Wulfila an der Donau
Ein Gedicht im Geiste Heinrich Heines
von
Daniil Lazko
4. Mai 2026
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Wulfila an der Donau
Es flackert das Feuer im Lager,
Der Mond steht bleich ueberm Hain;
Die Goten ziehn weiter nach Sueden,
Ich bleibe am Strome allein.
Die Donau, die graue, sie murmelt
Ihr uraltes, dunkles Lied;
Sie hat schon manch Volk gesehen,
Das kam, und das wieder schied.
Ich ritze mit zitternder Feder
Die Zeichen ins bleiche Pergament —
Ein Alphabet fuer die Ewigkeit,
Das morgen vielleicht keiner mehr kennt.
Die Goten, sie schlafen und traeumen
Von Beute, von suedlichem Wein;
Ich aber, der Hirte, ich wache
Und sperre den Himmel in Zeichen hinein.
Die alten Goetter, sie schweigen
Im Wind, der die Eichen bewegt;
Der neue spricht leise, gedaempft,
Wie einer, der Asche noch traegt.
So wandr' ich seit Jahren dazwischen,
Den Stab in der zitternden Hand;
Mein Mantel ist Heide und Christ,
Mein Schatten faellt ueber das Land.
Die Buecher der Koenige strich ich,
Aus Liebe — verschwieg ihre Schlacht;
Doch zogen die Goten ins Eisen -
Welch Hirt hat sein Volk je bewacht?
Die Mutter sang mir noch Lieder
In frueher, in fremder Zung';
Die Worte sind alle vergessen -
Der Klang nur, der Klang ist mir jung.
Und doch, was nuetzt mir das Zeichen,
Wenn niemand es lesen kann?
Ein Volk lebt fort ohne Schrift -
Doch Schrift ohne Volk: ein Wahn.
So sitz' ich am Feuer und laechle,
Wie einer, der weiss und nicht weiss;
Der Mond zieht still seine Bahnen,
Die Donau zieht weiter, ganz leis'.
Schlaft wohl, ihr ziehenden Brueder,
Schlaft wohl unterm gotischen Stern;
Ich leg' euch ein Alphabet bei -
Vielleicht liest's der Himmel von fern.
* * *
Wulfila - Bischof, Uebersetzer, Schoepfer einer Schrift
Wulfila (auch Ulfilas, etwa 311-383), dessen Name im Gotischen "Woelflein" bedeutet, war Bischof, Missionar und Schoepfer des gotischen Alphabets. Geboren wahrscheinlich noerdlich der Donau, stammte er aus einer Familie kappadokischer Christen, die im 3. Jahrhundert von gotischen Pluenderern in die Sklaverei verschleppt worden waren. So trug er von Geburt an zwei Welten in sich: die griechisch-christliche der Vorfahren und die gotisch-heidnische der Heimat - eine doppelte Herkunft, die fuer sein ganzes Werk bestimmend bleiben sollte.
Um das Jahr 341 wurde er in Konstantinopel zum Bischof geweiht - vermutlich von Eusebius von Nikomedien, einem Anhaenger des Arianismus, jener christlichen Lehre, die in Christus nicht den wesensgleichen, sondern einen geschaffenen, dem Vater untergeordneten Sohn sah. Diese Lehre wurde spaeter als ketzerisch verworfen; doch durch Wulfila wurde der Arianismus zum Glauben fast aller germanischen Staemme der Voelkerwanderung - der Westgoten, Ostgoten, Vandalen, Burgunder, Langobarden. Auf diese Weise praegte ein einzelner Bischof am Donaurand die religioese Landschaft Europas fuer mehr als zwei Jahrhunderte.
Seine groesste Leistung jedoch war die Uebersetzung der Bibel ins Gotische - die erste literarische Schoepfung in einer germanischen Sprache ueberhaupt. Da das gotische Lautsystem in keiner verfuegbaren Schrift angemessen wiedergegeben werden konnte, schuf Wulfila ein eigenes Alphabet aus 27 Zeichen, das Elemente der griechischen Majuskeln, lateinischer Buchstaben und vermutlich auch der germanischen Runen vereinte. So wurde aus einem missionarischen Beduerfnis heraus eine Kulturtechnik geboren.
Eine bekannte Eigenheit dieser Uebersetzung ist, dass die Buecher der Koenige fehlen. Der spaetantike Kirchenhistoriker Philostorgius berichtet, Wulfila habe sie absichtlich weggelassen - aus Sorge, sein schon kriegerisches Volk werde durch die kriegerischen Erzaehlungen des Alten Testaments noch wilder. Eine fromme Streichung, eine Liebes-Faelschung: Der Hirte glaubte, sein Volk durch Schweigen schuetzen zu koennen. Es ist diese Geste, die das Gedicht in seiner Mittelstrophe aufgreift und zum ethischen Kern erhebt.
Die Geschichte gab Wulfila nicht recht. Die Goten zogen dennoch ins Eisen, kaempften, eroberten Rom unter Alarich im Jahre 410, gruendeten Reiche in Spanien und Italien - und verschwanden schliesslich aus der Geschichte als eigenstaendiges Volk. Doch Wulfilas Schrift, ein Alphabet ohne Volk, blieb erhalten. Bewahrt ist sie vor allem im Codex Argenteus, einem im 6. Jahrhundert in Italien geschriebenen, mit silberner und goldener Tinte auf purpurnem Pergament gefertigten Manuskript, das heute in der Universitaetsbibliothek zu Uppsala liegt.
So endet die Ironie der Geschichte gerade dort, wo das Gedicht sie ahnt: Die Goten sind verweht wie Staub auf der roemischen Strasse, die Schrift aber liegt noch immer hinter Glas. Ein Alphabet hat seinen Erfinder, sein Volk und sein Reich ueberlebt - und liest sich, wie es Wulfila in seiner letzten Strophe sagt, vielleicht nur noch "der Himmel von fern".
Literarische Analyse
Das Gedicht "Wulfila an der Donau" entwirft ein lyrisches Portraet eines historischen Wanderers zwischen zwei Welten. In elf vierzeiligen Strophen, die das klassische Heine'sche Volksliedmass im Wechsel von drei- und vierhebigen Versen aufnehmen, spricht Wulfila selbst - nicht als Heiliger, nicht als Theologe, sondern als mueder, wacher Geist am naechtlichen Lagerfeuer. Die gewaehlte Form - schlicht, liedhaft, mit Kreuzreim - verleiht dem schweren historischen Stoff eine fast volksliedartige Leichtigkeit, in der Heine seine Meister gefunden hatte: das Tragische, das beilaeufig, fast laechelnd ausgesprochen wird.
Aufbau
Die elf Strophen lassen sich in drei kompositorische Bloecke gliedern. Der erste Block (Strophen 1-3) etabliert Schauplatz und Werk: Feuer, Mond, Donau und das schreibende Ich. Bereits hier kuendigt sich die zentrale Ironie an - "Ein Alphabet fuer die Ewigkeit, / Das morgen vielleicht keiner mehr kennt." Der zweite Block (Strophen 4-7) entfaltet die innere Spannung: zwischen schlafendem Volk und wachendem Hirten, zwischen verstummten alten Goettern und gedaempft sprechendem neuen, zwischen Heidentum und Christentum. Der Hoehepunkt dieses Blocks ist die Strophe ueber die Buecher der Koenige - der ethische Mittelpunkt des Gedichts. Der dritte Block (Strophen 8-11) fuehrt zur Versoehnung: Erinnerung an die Mutter, philosophische Frage nach dem Sinn der Schrift, stille Selbstironie am Feuer und ein letzter Segen fuer die ziehenden Brueder.
Bilder und Motive
Das Gedicht arbeitet mit wenigen, klar gesetzten Bildachsen. Die Donau ist Erinnerungsraum und Modell der Vergaenglichkeit zugleich; sie hat schon manch Volk gesehen, "das kam, und das wieder schied". Die parallele Bewegung "Die Goten ziehn weiter nach Sueden" und "Die Donau zieht weiter, ganz leis'" macht den Sprecher zum einzigen unbeweglichen Punkt im Bild - einem Mann, dem die Welt um ihn herum entgleitet. Der Mond steht "bleich ueberm Hain": Der Hain ist nicht zufaellig gewaehlt, denn er evoziert die heiligen Eichenhaine der germanischen Goetterverehrung, die der Bischof verlaesst, ohne sie ganz hinter sich zu lassen. So wird das Motiv der "alten Goetter im Wind, der die Eichen bewegt" (Strophe 5) bereits durch die zweite Verszeile der ersten Strophe vorbereitet - ein leiser, kaum bemerkbarer kompositorischer Bogen.
Die Mittelstrophe
Die strukturelle wie semantische Mitte des Gedichts ist die Beichte des Uebersetzers:
Die Buecher der Koenige strich ich,
Aus Liebe - verschwieg ihre Schlacht;
Doch zogen die Goten ins Eisen -
Welch Hirt hat sein Volk je bewacht?
Hier wird die blosse Stilisierung verlassen, und der historische Tatbestand wird zum lyrischen Stoff. Die fromme Streichung wird zur tragischen Geste: ein Mann, der ein Volk durch Schweigen retten wollte und an der Wirklichkeit gescheitert ist. Die rhetorische Frage greift zurueck auf die "Hirten"-Metapher der vierten Strophe und gibt dem Gedicht seinen moralischen Kern. Heine haette einen solchen Stoff nie geschrieben - der historische Detailbefund eines spaetantiken Bischofs lag nicht in seinem thematischen Kreis. An dieser Stelle loest sich das Gedicht aus der reinen Heine-Resonanz und tritt in einen eigenen Raum.
Klang und Erinnerung
Die Strophe von der Mutter bringt eine andere Tonart in das Gedicht: das einzige rein persoenliche, nicht-argumentative Bild. Wulfila war Enkel kappadokischer Gefangener; seine Familie hatte einmal in einer anderen Sprache gesprochen. Dass "die Worte ... alle vergessen" sind, "der Klang nur" aber jung bleibt, deutet auf das Paradox jeder Schrift: Sie konserviert Worte, aber nicht Stimmen. Wulfila ahnt, dass seine eigene Schrift einmal nur Klang sein wird, dem die Worte fehlen. So spiegelt sich seine biographische Anfangslage in der Endlage seines Werkes: Was er einst als Verlust erlebte - eine erste Sprache, von der nur noch der Klang blieb -, wird das Schicksal seiner eigenen, muehvoll geschriebenen Schrift werden.
Schluss und Stilistische Einordnung
Das Gedicht schliesst nicht mit Pathos, sondern mit einem Laecheln "wie einer, der weiss und nicht weiss". Der letzte Vers - "Vielleicht liest's der Himmel von fern" - ist die zaerteste Form der Ironie: Sollte das Volk verschwinden, bliebe die Schrift wenigstens fuer eine Lesart, die niemand mehr nachpruefen kann. Im Tonfall ist das Gedicht bewusst an Heines lyrische Volksliedstrophe angelehnt, ohne in direkte Anspielung oder Pastiche zu verfallen. Der Wechsel zwischen melancholischer Naturbeschreibung und ironischer Selbstreflexion, die scheinbar kunstlose Klarheit der Sprache, das Schweben zwischen Schmerz und Laecheln - all dies sind Heine'sche Mittel. Doch der historische Stoff - ein spaetantiker Bischof, ein verschwundenes Volk, ein gerettetes Alphabet - fuehrt das Gedicht aus der Stilisierung hinaus in einen eigenen Raum: das Portraet eines Menschen, der mit der Schrift mehr wollte, als Schrift kann, und der diese Erkenntnis zaertlich annimmt.
P.S. Ich habe eine gotische Abstammung aus einem germanischen Stamm.
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