Jaroslawl, im Tauwind
Ein Gedicht ueber Ernst Johann von Biron
von
Daniil Lazko
Tuapse, 18. Mai 2026
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Jaroslawl, im Tauwind
Ernst Johann von Biron, 1742
Es bricht das Eis. Die Wolga schwillet,
Ein dunkler Atem geht durchs Land;
Was lang in weissem Schlaf gestillet,
Erwacht am dunklen Uferrand.
Vom grauen Himmel faellt ein Schimmer
Auf Kuppeln, blass und fremd und fern;
Im niedern Haus, im stillen Zimmer
Sucht einer noch den Morgenstern.
Er denkt der Saele, der Spaliere,
Der Stimme, die ihn rufen hiess,
Der Wache vor der hohen Tuere,
Des Worts, das keinen Atem liess.
Nun schweigt das Holz, die Diele knarret,
Ein Knecht traegt Scheite durch den Flur;
Vom Tisch, wo Staub im Lichte harret,
Hebt seine Hand ein Schreiben nur.
Das Wasser treibt mit weissen Schollen,
Das Land erwacht und weiss es kaum;
Was Lippen einst befehlend rollten,
Verlor sich wie ein Wintertraum.
Ein Schiff zieht fern. Die Segel hangen
Noch starr von Frost und langer Nacht;
Sein Blick begleitet, was vergangen,
Wie einer, der zu Ende wacht.
Es taut. Die Stunde will sich neigen,
Der Strom geht stumm sein altes Gleis;
Im Glas — ein Bild von kahlen Zweigen,
Ein Tropfen faellt, ein Docht wird weiss.
Er loescht die Kerze nicht. Sie zehret,
Bis grau der Morgen sich erhellt —
Und draussen, wo das Eis sich kehret,
Geht leis ein Knirschen durch die Welt.
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Zur historischen Gestalt
Ernst Johann von Biron (1690–1772)
Ernst Johann von Biron entstammt dem kleinen kurlandischen Landadel und steigt im zweiten Viertel des achtzehnten Jahrhunderts zu einer der ungewoehnlichsten Gestalten der russischen Hofgeschichte auf. Als Gunstling und vertrauter Begleiter der Herzogin und spaeteren Zarin Anna Iwanowna folgt er ihr aus Mitau nach Petersburg und wird in den Jahren ihrer Regentschaft (1730–1740) zur eigentlichen Macht hinter dem Thron. Sein Name gibt einer ganzen Epoche der russischen Geschichtsschreibung den Titel: die Bironowschtschina, die Jahre fremder, harter, oft als willkuerlich empfundener Verwaltung.
Im Jahre 1737 erhebt ihn die Zarin zum Herzog von Kurland und Semgallen. Mit Annas Tod im Oktober 1740 wird er Regent fuer den unmuendigen Iwan VI. — nur drei Wochen lang. Ein Staatsstreich des Feldmarschalls Muennich stuerzt ihn in einer einzigen Nacht; verurteilt zunaechst zum Tode, wird das Urteil zu lebenslanger Verbannung gemildert. Bironen geht nach Pelym in Westsibirien.
Im Fruehjahr 1742 verfuegt die neue Zarin Elisabeth Petrowna eine Erleichterung seiner Lage: er wird nach Jaroslawl an der Wolga ueberfuehrt und verbringt dort die folgenden zwanzig Jahre in einer Art aristokratischen Hausarrests. Erst Peter III. und endgueltig Katharina II. setzen ihn wieder ein; 1762 kehrt er als Herzog nach Mitau zurueck, wo er 1772 stirbt.
Das Gedicht greift keine biographische Episode im engeren Sinn auf, sondern den inneren Augenblick der ersten Jaroslawler Fruehjahre — die Schwelle zwischen Sibirien und der spaeteren Heimkehr, an einem Strom, der buchstaeblich und sinnbildlich aufbricht.
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Literarischer Kommentar
Vorbilder und Tonlage
Das Gedicht ist als bewusste Stilisierung im Geist der spaeten deutschen Romantik und der historischen Lyrik des neunzehnten Jahrhunderts angelegt. Drei Stimmen klingen mit: Theodor Storm in der ruhigen, gegenstaendlichen Wetter- und Innenraumfuehrung, in der Kerze, im Knirschen, im Haus als seelischem Raum; Conrad Ferdinand Meyer in der historischen Distanz, im abgerueckten Wuerdeprofil der Figur, in der knapp gesetzten Erinnerung an den Sturz; Joseph von Eichendorff nur als fernes Echo im Wind- und Schwellenmotiv, nicht herrschend.
Die Mischung ist nicht mechanisch. Sie soll eine eigene Tonart hervorbringen, die man eine baltisch-russische historische Elegie nennen koennte: nordisch im Klima, aristokratisch im Habitus, schlicht im Vers, durchsetzt mit einer geschichtlichen Melancholie, die sich weder beklagt noch erhebt.
Form
Vier Strophen zu je acht Zeilen, durchgehend Kreuzreim (a–b–a–b, c–d–c–d), regelmaessiger vierhebiger Jambus mit alternierenden weiblichen und maennlichen Kadenzen. Diese Form ist die klassische Liedstrophe der deutschen Romantik; sie traegt die ruhige Bewegung des Stroms im Versmass, ohne sie auszusprechen.
Reime wurden bewusst nicht auf bequemste Loesungen zugeschnitten. Wo sich ein gefaelliger, aber schwacher Reim anbot — etwa Land–Strand —, wurde er durch einen haerteren ersetzt: schwillet–gestillet, Schollen–rollten, hangen–vergangen. An keiner Stelle soll der Reim als rhetorische Pointe wirken; er soll wie ein Schloss einrasten.
Aufbau
Die erste Strophe setzt die Szene: das Aufbrechen des Eises auf der Wolga, der graue Himmel, die Kuppeln, das stille Haus, ein Mann, der noch den Morgenstern sucht. Der Stern ist hier kein Symbol, sondern eine wirkliche Beobachtung — die Venus vor der Daemmerung — und traegt zugleich das melancholische ‚noch‘ der ganzen Komposition.
Die zweite Strophe wendet sich nach innen: nicht Macht wird genannt, sondern ihre konkreten Modi — Stimme, Wache, Wort, das keinen Atem liess. Macht ist hier nicht Insignie, sondern Handlung. Die kleine Geste am Schluss der Strophe — eine Hand, die ein Schreiben aufhebt — uebersetzt die Erinnerung in eine Bewegung der Gegenwart.
Die dritte Strophe verbindet beide Raeume: das treibende Wasser draussen, der einstige Befehl drinnen, beide verlieren sich. Das Schiff in der Ferne ist sowohl Naturbild als auch Spiegel: der Blick begleitet, was vergangen ist, und einer wacht zu Ende.
Die vierte Strophe loest die Spannung nicht in eine Pointe auf, sondern in ein Geraeusch. Die Kerze wird nicht geloescht; sie zehret. Im Fensterglas spiegelt sich ein Bild von kahlen Zweigen. Draussen knirscht das Eis. Das Gedicht endet nicht mit einer Aussage, sondern mit einem Laut, der zugleich Aufbruch und Vergehen ist.
Bildwelt
Die zentrale Metapher ist nicht ausgesprochen: das aufbrechende Eis als langsames Auftauen eines Schicksals. Sie wird nirgends erklaert, sondern allein durch Beobachtung getragen. Daneben stehen drei kleinere Motivkreise: das Haus (Diele, Scheite, Tisch, Staub, Glas, Kerze) als Raum des Erduldens; der Strom (Schollen, Schiff, Segel) als Raum der Bewegung jenseits des Subjekts; und das Licht (Schimmer, Morgenstern, Docht, grauer Morgen) als leiser Zeitanzeiger.
Der Endton ist resigniert, aber nicht trostlos. Es gibt keine Klage und keinen Triumph, nur die Wuerde des Erduldens — und in den letzten beiden Zeilen einen Hauch von etwas, das Hoffnung sein koennte, wenn man es als solche lesen wollte: ein Knirschen, das durch die Welt geht.
Entstehung
Das Gedicht entstand in mehreren Fassungen aus einer kritischen Werkstattarbeit. Die endgueltige Fassung ist das Ergebnis eines kontrollierten Ueberarbeitungsprozesses, in dem schwaechere Reime, glatte Syntax und begriffliche Stellen schrittweise durch konkretere Beobachtungen ersetzt wurden. Die Werkstattarbeit fand im Fruehjahr 2026 statt; das Gedicht traegt das Datum des 18. Mai 2026, Tuapse.
Ярославль, на талом ветру
Стихотворение об Эрнсте Иоганне Бироне
автор
Даниил Лазько
Туапсе, 18 мая 2026 года
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Jaroslawl, im Tauwind
Ernst Johann von Biron, 1742
Es bricht das Eis. Die Wolga schwillet,
Ein dunkler Atem geht durchs Land;
Was lang in weissem Schlaf gestillet,
Erwacht am dunklen Uferrand.
Vom grauen Himmel faellt ein Schimmer
Auf Kuppeln, blass und fremd und fern;
Im niedern Haus, im stillen Zimmer
Sucht einer noch den Morgenstern.
Er denkt der Saele, der Spaliere,
Der Stimme, die ihn rufen hiess,
Der Wache vor der hohen Tuere,
Des Worts, das keinen Atem liess.
Nun schweigt das Holz, die Diele knarret,
Ein Knecht traegt Scheite durch den Flur;
Vom Tisch, wo Staub im Lichte harret,
Hebt seine Hand ein Schreiben nur.
Das Wasser treibt mit weissen Schollen,
Das Land erwacht und weiss es kaum;
Was Lippen einst befehlend rollten,
Verlor sich wie ein Wintertraum.
Ein Schiff zieht fern. Die Segel hangen
Noch starr von Frost und langer Nacht;
Sein Blick begleitet, was vergangen,
Wie einer, der zu Ende wacht.
Es taut. Die Stunde will sich neigen,
Der Strom geht stumm sein altes Gleis;
Im Glas — ein Bild von kahlen Zweigen,
Ein Tropfen faellt, ein Docht wird weiss.
Er loescht die Kerze nicht. Sie zehret,
Bis grau der Morgen sich erhellt —
Und draussen, wo das Eis sich kehret,
Geht leis ein Knirschen durch die Welt.
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Об историческом лице
Эрнст Иоганн Бирон (1690–1772)
Эрнст Иоганн Бирон происходил из небогатого курляндского дворянства и во второй четверти восемнадцатого века поднялся к одной из самых необычных фигур русской придворной истории. Фаворит и ближайший спутник герцогини, а затем императрицы Анны Иоанновны, он последовал за ней из Митавы в Петербург и в годы её царствования (1730–1740) сделался подлинной властью за престолом. От его имени получила название целая эпоха русской исторической памяти — бироновщина: годы чужого, жёсткого, нередко воспринимавшегося как произвольное управления.
В 1737 году императрица возвела его в герцоги Курляндские и Семигальские. После смерти Анны в октябре 1740 года он стал регентом при малолетнем Иване VI — всего на три недели. Государственный переворот фельдмаршала Миниха низверг его в одну ночь; смертный приговор был заменён пожизненной ссылкой. Бирона отправили в Пелым, в Западную Сибирь.
Весной 1742 года новая императрица Елизавета Петровна смягчила его положение: он был переведён в Ярославль на Волге, где провёл следующие двадцать лет в своего рода аристократическом домашнем заключении. Лишь Пётр III и окончательно Екатерина II вернули ему власть; в 1762 году он возвратился герцогом в Митаву, где и умер в 1772 году.
Стихотворение не воспроизводит биографический эпизод в узком смысле, а схватывает внутренний момент первых ярославских вёсен — порог между Сибирью и будущим возвращением, у реки, которая буквально и символически вскрывается.
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Литературный комментарий
Образцы и тональность
Стихотворение сознательно стилизовано в духе поздней немецкой романтики и исторической лирики девятнадцатого века. В нём звучат три голоса. Теодор Шторм — в спокойной, предметной ведении погоды и комнатного пространства, в свече, в хрусте, в доме как душевном помещении. Конрад Фердинанд Майер — в исторической дистанции, в отстранённом достойном профиле героя, в скупо поставленном воспоминании о падении. Йозеф фон Эйхендорф — лишь как далёкий отголосок в мотиве ветра и порога, не как ведущий слой.
Смесь не механическая. Она должна породить собственную тональность, которую можно назвать балтийско-русской исторической элегией: северной по климату, аристократической по складу, простой в стихе, пронизанной исторической меланхолией, которая не жалуется и не возвышается.
Форма
Четыре строфы по восемь стихов, сквозной перекрёстный рифмовкой (a–b–a–b, c–d–c–d), правильный четырёхстопный ямб с чередующимися женскими и мужскими окончаниями. Это классическая песенная строфа немецкой романтики; она несёт в себе спокойное движение реки самим размером, не называя его.
Рифмы выбраны не по линии наименьшего сопротивления. Где напрашивалась лёгкая, но слабая рифма — например, Land — Strand, — она была заменена более жёсткой: schwillet — gestillet, Schollen — rollten, hangen — vergangen. Рифма нигде не должна работать как риторический указатель; она должна защёлкиваться, как замок.
Композиция
Первая строфа задаёт сцену: вскрытие льда на Волге, серое небо, купола, тихий дом, человек, который ещё ищет утреннюю звезду. Звезда здесь не символ, а действительное наблюдение — Венера перед рассветом — и одновременно несёт меланхолическое „ещё“ всей композиции.
Вторая строфа поворачивает внутрь: называется не власть, а её конкретные модусы — голос, стража, слово, не оставлявшее дыхания. Власть здесь не знак, а действие. Маленький жест в конце строфы — рука, поднимающая письмо, — переводит память в движение настоящего.
Третья строфа соединяет оба пространства: плывущую воду снаружи, прежний приказ внутри; то и другое теряется. Корабль вдали есть одновременно картина природы и зеркало: взгляд провожает то, что прошло, и человек довершает своё бодрствование.
Четвёртая строфа не разрешает напряжения в выводе, а разрешает его в звуке. Свеча не гасится; она догорает. В оконном стекле отражается картина голых ветвей. Снаружи хрустит лёд. Стихотворение оканчивается не утверждением, а звуком, который есть одновременно начало и исход.
Образный строй
Главная метафора не произнесена: вскрытие льда как медленное оттаивание судьбы. Она нигде не объясняется, она держится одним только наблюдением. Рядом с ней — три меньших мотивных круга: дом (половица, поленья, стол, пыль, стекло, свеча) как пространство претерпевания; река (льдины, корабль, паруса) как пространство движения вне субъекта; и свет (отблеск, утренняя звезда, фитиль, серое утро) как тихий указатель времени.
Конечный тон — смиренный, но не безотрадный. Нет ни жалобы, ни торжества, лишь достоинство претерпевания — и в двух последних стихах дуновение того, что можно было бы прочесть как надежду, если захотеть так читать: хруст, идущий через мир.
История работы
Стихотворение возникло в нескольких редакциях в ходе мастерской критической работы. Окончательный вариант есть результат управляемого процесса доработки, в котором более слабые рифмы, гладкий синтаксис и понятийные места поочерёдно заменялись на более конкретные наблюдения. Работа велась весной 2026 года; стихотворение датируется 18 мая 2026 года, Туапсе.
Свидетельство о публикации №126051804905