Aphorismen als geistvolle Denkanstoesse 5
Sprachspiegel : Zweimonatsschrift
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Schweizerischer Verein f;r die deutsche Sprache
71 (2015)
5
Serie: Aphorismen als geistvolle Denkanst;sse (5) : "das Feigenblatt ist
das Blatt der Feigen"
Ulrich, Winfried
https://doi.org/10.5169/seals-587148
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Serie: Aphorismenals geistvolle Denkanst;sse (5)
«Das Feigenblatt ist das Blatt der Feigen»
Nicht immer enthalten die Aphorismen
tiefsch;rfende Gedanken.
Gelegentlich sind es auch leicht dahinge
sagte Bonmots, denen mandie Freude
am Spiel mit der Sprache anmerkt,
besonders am Spiel mit mehrdeutigen
W;rtern und Wortbausteinen.
Von allen Sto;wechselkrankheiten ist
die Mode die charmanteste.
(Ralph Boller)
Nat;rlich ist der «Stoffwechsel» in
beiden F;llen nicht der gleiche, ebenso
wenig wie das «Einstecken» und
«Begreifen» bei folgenden Spr;chen
eindeutig ist.
Sinnlos, einem Kapitalisten Vorw;rfe
zu machen; er ist das Einstecken
gew;hnt. (Bert Berkenstr;ter)
Ein Playboy ist ein junger Mann, der
die Frauen lieber begreift als versteht.
(Ralph Boller)
Und achten Sie mal auf die
Gegen;berstellung des einfachen Wortes
und des zusammengesetzten Wortes:
Die einzig wahre Bildung scheint die
Verm;gensbildung zu sein.
(Gerhard Uhlenbruck)
Der gr;sste Aberglaube ist der Glaube
an die Vorfahrt. (Jacques Tati)
Bisweilen wirft der Kontext nicht
nur ein neues Licht aufein gebr;uch¬
liches Wort, sondern dessen innere
Struktur ver;ndert sich; das Wort
wird entweder unter Beachtung der
Regeln der Wortbildung oder unter
ihrer Missachtung gleichsam strukturell
«umgebaut».
Es ist ein Missverst;ndnis, die
Gedankenfreiheit bis zur Unabh;ngigkeit
vom Verst;nde voranzutreiben.
(Hans Kasper)
Nat;rlich meinen wir mit
«Gedankenfreiheit» stets die «Freiheit der
Gedanken», d.h. zu denken, was
manwill, und die Freiheit, diese
Gedanken auch ;ussern zu d;rfen.
Prinzipiell k;nnte man darunter aber
auch wie Kaspar die «Freiheit von
Gedanken», also den Mangel an
Gedanken, Gedankenlosigkeit verstehen.
Selbstverst;ndlich ist, was man selbst
versteht und niemand sonst.
(Ambrose Bierce)
Als «selbstverst;ndlich» bezeichnet
man etwas, das <sich aus sich selbst,
von selbst versteht> und deshalb keiner
weiteren Begr;ndungen bedarf.
Der Wortbaustein /selbst/ bezieht
sich also immer aufdas, wasverstanden
werden soll. Dieser Bezug wird
nun verschoben, und zwar auf die
Person, die etwas als «selbstverst;ndlich»
ausgibt. Das geht an der kon
ventionellen Wortstruktur v;llig vorbei,
ist aber ganz listig gemacht,
denn so kann der Aphoristiker
demjenigen eins auswischen, der es
selbstherrlich f;r v;llig unn;tig h;lt,
seine eigenen Anschauungen zu
begr;nden, da sie offensichtlich
evident, unmittelbar einleuchtend
seien, auch wenn ausser ihm
niemand diese Einsch;tzung teilt.
Deutschland ist das einzige Land, in
dem die Kosten Unkosten heissen.
(Sandro Paternostro)
Das Pr;fix /un-/ ist in den allermeisten
F;llen ein Verneinungsmittel,
sodass man geneigt ist, die Verneinung
als seine einzige Funktion anzunehmen.
Tats;chlich modifiziert das
Pr;fix aber das Grundwort auch in
andere Richtungen, etwa als
z. B. wenn mit
Steigerungsmittel,
«Unmenge/Unzahl»
eine <besonders
grosse Menge/Zahl> gemeint ist,
oder auch in abwertendem Sinnewie
z. B. bei «Unart, Untier, Unkraut»
mit
dem Merkmal <schlimm,
schlecht). In diesem Sinne bezeichnen
«Unkosten» die unangenehmen,
unvorhergesehenen, aber auch die
hohen Ausgaben. Der italienische
Aphoristiker ordnet aber das Wort
«Unkosten» bewusst der anderen
Gruppe zu, spielt auf die vermeintliche
Verneinung an und mokiert
sich ;ber die deutsche Sprache.
Solche Umstrukturierungen
zusammengesetzter W;rter k;nnen auch zu
sogenannten Volksetymologien, also
falschen Verwandtschaften f;hren:
konstruiert
Das Feigenblatt ist das Blatt derFeigen.
(Joachim Ringelnatz)
Das Substantiv «Feige» und das
Adjektiv «feige» sind trotz ihres ;hnlichen
Klanges zwei ganz verschiedene
W;rter ohne jede Gemeinsamkeit
der Bedeutungen. Und dennoch
Ringelnatz einen inhaltlichen
Zusammenhang, indem er
behauptet, dass es die ;ngstlichen, vor
jedem Risiko zur;ckscheuenden
Menschen seien, die etwas mit einem
«Feigenblatt» zudecken, d.h. etwas
Unangenehmes vor anderen
verbergen.
W;rde ist die konditionale Form von
dem, was einer ist. (Karl Kraus)
Auch Karl Kraus macht sich in
diesem scheinbar schlichten Satz den
zuf;lligen Gleichklang zweier W;rter
zunutze. Er schafft eine Beziehung
zwischen «w;rde» als einer
Form des Verbs «sein» einerseits und
des mit «wert» verwandten Substantivs
«die W;rde». Das Verb «sein»
weist u. a. die Bedeutung <da sein,
existieren> auf, gelegentlich mit dem
Nebensinn <etwas (Besonderes)
darstellen), wie etwa in der Wendung
«mehr sein als scheinen». Das
Substantiv «W;rde» bezeichnet dagegen
<die einem Menschen auf Grund des
ihm innewohnenden Wertes zukom
mende Bedeutung). Eine solche
«W;rde» spricht Karl Kraus nun
15 5
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nicht jedem Menschen ohne Weiteres
als real gegeben zu, vielmehr nur
als M;glichkeit, die ihm nicht schon
durch seine blosse Existenz garantiert
ist, sondern um die er sich
bem;hen muss, um sie zu erreichen.
«Menschenw;rde» wird also zu
einem Ziel der Pers;nlichkeitsbildung,
nach dem jeder streben sollte.
In manchen F;llen ;berraschen die
eigenwilligen, aber nicht unsinnigen
Deutungen eines eindeutigen Wortes
durch den Aphoristiker:
Jeder Mensch wird als Zwilling geboren:
als der, der er ist, und als der, f;r
den er sich h;lt. (Martin Kessel)
Und nicht selten befl;gelt die
Angriffs- oder Spottlust zu recht
aggressiven ;usserungen ;ber
Mitmenschen:
Frauen sind merkw;rdig: Sie wollen
alle einen DonJuan zum Mann — aber
einen f;r sich allein.
(Heinrich Spoerl)
Keinen Gedanken haben und ihn
ausdr;cken k;nnen- das macht den
Journalisten. (Karl Kraus)
Ich schliesse mit einem Aphorismus
;ber den Aphorismus, sozusagen mit
einem Meta-Aphorismus:
Ein Aphorismus ist eine Halbwahrheit,
die so formuliert ist, dass den
Verteidiger der anderen H;lfte der
Schlag trifft, (unbekannter Verfasser)
Winfried Ulrich
Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Winfried Ulrich, Kiel (ulrich@germsem.uni-kiel.de). Die nunmehr
abgeschlossene Serie beruht auf dem Vortrag, den der Autor am S. 7. 2014 beim SVDS
gehalten hat. Sie ist als Ganzes im Internet abrufbar: www.sprachverein.ch/ulrich.pdf
Ulrich, Winfried: Treffliche Pointen. Humor und Scharfsinn in Aphorismen, Cartoons,
Anekdoten, Witzen. Schneider Hohengehren, Baltmannsweiler 2010. ISBN 13: 978-3
8340-0768-1
Netztipp: Automatisch ;bersetzen
Aufschriftliche Programme folgt der Schritt ins Dolmetschen
Kaum war der «Netztipp»
«Fremdsprachen-Hilfe» im Dezember 2014
erschienen, begann auf dem Gebiet
der automatischen ;bersetzung die
Zukunftsmusik zu spielen: Microsoft
brachte den Skype Translator heraus,
der Internet-Telefonate mit maschinellem
Dolmetschen erm;glicht: Je¬
der Teilnehmer redet seine Sprache,
und sobald er Atem sch;pft, l;sst das
Programm die ;bersetzung erklingen.
Erh;ltlich war auch im September
erst die Vorschau-Version f;r
Ger;te mit Windows 8.1 oder 10, in
Chinesisch und f;nf westeurop;ischen
Sprachen, darunter Deutsch.
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