Aphorismen als geistvolle Denkanstoesse 1
Sprachspiegel : Zweimonatsschrift
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Schweizerischer Verein fuer die deutsche Sprache
71 (2015)
1
Serie: Aphorismen als geistvolle Denkanstoesse (1) :
"zur Vollkommenheit fehlte ihm nur ein Mangel"
Ulrich, Winfried
https://doi.org/10.5169/seals-587134
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Serie: Aphorismenalsgeistvolle Denkanstoesse (1)
«Zur Vollkommenheit fehlte ihm nur ein Mangel»
Der Reiz, der von Aphorismen
ausgeht,
haengt unmittelbar mit ihrer
Kuerze zusammen. Das gilt in
zweifacher Hinsicht: Ein intellektueller
Reiz geht von demverblueffenden
Gedanken aus, den der Autor ausspricht,
ein aesthetischer Reiz von der
geschliffenen Form, in die er seinen
Gedanken kleidet.
Es gibt Leute, denen der Anstand nicht
fehlt- den sie nicht besitzen.
(Gerhart Hauptmann)
Dieser Aphorismus erscheint auf den
ersten Blick paradox. Normalerweise
«fehlt» einem das, was man «nicht
besitzt», man hat es eben nicht.
Wenn es einem dennoch «nicht
fehlt», kann «fehlen» nur psychologisch
gemeint sein, d. h. man ver
misst das Fehlende gar nicht, hier
also den fehlenden Anstand, man
glaubt, gut ohne ihn auskommen zu
k;nnen. Damit wird der zunaechst
widersinnig erscheinende Satz Gerhart
Hauptmanns sinnvoll, man kann ihm
aus eigener Erfahrung nur zustimmen,
kennt man doch solche heute
auch, und man kann gleichzeitig
feststellen: Pfiffig formuliert ist diese
Erkenntnis auch!
Aphorismen sind eben ganz eigenartige
sprachliche Gebilde, nicht selten
schwer zu verstehen:
Glaube keinem, der immer die Wahrheit
spricht. (Elias Canetti)
Wie kann Canetti das meinen? Der
Widerspruch scheint unaufloeslich.
Wer sollte wohl glaubwuerdiger sein
als ein Mensch, der immer die Wahrheit
spricht und nie luegt? Und gerade
ihm soll man nicht glauben? Elias
Canetti provoziert den Hoerer oder
Leser mit seinem Ratschlag. Er
zwingt ihn zum Nachdenken, wie
der unsinnig erscheinende Spruch
doch Sinn ergeben koennte.
Aphoristiker sind extreme Nonkon
formisten. Sie verachten die ueblichen
Denkmuster, die landlaeufigen
Meinungen und setzen sich von ihnen
ab, indem sie haeufig das Gegenteil
von dem behaupten, was man allgemein
fuer richtig und gesichert haelt.
In diesem Fall bildet Canettis Spruch
das Gegenstueck zur Erfahrungsweisheit,
wie sie sich etwa in dem Sprichwort
niederschlaegt:
«Wer einmal lugt, dem glaubt man nicht, und
wenn er gleich die Wahrheit spricht»
bzw. der Umkehrung: Glaube dem,
der die Wahrheit sagt!
Die Polyvalenz, also die gewollte
Mehrdeutigkeit des Aphorismus, laesst
es zu, dass verschiedene Hoerer oder
Leser auch verschiedene Loesungen
fuer ein ueberzeugendes Verstaendnis
finden. Mein Verstaendnis des Spruches
geht etwa in die Richtung: Rigoros
immer die Wahrheit zu sagen —
und die Betonung liegt auf dem Wort
«immer» —, rigoros immer die
Wahrheit zu sagen, ohne Beachtung
der jeweiligen besonderen Umstaende,
kann oft ruecksichtslos, ja
menschenfeindlich sein. Einem solchen
Wahrheitsfanatiker soll man nicht
trauen; seine Worte soll man kritisch
pruefen, ob sie nicht nur der abstrakten
Wahrheit verpflichtet sind,
sondern auch dem Wohl betroffener
Menschen.
Liebe deinen Naechsten wie dich selbst.
Denn:Jeder ist sich selbst der Naechste.
(Karl Kraus)
Aphoristiker stellen eigenwillige
Behauptungen auf. Dabei beanspruchen
sie, subjektive Lebenserfahrung mit
Ueberzeugung zum Ausdruck zu
bringen (also Weisheiten auszusprechen).
Und sie beanspruchen, objektives
Wissen zu repraesentieren (also
Wahrheiten mitzuteilen), ohne dass
sie dafuer Begruedungen oder gar
Beweise liefern.
Karl Kraus geht dabei ganz raffiniert
vor und setzt sich gleich von zwei
«Meinungen» ab. Zunaechst zitiert er
die Bibel: «Liebe deinen Naechsten
wie dich selbst!», dann ein Sprichwort:
«Jeder ist sich selbst der Naechste.»
Darauf meldet er sich selbst zu
Wort, indem er beide Zitate mit der
blossen Konjunktion «denn» verbin¬
det. So stellt er die zentrale Botschaft
des Christentums auf den Kopf.
Man muss den Behauptungen der
Aphoristiker natuerlich nicht unbedingt
Glauben schenken. Ihre Thesen
sind gewollt scharfzuengig, angriffslustig,
oft spoettisch.
Zur Vollkommenheit fehlte ihr nur
ein Mangel. (Karl Kraus)
Wahrheit ist die Luege, die lange Beine
hat. (Lritz Gruenbaum)
Man merkt den Texten die Lreude
der Verfasser an der geistvollen Lor
mulierung an. Manchmal kann man
sogar den Eindruck haben, dass der
Autor selbst nicht so ganz glaubt, was
er da sagt, aber es gefaellt ihm.
Oder der Aphoristiker nimmt sich
mit seinem Spruch selbst auf den
Arm, verzichtet dabei aber nicht auf
eine gewisse Logik des Gedankens:
Man achte immer auf Qualitaet.
Ein Sarg zum Beispiel muss fuers Leben
halten. (Kurt Tucholsky)
Wer das Jucken ein uebel nennt, der
denkt gewiss nicht ans Kratzen.
(Lriedrich Hebbel)
Wagners Musik ist besser, als sie
klingt. (Mark Twain)
Ich kann allem widerstehen, ausser
der Versuchung. (Oscar Wilde)
Und selbst in solchen Scherzen steckt
noch ein Stueck Selbsterkenntnis und
somit Lebensweisheit. Man muss die
Formulierung nur lange genug drehen
und wenden, um ihren tieferen
Sinn zu erschliessen. Gerade das aber
ist typisch furr den Aphorismus. Er
will eben nicht nur funkeln wie ein
geschliffener Edelstein, er will
ausserdem und vor allem Denkanstoss
sein, in seiner Raetselhaftigkeit, ja
Dunkelheit zum Gruebeln anregen:
Wer ganz Ohr ist, hoert nicht. (Martin
Heidegger)
Sinnesorgane?
Ob der Philosoph vor Einseitigkeit
warnen will, vor einer Reduktion des
Menschen auf eines seiner
Vermutlich will er sagen,
dass zum wirklichen «Hoeren» mehr
gehoert als die Konzentration auf die
Wahrnehmung von Lauten und
Aueusserungen anderer. Man muss das
Vernommene mit dem schon erworbenen
Weltwissen, mit der eigenen
Erfahrung vergleichen und beides
zur Deckung bringen. Erst dann hoert
man richtig.
So will Kudszus wohl daraufhinweisen,
dass wirkliche Selbsterkenntnis,
ohne dass man sich etwas vormacht,
schwer und selten anzutreffen ist.
sondern
Wer tiefer irrt, der wird auch tiefer
weise. (Gerhart Hauptmann)
Mit dem Ausdruck «Tiefe» will
Hauptmann sich wohl von einer
verbreiteten Oberflaechlichkeit des Denkens
absetzen. Aber nicht allein das:
Gerade wenn man sich nicht in einer
belanglosen Angelegenheit irrt,
in einer wichtigen, ja entscheidenden,
das eigene Leben
bestimmenden
Frage,
Jeder ist sich selbst der Fernste. (Hans
Kudszus)
Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Winfried Ulrich, Kiel (ulrich@germsem.uni-kiel.de). Die fuenfteilige
Serie beruht auf dem Vortrag, den der Autor am 5. 7. 2014 beim SVDS gehalten hat.
in einer festen
Ueberzeugung, dann ist die Feststellung,
dass man sich geirrt hat, ein
schwerer Schlag. Man muss unter
Umstaenden lange daran arbeiten,
diesen Schlag zu verwinden. Kommt
man dann aber zu der Einsicht, dass
noch so sicher scheinende Wahrheiten
in Wirklichkeit unzutreffend sein
koennen, so ist das in der Tat eine
elementare Erkenntnis, die vor falscher
Sicherheit warnt und ein Stueckchen
erworbene Weisheit darstellt.
Winfried Ulrich
Wortschatz: Wertschoepfung mit Wortschoepfung?
Worthuelsen bereichern vielleicht die Erfinder, nicht aber die Sprache
Zugegeben: Es mag meinerseits viel- bei der Nennung des vielverspre
leicht an einer gewissen «d;forma- chenden Wortes Wertschoepfung
tion professionnelle» liegen, dass ich reflexartig zusammenzuckend zu
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