Serie Aphorismen als geistvolle Denkanstoesse 4

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Sprachspiegel : Zweimonatsschrift
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Schweizerischer Verein f;r die deutsche Sprache
71 (2015)
4
Serie: Aphorismen als geistvolle Denkanst;sse (4) : "Gehalt erhalten
heisst gehalten werden"
Ulrich, Winfried
https://doi.org/10.5169/seals-587145
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Serie: Aphorismenals geistvolle Denkanst;sse (4)
«Gehalt erhalten heisst gehalten werden»
H;ufiger noch als Analogiebildungen
neuer W;rter zu schon verhande
nen W;rtern sind in Aphorismen
;berraschende Gegen;berstellungen
zweier bereits existierender, bekannter
W;rter anzutreffen, die miteinander
verwandt sind. Diese
Gegen;berstellungen werfen ein neues,
;berraschendes Licht auf einen der
beiden Ausdr;cke.
Es ist eine ganz bekannte Sache, dass
die Viertelst;ndchen gr;sser sind als
die Viertelstunden.
(Georg Christoph Lichtenberg)
Die Verkleinerungsform
«Viertelst;ndchen» sollte eigentlich die k;rzere
Zeitspanne bezeichnen, zumal
in den ;blichen Wendungen wie
«nur ein kleines Viertelst;ndchen».
Tats;chlich meint man aber gar nicht
pr;zise 15 Minuten wie bei einer
«Viertelstunde» — etwa: «der Zug hatte
eine Viertelstunde Versp;tung» —,
sondern man meint ungenau einen
kleinen Zeitraum, der unter Umst;nden
eben auch viel l;nger andauern
kann als 15 Minuten.
Unsere Eigenschaften m;ssen wir
kultivieren, nicht unsere Eigenheiten.
(Johann Wolfgang Goethe)
Die beiden Ableitungen vom Adjektiv
«eigen» scheinen weitgehend
bedeutungsgleich zu sein. Mit «Eigenschaft»
bezeichnenwir ein <zum Wesen einer
Person geh;rendes charakteristisches
Merkmalx Von ihr unterschieden
sehen m;chte Goethe die «Eigenheit»
als eine <eher unerw;nschte, negativ
bewertete Eigenartx
Ein Urteil l;sst sich widerlegen, aber
niemals ein Vorurteil.
(Marie von Ebner-Eschenbach)
Die Wahrheit dieses Spruches leuchtet
unmittelbar ein: Ein «Urteil»
wird nach Abw;genvon Argumenten
und Indizien gef;llt, die sich als
falsch herausstellen k;nnen, was zur
Revision des Urteils f;hren kann.
«Vorurteile» dagegen beruhen nicht
auf Argumenten, sondern auf
Emotionen und festen, argumentativ
unerreichbaren Grundeinstellungen.
Weltanschauung ist nicht selten Mangel
an Anschauung. (Ludwig Marcuse)
Der Philosoph weiss, wovon er
spricht: Ideologien, philosophische
Lehrgeb;ude sind oft so abstrakt, so
weit jeder Alltagserfahrung und dem
t;glichen Leben entr;ckt, dass sie
sich eher auf eine Scheinwelt als auf
die empirische Wirklichkeit beziehen.
Die Identit;t von Wortbestandteil
und Wort «Anschauung» t;uscht
;ber diese Diskrepanz hinweg.
Hinter Ansichten stecken Absichten.
(Hans Peter Keller)
Der Austausch eines einzigen
Buchstabens, der Austausch der Pr;fixe
/an/ und/ab/ erm;glichst das Wortspiel,
mit dem scheinbar harmlose
sondern
Meinungen oder feste ;berzeugungen
als keineswegs interesselos,
im Gegenteil als interessengelenkt
und absichtsvoll dekuvriert
werden.
Ein Schein von Tiefe entsteht oft
dadurch, dass ein Flachkopfzugleich ein
Wirrkopfist. (Karl Kraus)
Was verbindet den «Flachkopf» und
den «Wirrkopf»? Beide sind eher das
Gegenteil eines scharfsinnigen Denkers.
Was trennt die beiden? Der
«Flachkopf» kann seine Unf;higkeit,
den mangelnden Tiefgang seines
R;sonierens nicht verbergen; sie kommt
deutlich zum Vorschein. Der «Wirrkopf»
dagegen ;ussert sich so
verworren, so kraus, dass es oft kaum
m;glich ist, seine Gedanken genau zu
erfassen und als banal zu entlarven.
Neben Analogiebildung und kontrastiver
Gegen;berstellung verwandter
Ausdr;cke stellt die Umbiegung der
Bedeutung eines Wortes eine dritte
Form des Wortbildungsspiels im
Aphorismus dar. Dabei werden
bekannte W;rter analysiert und neu
und in ;berraschender Sinnrichtung
interpretiert.
Gehalt erhalten heisst gehalten werden.
(Bert Berkenstr;ter)
Berkenstr;ter jongliert hier gleich
mit drei Mitgliedern der Wortfamilie
119
«halten». Zwei davon, «Gehalt erhal
ten», zielen aufdie regelm;ssige
monatliche Bezahlung von Beamten und
Angestellten. Die Wendung «gehalten
werden» stammt eigentlich aus
der «Tierhalterei». Die Zusammenf;hrung
beider Ausdr;cke verdeutlicht
Berkenstr;ters vernichtendes
Urteil ;ber die genannte Personengruppe:
Beamte sind unfrei, abh;ngig,
werden vom Staat «alimentiert»,
d. h. «gehalten» wie Haustiere.
Vertrauensselig — ein sch;nes Wort.
Vertrauen macht selig den, der es hat,
und den, der es ein;;sst.
(Marie von Ebner-Eschenbach)
Hier erfolgt eine semantische
«Aufwertung» des Adjektivs vertrauensselig,
mit dem ;blicherweise Personen
charakterisiert werden, die sich
arglos allzu schnell und leicht anderen
anvertrauen. Der sonst darin
enthaltene Tadel, zu leichtfertig zu
vertrauen, ist hier v;llig verschwunden
und im Sinne <einem tiefen Gl;cksgef;hl
hingegeben> einer hohen
Wertsch;tzung gewichen — unter
R;ckgriff auf die positive Bedeutung
des Grundwortes «selig», sieht man
von dessen religi;ser Bedeutung ab.
Meine Verfolger m;ssen mir schon
folgen. Sonst verfehlen sie mich.
(Hans Kudszus)
Hier wird das vom Verb «verfolgen»
abgeleitete Substantiv «Verfolger»
neu interpretiert. Der Schriftsteller,
der geistig wendige Intellektuelle
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;berhaupt, wendet sich seinen Kritikern
zu. Sie m;ssen sich schon der
Anstrengung unterziehen, seinen
Gedanken und ;usserungen zu
«folgen», d. h. diese wirklich zu verstehen
versuchen, um ihn richtig
angreifen und «treffen» zu k;nnen.
Anderenfalls gehen ihre Attacken ins
Leere, an ihm und seinen ;berzeugungen
vorbei.
eigenwillige
Auch Ratschl;ge sind Schl;ge.
(unbekannter Verfasser)
Das ist nun wirklich eine sehr
Behauptung. Denn zumeist
sind «Ratschl;ge» als
Verhaltensempfehlungen gut gemeint und oft
auch sehr willkommen, da man sie
im Gegensatz zu Anordnungen und
Befehlen ja auch «in den Wind schlagen»
kann. Aber es lassen sich
nat;rlich auch Situationen denken, in
denen sich eine scharfe Kritik am
Verhalten einer Person, ja ein ver¬
letzender verbaler Hieb als
wohlgemeinter «Ratschlag» tarnt.
Man verkommt nicht nur nach unten,
auch nach oben, auch nach oben.
(Joachim G;nther)
W;rterb;cher verzeichnen als Bedeutung
von «verkommen» deutlich das
moralische, wirtschaftliche,
gesellschaftliche <Immer-tiefer-Sinken>
eines Menschen, meist mit ;usserlicher
Verwahrlosung verbunden. Wie aber
kann man bei einem sozialen
Aufstieg «verkommen»? In den letzten
Jahren haben uns nicht wenige M;nner
aus der Wirtschaft, insbesondere
dem Bankensektor, mit ihrer Gier die
Antwort gegeben und die Aktualit;t
des Aphorismus demonstriert: Man
kann ohne ;ussere Anzeichen moralisch
versagen und «verkommen».
Freilich wird dabei die ;bliche
Bedeutung des Verbs auf den Kopf
Winfried Ulrich
gestellt.
Prof. Dr. Dr. h.c.mult. Winfried Ulrich, Kiel (ulrich@germsem.uni-kiel.de). Die f;nfteilige
Serie beruht auf dem Vortrag, den der Autor am 5. 7. 2014 beim SVDS gehalten hat.
Ulrich, Winfried: Treffliche Pointen. Humor und Scharfsinn in Aphorismen, Cartoons,
Anekdoten, Witzen. Schneider Hohengehren, Baltmannsweiler 2010. ISBN 13: 978-3
8340-0768-1
Wort und Antwort: Woher kommt «hoi»?
Leserbriefzu Heft 3/2015: Dialekt im Wandel
Eine Frage, die mir niemand beant- Arbeitskollegin, Z;rcherin, die zehn
Worten konnte, betrifft die Begr;s- Jahre sp;ter hier ankam, benutzte
sung «hoi». Als ich 1959 Z;rich ver- schon «hoi». Wie und warum dieser
liess (ich lebe seit damals in Genf), Wechsel stattfand, ist mir ein R;tsel,
begr;sste man sich mit «sali». Eine
Corinna Ascher (via Infosperber.ch


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