Aphorismen als geistvolle Denkanstoersse 3 2
Sprachspiegel : Zweimonatsschrift
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Schweizerischer Verein f;r die deutsche Sprache
71 (2015)
2
Serie: Aphorismen als geistvolle Denkanst;sse (2) : "Herr, vergib ihnen,
denn sie wissen, was sie tun!"
Ulrich, Winfried
https://doi.org/10.5169/seals-587138
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Serie: Aphorismenals geistvolle Denkanst;sse (2)
«Herr, vergib ihnen, denn sie wisse
Besondere Freude haben Aphoristi
ker daran, allseits bekannte und
allgemein akzeptierte Spr;che zu zitieren
und dann diese Zitate auf
;berraschende und k;hne Weise
umzubiegen, ihnen zu widersprechen
oder ihnen eine ganz andere
Bedeutung zu geben:
Glaube versetzt Berge, der Zweifel
erklettert sie. (Karl Heinrich Waggerl)
Es ist ja nicht falsch, dass ein starker
Glaube, eine unbeirrbare ;berzeugung
oft selbst gr;sste Hindernisse zu
;berwinden vermag: Glaube versetzt
Berge, die im Wege stehen. Und doch
zieht Waggerl dem Glauben den
Zweifel vor, denn der feste Glaube
kann von Selbstgewissheit auch zur
Selbstzufriedenheit verleiten und zum
passiven Abwarten des Geschehens
verf;hren. Die Kraft des Zweifels, der
zum kritischen Fragen und Pr;fen
anleitet und sich nicht mit einfachen,
schnellen L;sungen zufriedengibt,
kleidet er in das sch;ne Bild vom
Erklettern der Berge. Das ist zwar
anstrengend, aber eben auch kr;ftigend
und bei der Ankunft auf dem Gipfel
eine grossartige Best;tigung. Allerdings
kann man das auch ganz
anders sehen:
Wirhaben den Glauben verloren, weil
wir Berge versetzen k;nnen.
(Erwin Chargaff)
was sie tun!»
Auch dieser These l;sst sich etwas
abgewinnen: Wer so stark ist, dass er
selbst Berge versetzen kann, braucht
keinen Glauben mehr, der das f;r
ihn erledigt. Vielleicht l;sst sich ja
der moderne Schwund an Religiosit;t
in der westlichen Welt auch damit
erkl;ren, dass mit den durch Wissenschaft
und Technik enorm gewachsenen
Handlungsm;glichkeiten und
mit dem gest;rkten Selbstbewusst
sein der Menschen diese einen Glauben
nicht mehr n;tig zu haben meinen.
Herr, vergib ihnen, denn sie wissen,
was sie tun! (Karl Kraus)
So spottet Karl Kraus. Und in der Tat
hat derjenige, der weiss, welche
Untaten er begeht, Vergebung noch viel
n;tiger als derjenige, der nicht richtig
einsch;tzt, was er anrichtet.
Voll bitterer Ironie ist Friedrich
Nietzsches Feststellung, die eine weit
verbreitete Mahnung zum Fleiss, Wer
nicht arbeitet, soll auch nicht essen, in
einen sozialkritischen Tadel an der
vornehmen Gesellschaft umdreht:
Wer nicht arbeitet, soll auch nicht
essen. Wernicht arbeitet, soll speisen.
Wer aber gar nichts tut, der darf
tafeln. (Friedrich Nietzsche)
Neben der Technik der Umbiegung
von Zitaten sind im Aphorismus
Gegen;berstellungen und Vergleiche
beliebt:
Eitelkeit wird verziehen, nicht Stolz.
Durch jene macht man sich abh;ngig
von anderen, durch diesen erhebtman
sich ;ber sie. (Friedrich Fiebbel)
Hebbel hat durchaus einen wichtigen
Unterschied zwischen Eitelkeit und
Stolz richtig erkannt. Eitelkeit wird
von anderen Menschen unter
Umst;nden bel;chelt, vielleicht sogar
verspottet, aber nicht ver;belt, da ihre
Reichweite auf den eitlen Menschen
beschr;nkt bleibt. Eitelkeit ist sich
selbst genug, will allenfalls gl;nzen,
ist aber nicht aggressiv. Stolz dagegen
beruht immer auf einem Vergleich
zwischen einem selbst und anderen
und erhebt sich ;ber diese, weil sie
weniger Meriten haben. Das aber
nehmen die anderen ;bel auf.
Solche Vergleiche f;hren zu genaueren
Unterscheidungen, als man sie
gemeinhin trifft. Den Physiker und
Philosophen Carl Friedrich von
Weizs;cker interessiert der Unterschied
zwischen Verstand und Vernunft,
zwei Begriffen, die oft ohne
Bedeutungsunterschied verwendet werden:
Verstand dient der Wahrnehmung der
eigenen Interessen. Vernunftist
Wahrnehmung des Gesamtinteresses. (Carl
Friedrich von Weizs;cker)
Ob man dieser Zuordnung nun folgen
mag oder sie als subjektiv bis willk;r
Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Winfried Ulrich, Kiel
Serie beruht auf dem Vortrag, den der Autor
lieh empfindet — im W;rterbuch
liegen
die Bedeutungen im Sinne von
«F;higkeit, zu denken, sich ein Urteil
zu bilden und danach zu handeln»
dicht beieinander —, der von v.
Weizs;cker behauptete Unterschied macht
immerhin darauf aufmerksam, dass
man die eigene Geisteskraft verschieden
nutzen kann, nur zum eigenen
Vorteil oder aber zugunsten aller
Menschen. Dieser Ausspruch eines
bedeutenden Physikers, der pers;nlich
gegen die Atomr;stung demonstriert
hat, gibt zu denken.
Es ist ein Unterschiedzwischen einem
Mann von Bedeutung und einem
Mann, der etwas bedeutet. (Friedrich
Hebbel)
Offenbar versteht Hebbel unter
einem Mann von Bedeutung eine
hochgestellte Pers;nlichkeit. Bei ihr
ist m;glich, aber keineswegs sicher,
dass sie ihre herausragende
gesellschaftliche Stellung durch Verdienste
erworben hat. Mancher wird auch
durch Geburt und Familie oder
durch gl;ckliche ;ussere Umst;nde
beg;nstigt zu einer wichtigen Person
mit Ansehen. Das kann im Einzelfall
bloss ;usserlich sein und einem
Dummkopf den Anschein von wahrer
Bedeutung verleihen. Dem stellt
Hebbel einen Menschen gegen;ber,
der unabh;ngig von seinem Stand
wirklich etwas zu sagen hat und
tats;chlich etwas bedeutet.
Winfried Ulrich
ulrich@germsern.uni-kiel.de). Die f;nfteilige
am 5. 7. 2014 beim SVDS gehalten hat.
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