Krieg auf Kredit

Start einer Patriot-Abfangrakete. Jeder Einsatz kostet das US-Milit;r rund 4,6 Millionen Dollar. © SRF

Krieg auf Kredit
Daniel Ryser / 14.03.2026  Die USA verschossen im Iran in einer Woche Munition f;r ;ber 11 Milliarden Dollar. Die wahren Kosten zeigen sich erst Jahre sp;ter.

Was die moderne Kriegsf;hrung auszeichnet, ist nicht ihre Grausamkeit – die ist so alt wie der Krieg selbst –, sondern ihre Buchhaltung. Man denke nur an die Zahl, die Anfang M;rz in den Korridoren Washingtons die Runde machte: Sie wurde nicht mit milit;rischer Fanfare oder unter dem Glanz der Generalssterne verk;ndet, sondern versteckt in einer Meldung der Nachrichtenagentur Reuters. Wir erfuhren, dass die amerikanische Regierung allein in den ersten 48 Stunden ihres Angriffs auf den Iran Munition im Wert von 5,6 Milliarden Dollar verschossen hatte.

5,6 Milliarden Dollar. F;r zwei Tage. F;r Munition. Man k;nnte versucht sein, diese Zahl als groteske ;bertreibung eines antimilitaristischen Schreiberlings abzutun, aber eine oberfl;chliche Pr;fung der Preisschilder, die an unseren modernen Waffen angebracht sind, offenbart eine finanzielle Obsz;nit;t. Inzwischen berichtete auch die «New York Times», dass allein die erste Kriegswoche das Pentagon bereits ;ber 11,3 Milliarden Dollar gekostet habe.

Milliardenteures Abfackeln

Die von den USA im Iran eingesetzten Patriot-Raketen kosten laut Bloomberg 4,6 Millionen Dollar pro St;ck, die sogenannten SM-6-Raketen 8,2 Millionen und die Thaad-Raketen 12,8 Millionen. Der Tomahawk-Marschflugk;rper, seit Jahrzehnten das bevorzugte Instrument amerikanischer Luftangriffe, kostet 1,7 Millionen Dollar pro St;ck. Der Angriffskrieg war dann auch bloss wenige Stunden alt, als ein amerikanischer Tomahawk-Marschflugk;rper sein Ziel nicht in einer befestigten Milit;ranlage, sondern in den Klassenzimmern der Shajareh-Tayyebeh-M;dchenschule in Minab fand. Mehr als 160 Menschen wurden get;tet, darunter ;berwiegend kleine M;dchen, deren einziges Vergehen darin bestand, auf der falschen Seite einer geopolitischen Gleichung geboren worden zu sein.

Die moderne Luftkriegsf;hrung ;hnelt finanziell weniger dem traditionellen Krieg als vielmehr einer grotesken Pyrotechnik der Zerst;rung, bei der jedes einzelne Projektil den Preis einer Garage voller Ferraris hat (w;hrend die iranische Seite offenbar auf Geschosse und Drohnen setzt, die ein paar tausend Dollar kosten). Die groteske ;konomie des Ganzen w;re fast komisch, wenn diese t;dlichen Instrumente der nationalen Politik mit dem privaten Verm;gen exzentrischer Milliard;re finanziert w;rden. Tats;chlich aber werden sie aus dem gesammelten Reichtum gew;hnlicher B;rger bezahlt, aus ihren Steuern und Schulden. Viele dieser B;rgerinnen und B;rger waren zudem einem Pr;sidenten gefolgt, der im Wahlkampf versprochen hatte, genau solche kostspieligen Abenteuer zu beenden, nur um dann einen Angriff zu beginnen, ohne zuvor die verfassungsm;ssige Zustimmung des Kongresses einzuholen.

Die lange Rechnung

Doch diese verschossenen ersten Milliarden sind nur der Auftakt zu einer langen Kaskade von Kriegsausgaben. Was Regierungen als Milit;rausgaben katalogisieren – Munition, Flugstunden, Treibstoff und taktische Operationen – sind nur Anfangsinvestitionen. Die wahren Kosten des Krieges offenbaren sich erst in der tr;gerischen Stille, nachdem die letzte Explosion verklungen ist. Das «Costs of War»-Projekt der Brown University in Providence, Rhode Island, dessen Berechnungen sowohl von Pr;sident Joe Biden als auch von Donald Trump in Reden zitiert wurden und das 2022 mit dem US Peace Prize ausgezeichnet wurde, dokumentiert seit Jahren diese unbequeme finanzielle Realit;t. Die Forschenden dort verfolgen eine ebenso einfache wie politisch unbequeme Idee: Wer den Preis eines US-Kriegs verstehen will, darf nicht nur das Pentagon-Budget betrachten.

Das wahre Ausmass eines Krieges, so zeigen die Brown-Zahlen, offenbart sich oft erst, nachdem sich die Gener;le zur;ckgezogen haben, um ihre Memoiren zu schreiben. Wenn man Veteranenversorgung, Invalidit;tsleistungen, langfristige milit;rische Pr;senz und die Zinsen auf die Schulden ber;cksichtigt, mit denen diese Kriege finanziert wurden, ver;ndert sich die Rechnung dramatisch. Allein die milit;rischen Kriegsausgaben des Pentagon f;r Afghanistan, Irak und andere Nach-9/11-Operationen belaufen sich laut «Costs of War» allein auf der Seite der USA auf ;ber zwei Billionen Dollar. Rechnet man weitere kriegsbedingte Ausgaben des Bundeshaushalts hinzu, kommt das Projekt auf ;ber 5,8 Billionen Dollar. Einschliesslich zuk;nftiger Verpflichtungen k;nnten sich die Gesamtkosten dieser Kriege auf rund 8 Billionen Dollar belaufen. Gleichzeitig haben diese Konflikte laut dem Projekt bereits etwa 900’000 Menschen das Leben gekostet, je nach Rechnung deutlich mehr. (Der vorliegende Text richtet den Blick jedoch auf eine andere Dimension dieser Bilanz – die finanziellen Kosten f;r die Vereinigten Staaten, w;hrend die Zerst;rungen in den angegriffenen L;ndern sowie die sozialen und ;kologischen Folgen der Kriege zu einem anderen Zeitpunkt beleuchtet werden.)

Krieg im K;rper

Ein besonders grosser Teil dieser Kosten betrifft eine Dimension, die in milit;rischen Erfolgsmeldungen auff;llig fehlt: die gebrochenen K;rper und Seelen, die der Krieg hinterlassen hat, darunter auch jene der Soldatinnen und Soldaten, die diese Kriege gef;hrt haben. Die Harvard-;konomin Linda Bilmes, eine der profiliertesten Forscherinnen zu Kriegskosten, sch;tzt, dass allein die medizinische Versorgung und Unterst;tzungsleistungen f;r Veteranen der Irak- und Afghanistan-Kriege zwischen 2,2 und 2,5 Billionen Dollar bis zum Jahr 2050 kosten werden.

Bilmes zeigt auf, dass der H;hepunkt der Ausgaben f;r die Versorgung von Veteranen nicht mit den Paraden zur Heimkehr erreicht wird, sondern erst Jahrzehnte sp;ter, wenn die psychologischen Wunden des Krieges – insbesondere posttraumatische Belastungsst;rungen – sich in ihrer ganzen Dimension offenbaren.

Studien der RAND Corporation, einem haupts;chlich vom US-Verteidigungsministeriums finanzierten Thinktanks mit Sitz in Santa Monica, der die US-Streitkr;fte ber;t, weisen darauf hin, dass posttraumatische Belastungsst;rungen, Depressionen und traumatische Hirnverletzungen zu den charakteristischen Langzeitfolgen der Nach-9/11-Kriege geh;ren. Allein solche traumatischen Hirnverletzungen betreffen laut einer RAND-Analyse seit Beginn des 21. Jahrhunderts fast eine halbe Million US-Soldaten, Tendenz steigend.

Die fiskalische Dimension dieser Folgen ist enorm. Der Rechnungshof des US-Kongresses berichtet, dass das Veteranenministerium im Fiskaljahr 2025 rund 195 Milliarden Dollar an Invalidit;ts- und Entsch;digungsleistungen an ;ber 6,9 Millionen Veteranen und ihre Familien auszahlte.

771 Milliarden f;r f;nf Konzerne

Nat;rlich gibt es auch Gewinner. Betrachten wir kurz die zynische Arithmetik der modernen Kriegsf;hrung: F;r jeden Dollar, den Amerika f;r die Kunst der Konfliktverh;tung durch Diplomatie ausgibt, fliessen zwei Dollar in die Kassen von H;ndlern, die von der Kriegsf;hrung profitieren. Die Politikanalysten William D. Hartung und Stephen Semler haben berechnet, dass private Unternehmen zwischen 2020 und 2024 Pentagon-Auftr;ge im Wert von 2,4 Billionen Dollar erhielten, rund 54 Prozent der frei verf;gbaren Milit;rausgaben von 4,4 Billionen Dollar in diesem Zeitraum.

Besonders konzentriert ist dieses Geld bei wenigen Konzernen. 771 Milliarden Dollar gingen an nur f;nf R;stungsunternehmen: Lockheed Martin (313 Milliarden), RTX – fr;her Raytheon – (145 Milliarden), Boeing (115 Milliarden), General Dynamics (116 Milliarden) und Northrop Grumman (81 Milliarden). Zum Vergleich: F;r den gesamten Apparat amerikanischer Diplomatie, Entwicklungshilfe und humanit;rer Hilfe – milit;rische Unterst;tzung ausgenommen – gab die US-Regierung im selben Zeitraum 356 Milliarden Dollar aus.

20 Milliarden Zinsen pro Woche

Diese gigantischen Summen werden nicht aus einer gut gef;llten Staatskasse bezahlt. W;hrend amerikanische Bomber Ziele im Iran angreifen, arbeitet im Hintergrund eine stillere Maschine: der Schuldendienst. In den ersten f;nf Monaten des Fiskaljahres 2026 – von Oktober 2025 bis Februar 2026 – zahlte das US-Finanzministerium 433 Milliarden Dollar Zinsen auf die Staatsschulden, mehr als 20 Milliarden Dollar pro Woche, nur um die bestehende Verschuldung zu bedienen.

Die US-Kriegsmaschinerie funktioniert seit Jahrzehnten auf Kredit. Die Vereinigten Staaten haben ihre milit;rischen Interventionen ;berwiegend ;ber Schulden finanziert. Allein f;r die unmittelbaren Kriegskosten wurden rund zwei Billionen Dollar geliehen. Daraus sind bereits enorme Zinskosten entstanden: Bis 2020 waren nach Berechnungen der ;konomin Heidi Peltier vom «Costs of War»-Projekt bereits rund 925 Milliarden Dollar an Zinsen auf diese Kriegsschulden angefallen. Selbst wenn keine neuen Kriege mehr gef;hrt w;rden, w;rden die Zinszahlungen weiter anwachsen und k;nnten laut ihrer Berechnung bis 2050 rund 6,5 Billionen Dollar erreichen.

Historisch ist das keineswegs selbstverst;ndlich. Fr;here amerikanische Kriege wurden zumindest teilweise durch Steuern finanziert: W;hrend des Ersten Weltkriegs deckten Steuererh;hungen rund 30 Prozent der Kosten, im Zweiten Weltkrieg fast die H;lfte, und der Koreakrieg wurde sogar vollst;ndig ;ber Steuern bezahlt. Die Kriege nach dem 11. September hingegen wurden weitgehend ;ber Kredit finanziert. Harvard-;konomin Linda Bilmes nannte sie «Kreditkarten-Kriege».

Weiterf;hrende Informationen
Der internationale R;stungswahnsinn in Zahlen, Infosperber vom 25.5.2025
Kampfjets: 150 Liter Treibstoff pro Minute, Infosperber vom 30.6.2025
Acht Jahre nach Trumps Test der Horrorbombe in Afghanistan, Infosperber vom 31.5.2025
Der Krieg, der die amerikanische Rechte spaltet, Infosperber vom 13.3.2026


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