Aphorismen als geistvolle Denkanstoesse 3
Sprachspiegel : Zweimonatsschrift
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Schweizerischer Verein f;r die deutsche Sprache
71 (2015)
3
Serie: Aphorismen als geistvolle Denkanst;sse (3) : "ein Plagiat ist ;ble
Nachschreibe"
Ulrich, Winfried
https://doi.org/10.5169/seals-587142
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Serie: Aphorismenals geistvolle Denkanst;sse (3)
«Ein Plagiat ist ;ble Nachschreibe»
Mir pers;nlich sind die Aphorismen
am sympathischsten, die nicht nur
Allerweltsmeimmgen auf den Kopf
stellen, sondern die dabei auch die
Sprache verfremden, ihr pfiffiges
Spielchen mit ihr treiben. W;hrend
Pointen sich im Witz mit Komik
verbinden und auf Erheiterung der H;rer
oder Leser zielen, gehen Pointen
in Aphorismen eine enge Verbindung
mit dem eigenwilligen, angriffslustigen
Scharfsinn ein und zielen auf
einen Denkanstoss beim H;rer oder
Leser.
Nicht selten macht sich dabei die
Pointenbildung die Techniken der
Wortbildung zunutze. Unkonven
tionnelle Augenblicksbildungen
unterstreichen den unkonventionellen
Charakter der Gedankenf;hrung, die
ideelle und verbale Originalit;t des
Ausspruchs und seines Sch;pfers.
Deshalb sind sie ein sehr geeignetes
Instrument, auch den Leser auforiginelle
Pfade zu locken. Dorthin zu
folgen
und die Augenblicksbildungen
zu verstehen, ist uns m;glich, weil
die Regeln der deutschen Wortbildung
ihren Niederschlag in unserem
Ged;chtnis gefunden haben.
Der Sprachwissenschaftler Eichinger
schreibt dazu: «Wortbildungen
appellieren an unser sprachliches
Ged;chtnis, fordern uns auf, sie an un¬
sere Erfahrungen und Schemata, die
wir mit den bekannten Elementen
verbinden, anzuschliessen und sie
auf diese Weise sinnvoll in neue
Schemata einzuf;gen».1 Eine solche
Chance l;sst der kreative Aphoristi
ker nicht ungenutzt. Durch sch;pferische
Abweichungen von den
sprachlichen Normen kann er nicht
nur seine Geistesblitze leuchten
lassen,
sondern auch noch seine souver;ne
Sprachbeherrschung unter
Beweis stellen:
Versuchen ist nicht so ;bel als Verfinden.
(Emil G;tt)
Das Wort verfinden gibt es im
Deutschen gar nicht. Das einfache Verb
«finden» bezeichnet den gelungenem
Abschluss des «Suchens». Ein
;hnliches Verh;ltnis wie zwischen
diesen beiden einfachen Verben
besteht
zwischen der Pr;fixbildung
«versuchen» und «gelingen». Davon
aber ist nicht die Rede. Dem «Versuchen»
wird eine Neubildung «verfinden»
gegen;bergestellt. Damit aber
werden beide mit dem gleichen Pr;fix
gebildeten Pr;fixverben auf die
Bedeutungen ihrer Grundw;rter
zur;ckgef;hrt. Versuchen verliert seine
1
Eichinger, Ludwig M.: Deutsche Wortbil¬
dung: eine Einf;hrung. T;bingen, Narr
2000, S. 41.
;bliche Bedeutung <etwas zu tun
beginnen, wovon man nicht sicher ist,
dass es gelingen wird, probieren>.
Stattdessen wird die Grundbedeutung
des einfachen Verbs «suchen» mit
einer nicht seltenen Bedeutung des
Pr;fixes /-ver/ modifiziert, n;mlich
mit der Bedeutung <falsch>,2 wie sie
auch anzutreffen ist bei «verbiegen,
verdrehen, versch;tten, verf;hren,
verkennen, verlaufen, verz;hlen ...».
«Versuchen» erh;lt nun die nicht
;bliche Lesart ffalsch suchen» Analog
dazu wird «verfinden» gebildet mit
der Lesart ffalsch finden» Damit aber
ist das R;tsel des Spruches gel;st. Es
leuchtet ein, dass ein falsches Suchen
immer noch abgebrochen oder
ver;ndert werden und dann zum
gew;nschten Ziel f;hren kann. Ein
falsches Finden dagegen ist definitiv,
bildet den ungl;cklichen Abschluss
einer Suche, der nicht r;ckg;ngig zu
machen ist.
Bauernm;dchen gehen barfuss, die
vornehmen Damen barbrust.
(Unbekannter Verfasser)
Bei diesem Aphorismus ist die
Analogiebildung offensichtlich, ebenso
wie der Spott ;ber die Oben-ohne
Mode. Erhellt wird dabei die
teilweise historisch verdunkelte Komposition
von «barfuss» mit dem
2 Fleischer, Wolfgang: Wortbildung der deut¬
schen Gegenwartssprache. Leipzig, Bibliogr.
Institut, 2. unver;nderte Auflage 1971, S. 299.
Bestimmungswort «bar» in der heute
veralteten Bedeutung »unbedeckt,
bloss, nackt>, die auch noch erhalten
ist im Adjektiv «barh;uptig» (»ohne
Kopfbedeckung>).
«barbrust»)
Die beiden zuletzt genannten
Aphorismen repr;sentieren jenen Typ, bei
dem sowohl das Muster («versuchen»
— «barfuss») als auch die
Analogiebildung («verfinden» —
explizit vorhanden sind.
Beide verweisen gegenseitig aufeinander
und erleichtern auf diese Weise
das Verst;ndnis. In anderen F;llen
muss das Musterwort erst aus dem
Zusammenhang erschlossen werden.
Ein Plagiat ist ;ble Nachschreibe.
(Elazar Benyo;tz)
Manche haben den Gr;ssenwahn
verr;ckt zu sein und sind nur
untergeschnappt. (Karl Kraus)
«;bergeschnappt».
Den Hintergrund bilden die «;ble
Nachrede» und das Adjektiv
Dabei decken sich
«Nachrede» und »»Nachschreibe»
nur formal, nicht inhaltlich, denn
«nach-» steht einmal f;r »;ber
jemandem (reden), das andere Mal f;r
»einer Vorlage folgend> (abschreiben).
— «;bergeschnappt sein» ist
gleichbedeutend mit «verr;ckt sein».
Diese Eigenschaft billigt Karl Kraus
aber nicht allen Menschen zu, die auf
das «;ber-» im Sinne von »;ber das
;bliche Mass hinaus> vielleicht sogar
stolz sind, weil es sie irgendwie ;ber
sondern
Mitmenschen erhebt. Er gesteht
ihnen zu, nicht «normal» zu sein,
aber nicht «;bergeschnappt»,
nur «untergeschnappt» im
Sinne von <unter dem ;blichen Mass,
zu wenigx Sp;ttisch verschachtelt
hier Karl Kraus die Wendung
«Bescheid wissen» mit dem zusammengesetzten
Wort «Wissenschaft»,
wenn er schreibt:
In der deutschen Bildung nimmt den
ersten Platz die Bescheidwissenschaft
ein. (Karl Kraus)
Deutlich weniger ungew;hnlich und
weniger kreativ erscheint dagegen
Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Winfried Ulrich, Kiel
Serie beruht auf dem Vortrag, den der Autor
ein Wort wie «Denkminuten», das
erst in der Gegen;berstellung mit
«Gedenkminuten» seine Bedeutung
entfaltet:
Viele Gedenkminuten h;tten durch
Denkminuten vermieden werden
k;nnen. (Wolfgang Eschker)
Ein wahres Wort, das darauf
hinweist, dass es bei rechtzeitigem
intensivem Nachdenken und daraus
folgendem Handeln gar nicht zum
Sterben derjenigen h;tte kommen
m;ssen, deren man nun ehrend
gedenkt.
Winfried Ulrich
ulrich@germsem.uni-kiel.d;). Die f;nfteilige
am S. 7. 2014 beim SVDS gehalten hat.
Wort und Antwort: Helvetismen
Eine Masterarbeit ;ber Uni-Vorschriften schl;gt hohe Wellen
Diskussion zu Heft 2/2015: «Eine deutsche Wissenschaftssprache?»
Die im letzten Heft vorgestellte
Masterarbeit von Stefanie Wyss hat ein
breites Echo gefunden — vorwiegend
mit Unverst;ndnis daf;r, dass an
manchen Schweizer Hochschulen
Helvetismen in schriftlichen Arbeiten
verp;nt sind. Manchmal steht
das in Richtlinien, manchmal
verlangt es das Lehrpersonal, insbesondere
solches aus Deutschland. Nachdem
der «Sprachspiegel»-Redaktor
im Berner «Bund» dar;ber berichtet
hatte, griff auch «20 Minuten» die
Masterarbeit auf, ohne die vorherigen
Publikationen zu erw;hnen.
Auf der Website der Pendlerzeitung
gingen Reaktionen zeitweise im
Minutentakt ein; in den zwei Tagen, als
die Leitung offen war, kamen so
mehr als 700 Kommentare zusammen.
Der beliebteste, gemessen an
zustimmenden Klicks, war in Ton
und Inhalt typisch f;r eine verbreitete
Emp;rung. «Der Seher» meinte
(in
Originalschreibweise):
«Also
wenn es so sein sollte das Deutsche
Professoren Helevetismen ablehnen,
m;sste ich denen Antworten: Meine
Herren, wir sind hier in der Schweiz,
wir sprechen verschiedene Dialekte
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