sslich. Obbedienza. Wer nicht gehorcht, wer nach seinem Willen oder Gewissen handelt, begeht eine S;nde. Ma;gebend ist der Befehl - noch dazu, wenn er aus dem Himmel gesandt ist. Wenn aber ein Teufel dahintersteckt, oder eine Teufelin?

In der entscheidenden Stunde musste Maria Luisa gehorsam sein. Ein Befehl Gottes, sagten sie ihr. Das 13-j;hrige M;dchen stand vor einer nackten Frau, die seine Gro;mutter h;tte sein k;nnen: die ;btissin, die Klosterherrin. Sie lag nackt auf ihrem Bett und eine andere Frau, die Stellvertreterin der ;btissin, fl;sterte Maria Luisa zu, wie sie die Scham der Nackten zu ber;hren habe. Mit den feuchten Fingern musste sich das Kind dann bekreuzigen. Auf der Stirn, auf den Lippen.

Von dieser Stunde an war Maria Luisa nichts mehr heilig.

Die Akten ;ber die teuflische Ordensschwester Maria Luisa, ihren Prozess, ihr Gest;ndnis schlummern in Rom, im Archiv der Glaubenskongregation, der Dogmenbeh;rde der katholischen Kirche. Der Kirchenhistoriker Hubert Wolf ahnte, dass die Unterlagen ;ber diesen Fall, der ger;chteweise ;berliefert war, noch existieren mussten. Dass er sie fand, war Gl;ck. Sie lagen in einer Abteilung, in die sie nicht geh;rten. Wolf h;lt es f;r m;glich, dass sie jemand versteckt hatte. Am kommenden Montag erscheint sein Buch, f;r das er diese Archivalien bis ins kleinste Detail ausgeforscht hat: "Die Nonnen von Sant'Ambrogio". Es deckt einen Skandal auf, der sich vor gut 150 Jahren in einem Kloster einen Steinwurf vom Vatikan entfernt ereignete.

Im Mittelpunkt dieser unfassbaren Geschichte steht Maria Luisa. Erst war sie Opfer, sp;ter T;terin. L;gnerin, Verf;hrerin, Tyrannin, Giftmischerin, M;rderin - alles unter Berufung auf himmlische Weisung. Es ist aber nicht nur der Skandal eines Nonnenklosters, es ist ein Kirchenskandal. Denn der Fall besch;ftigte sogar den Papst. Und Schwester Maria Luisa hatte einen Komplizen: Joseph Kleutgen - Seelsorger, Beichtvater, Jesuit, Theologe. Aber eben auch: Lustmolch, Beichtgeheimnisbrecher, Mitwisser bei einem Mordkomplott, H;retiker.

Kleutgen, geboren 1811 in Dortmund, war nicht irgendein Theologe, sondern der Spitzenintellektuelle des Papstes. Trotz allem! Auf ihn baute Pius IX., als er den Gehorsam zum Prinzip der Kirche erkl;rte und ein theoretisches Fundament daf;r brauchte. Aus Kleutgens Feder stammt in weiten Teilen das Dogma, mit dem im Jahr 1870 der Papst f;r unfehlbar erkl;rt wurde.


Cunnilingus als g;ttlicher Befehl
Was Maria Luisa mit ihrer ;btissin erlebte, pr;gte sich ein, es verdarb sie. Es gibt keine Bilder von ihr, aber wie die Zeitzeugen sie schildern, war die junge Nonne mit einer gewinnenden Ausstrahlung gesegnet und ausgesprochen h;bsch, auch klug. Klug genug jedenfalls, um aus den Spielen im Gemach der ;btissin zu lernen. Diese hatten ihr den Cunnilingus als g;ttlichen Befehl verkauft: Die ;btissin sonderte in ihrer Ekstase einen "heiligen Liquor" ab, den Gott dem Kind "als Geschenk" zuteil werden lie;. Das M;dchen f;gte sich. Es verinnerlichte diese Erlebnisse. Erst als es selbst geschlechtsreif wurde und die sexuellen Lektionen in den B;chern begriff, die im Kloster kursierten, da erkannte sie die Zusammenh;nge von Entr;ckung und Erregung, von Trance und Orgasmus. Dann fiel sie selbst in Ekstasen. Sie spielte ihren Mitschwestern Visionen vor, Eingebungen aus dem Jenseits. Damit erreichte sie alles, was sie wollte.

Als sie 1854 mit nur 22 Jahren Novizenmeisterin werden wollte, wurde sie Novizenmeisterin. Als sie drei Jahre sp;ter Vikarin, das hei;t Vertreterin der ;btissin, werden wollte, wurde sie Vikarin. Wenn sie Dispens von den Gebetsstunden wollte, bekam sie sie. Wenn sie an Fastentagen Fleisch essen wollte, bekam sie es. Wenn sie teuren Schmuck wollte, bekam sie ihn. Wenn sie Geld wollte, nahm sie es sich. Wenn sie Sex mit Novizinnen wollte, bekam sie ihn. Wenn sie ;ber Nacht einen Mann in ihrer Zelle haben wollte, bekam sie ihn. Trotz strenger Klausur.

Es lebten ungef;hr 36 Nonnen in dem Kloster - sie leisteten ihr Gehorsam. Denn sie hielten sie f;r eine Heilige, f;r ein von Gott auserw;hltes Medium, das Stimmen aus dem Jenseits, Eingebungen von Gott selbst oder der Gottesmutter vermittelte - zur Wohlfahrt des Klosters und der katholischen Kirche und zur Rettung der Seelen. Jesu Wundmale fehlten Maria Luisa im Gegensatz zu zeitgen;ssischen Ekstatikerinnen. Allein sie vermochte sich glaubw;rdig in Trance zu versetzen. Es war eine Trance wie bei der ;btissin, vor der sie sich hatte ausziehen m;ssen, um lesbische Weihehandlungen an sich vornehmen zu lassen. Und so hatte es auch jene ;btissin gelernt, als sie selbst noch jung war.


Seelische und k;rperlich-sexuelle Gewalt hatte Tradition in diesem Orden - sein ganzes totalit;res System fu;te auf der Pflicht zur Preisgabe jeglicher Intimit;t. Auf Gehorsam ohne Schamgrenzen.

Dieses Kloster stellte in den Augen von Joseph Kleutgen eine ideale Welt dar. Er verdammte die Aufkl;rung, den "Freiheitswahn", das "Selbstdenkertum", Kant, die Franzosen, das Chaos. Von Ignatius von Loyola, dem Gr;nder der Jesuiten, stammt der Begriff des Kadavergehorsams ("Obedientia . . . ac si cadaver"). Der Ignatius-J;nger Kleutgen sah darin das beste Modell f;r die Kirche. Um es theoretisch zu begr;nden, griff er auf Thomas von Aquin zur;ck. In seinen Augen "erbl;hte" auch der Wissenschaft "die wahre Freiheit gerade durch den Gehorsam". Biografen stellten Kleutgen als ;bervater der Neuscholastik dar, weil er sie als einzig wahre katholische Theologie durchgesetzt habe. Von seinen Vergehen im Kloster wussten die Biografen so gut wie nichts. Pius IX. ordnete Diskretion an - der Fall Sant'Ambrogio durfte nicht ;ffentlich werden.

Kleutgen trat seinen Dienst als Seelsorger und Beichtvater 1856 unter einem Pseudonym an: Joseph Peters. Diesen Namen hatte er sich zugelegt, als er in Deutschland wegen politischer Aktivit;ten w;hrend des Studiums verfolgt wurde. Maria Luisa kannte ihn also nur als Pater Peters. Exakt in diese Zeit fallen auch Kleutgens Arbeiten ;ber das kirchliche Lehramt. Bis zum Pontifikat Pius' IX. war in dieser Form kein "Ordentliches Lehramt" konstituiert. Erst Kleutgen definierte es - eine Vorstufe des Unfehlbarkeitsdogmas. Kleutgens Konzept ist bislang unumst;;lich: Heute verweisen ultramontane Kleriker mehr denn je auf dieses Lehramt, wenn sie sich gegen Reformen verteidigen.


Geistig f;hrte der Mann ein Doppelleben. Als Berater der Kardin;le und des Papstes, als theologischem Wissenschaftler konnten ihm die Regeln der Kirche nicht streng genug sein. Doch als Seelsorger brach er sie fortlaufend. Seine Thesen wirken l;cherlich angesichts seiner Taten. Die Ermittlungsakten enthalten besch;mende Beweise f;r seine Vergehen. Doch Kleutgen stritt zun;chst alles ab.

Etwas stimmte nicht
Der Inquisition begann auf die Anzeige einer reichen Adeligen hin zu ermitteln. Katharina von Hohenzollern-Sigmaringen war im M;rz 1858 mit 41 Jahren in das Kloster Sant'Ambrogio eingetreten. Sie f;hlte sich anfangs wohl unter den Nonnen, die alle lesen und schreiben konnten, jedoch weder Baumwolle noch Zahnb;rste kannten.

Nach und nach merkte Katharina, dass etwas nicht stimmte. Sie begriff, dass sich Maria Luisa als Heilige verehren lie;. Der gebildeten Adeligen aus Deutschland war das suspekt. Und als sie Zeugin wurde von deren Verh;ltnis zu einem zwielichtigen Mann, der vorgab vom Teufel besessen zu sein, stellte sie die Novizenmeisterin zur Rede. Damit verletzte sie die Gehorsamspflicht. Diese Frau war zu einflussreich und zu prominent, um sie aus dem Kloster zu entlassen. Sie k;nnte alles aufdecken, also besorgte Maria Luisa Gift - so hatte sie schon andere F;lle gel;st. Allein Katharina von Hohenzollern ;berlebte die Anschl;ge knapp, ihre enorme Leibesf;lle kam ihr zugute. Ein Elefant, schreibt Wolf, w;re bei diesen Dosen an Opium eingegangen. Mit Gl;ck gelang der Deutschen die Flucht.

Ihr Bericht ;ber die Vorg;nge im Kloster enthielt mehrere Vorw;rfe: den Mordkomplott, sexuelle Devianzen, angema;te Heiligkeit und verbotene Kulte. Das Heilige Tribunal des Sanctum Officium, wie die Glaubenskongregation damals noch hie;, legte den Fall nach Vorermittlungen Papst Pius zur Entscheidung vor. Er ordnete eine Untersuchung an, aber nur wegen des Vorwurfs der angema;ten Heiligkeit und des verbotenen Kultes. Den Mordanschlag wollte er nicht wahrhaben, von sexuellen ;bergriffen wollte er nichts wissen.


Als lebende Heilige verehrt
Ehe der Papst die Ermittlungskommission einsetzte, bef;rderte er zwei seiner Kardin;le aus der Schusslinie. Der eine war als Kardinalvikar von Rom geistiges Oberhaupt des Klosters und hatte von den Vorg;ngen dort seltsamerweise nichts mitbekommen. Der andere, der zu abergl;ubischen Extravaganzen neigende Karl August von Reisach aus M;nchen, kannte sich im Kloster gut aus und hatte nichts gegen die Zust;nde unternommen - im Gegenteil! Beide Kardin;le brachte der Papst in Sicherheit, indem er einen als obersten Leiter der Untersuchungen einsetzte und den anderen in das Richtergremium berief. Auf ihren bedingungslosen Gehorsam konnte er fortan z;hlen.

Ein Dominikanerpater namens Vincenzo Leone Sallua f;hrte die Vernehmungen. Die Aussagen s;mtlicher befragter Nonnen, die w;rtlich niedergeschrieben wurden, belasteten Maria Luisa ebenso schwer wie Joseph Kleutgen. Vor allem weil sie in wesentlichen Details ;bereinstimmten. Sallua begann mit der Frage nach dem verbotenen Kult. Diese H;resie, die in Sant'Ambrogio betrieben wurde, wurzelt in den ersten beiden Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts, als der Orden entstand. Gegr;ndet wurde er von einer Frau, die den Vatikan spaltete: Agnese Firrao. Es gab Kleriker, die ihren Visionen glaubten - die sie f;r eine lebende Heilige hielten und als solche verehrten. Papst Leo XII. zum Beispiel. Es gab aber auch M;nner, die Agnese Firrao durchschauten. Das Heilige Offizium untersagte die Verehrung im Jahr 1816 und verbannte die falsche Heilige in ein anderes Kloster. Allein ihre Schwestern blieben ihr treu ergeben und lie;en sich aus der Ferne von ihr durch Briefe steuern.

Die Ermittlungen gegen Maria Luisa und ihre Komplizen f;rderten all die alten Geschichten noch einmal zu Tage - und das klarer als je zuvor. In der Ahnenreihe der Ordensoberinnen war Agnese Firrao die erste gro;e Betr;gerin, die Urheberin d;monischer Rituale in einem subtil entwickelten System, das auf einer Pseudoreligion beruhte: auf dem Glauben an Agneses Heiligkeit. Dass sie zweimal schwanger wurde? Ein Werk des Teufels, der sich an der armen Magd verging! Die F;ten wurden im Krankenhaus zum Heiligen Geist entfernt. Dass sie sich von Untergebenen sexuell befriedigen lie;? So wollte es Gott! Dass sie einen "Au;erordentlichen Segen" einf;hrte, den Zungenkuss mit dem Beichtvater? Gottes Auftrag! Man glaubte Agnese Firrao, schlie;lich wirkte sie Wunder und lebte ostensibel in Askese: Um die S;nden der Welt zu tilgen, legte sie sich eine Eisenmaske mit 54 spitzen N;geln an und klemmte minutenlang ihre Zunge unter einen schweren Stein, damit ihr keine Gottesl;sterung ;ber die Lippen komme. Gro;es Theater.


Lesbische Abenteuer unter Schwestern und besonders innige Beziehungen zu den Beichtv;tern waren seit der Gr;ndung Konvention in diesem Orden. Die ;btissin, der Maria Luisa im Schlafzimmer gehorchen musste, tradierte sie nur - sie selbst vollzog als junge Frau mit Agnese Firrao und einem Priester Geschlechtsverkehr - zu dritt in einem Bett.

An keiner Stelle fiktional
In diesem Sittengem;lde eines Systems, das auf Gehorsam statt auf Gewissen setzt, erspart Hubert Wolf den Lesern keine Details. Mit wissenschaftlicher Akribie hinterfragt er die Quellen und die Aussagen aller Beteiligten, ebenso die Rolle der Inquisitoren. Er zitiert seine Quellen auch da, wo es wehtut und wo Leser unweigerlich err;ten, weil sie keine Voyeure sein wollen. Obgleich es sich um eine wissenschaftliche Aufarbeitung und fundierte Einordnung der Vorg;nge handelt, sind sie meisterhaft erz;hlt - mit ;berraschungseffekten, die vom Autor eines Kriminalromans stammen k;nnten.

Auch wenn sie an Umberto Ecos "Der Name der Rose" erinnert: Diese Geschichte des M;nsteraner Professors und geweihten Priesters Wolf ist an keiner Stelle fiktional. Wie aus heiterem Himmel donnert auf Seite 330 ein neuer Name in die Handlung, es erscheint der Beichtvater Peters zur Vernehmung bei der Inquisition und sagt, hallo erst mal, ich hei;e in Wirklichkeit - Joseph Kleutgen. Von einer Zeile auf die andere hat das Buch eine historische Dimension, die in die heutige Zeit reicht. Dieser Kleutgen wand sich. Zu den Vorw;rfen, die angema;te Heiligkeit der Maria Luisa unterst;tzt zu haben, r;umt er ein, zu gutgl;ubig gewesen zu sein.

Ein Intellektueller, der sich von einer jungen Nonne weismachen l;sst, in ihrer Gestalt sei der Teufel erschienen und habe dies und das angestellt? Kleutgen blieb bei seiner Darstellung. Die anderen Anklagepunkte aber konnte nicht einmal er, der geschulte Dialektiker und Gedankenverdreher, entkr;ften. Ja, er wusste, dass auf Katharina von Hohenzollern ein Mordanschlag ver;bt werden sollte. Ja, er brach das Beichtegeheimnis - wenn auch nur auf die Weisung der Gottesmutter hin. Ja, er ;bernachtete in Maria Luisas Bett. Ja, er hatte eine intime Aff;re mit einer R;merin, die bei ihm gebeichtet hatte - allerdings, das betonte er, habe er bei dieser von Gott ausdr;cklich angeordneten Form der Seelsorge keinerlei Begehren oder gar Lust versp;rt.


Drei Morde und ein Mordanschlag
Das musste Kleutgen behaupten. Schlie;lich vertrat er als einer der f;hrenden Theologen des Papstes die Auffassung, zwischen Lehre und Lebenswandel k;nne es keinen Widerspruch geben!

Die beiden Kardin;le, die als Mitwisser indirekt in den Fall verwickelt waren, kamen ungeschoren davon. Vielmehr vertraten sie nun das ordentliche Lehramt und durften bei den Urteilen mitentscheiden. Maria Luisa h;tte vor einem weltlichen Gericht mit der Todesstrafe rechnen m;ssen, schlie;lich hatte sie drei Morde und einen Mordanschlag gestanden. Das Heilige Offizium verurteilte sie zu einer Klosterhaft und zum Schweigen. Von dort in eine Irrenanstalt, dann landete sie in der Gosse, wo sich ihre Spur verliert.

Die Klosterhaft des H;retikers Joseph Kleutgen in einer Art Kurhotel au;erhalb Roms halbierte der Papst auf anderthalb Jahre. Dann holte er ihn zur;ck in die Kurie. Und Kleutgen schrieb Geschichte.

Hubert Wolf: Die Nonnen von Sant'Ambrogio. Eine wahre Geschichte. Verlag C.H. Beck, M;nchen 2013, 544 Seiten, 24,95 Euro.


Рецензии

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