Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin
Carl August Sandburg (* 6. Januar 1878 in Galesburg in Illinois; † 22. Juli 1967 in Flat Rock, North Carolina) war ein US-amerikanischer Dichter, Romanautor, Journalist und Historiker. Bekanntheit erlangt er durch seine Gedichte und seine Biographie von Abraham Lincoln, f;r die er den Pulitzer-Preis erhielt.
Die Zeile „Sometime they’ll give a war and nobody will come“ (;bersetzt mit: „Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin“), aus seinem Gedicht The People, Yes, wurde insbesondere im deutschsprachigen Raum bekannt.
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ZITATFORSCHUNG
FALSCHZITATE mit Belegen und Kommentaren. Hunderte falsche Zitate, Memes, Kuckuckszitate, Zitatr;tsel, apokryphe, problematische und entstellte Zitate, misquotations, misattributed and fake quotes. (Die Sammlung wird laufend erg;nzt.) Von GERALD KRIEGHOFER.
Freitag, 17. August 2018
"Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin." Bertolt Brecht (angeblich)
Dieser wohl beliebteste Slogan der Friedensbewegung wurde durch einen Artikel der Autorin Charlotte Keyes ab 1966 in Amerika in der Version "Suppose They Gave a War and No One Came" ber;hmt, und kam Ende der 1970er Jahren auch in Deutschland auf, wo er bald irrt;mlich Bertolt Brecht untergeschoben wurde.
Der einflussreiche Sprachkritiker und Sprachstillehrer Wolf Schneider zum Beispiel illustrierte mit diesem amerikanischen Zitat irrt;mlich die Gr;;e von Bertolt Brechts Sprache, "in der gemeisselten Einfachheit, die er an Luther schulte":
2008, Pseudo-Bertolt-Brecht-Zitat:
"Der Dichter Bert Brecht aber hat f;r die deutsche Sprache und durch sie Grosses geleistet: zum einen in der gemeisselten Einfachheit, die er an Luther schulte ('Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin'), zum anderen in der frechen, zynischen Kraft - von der 'Dreigroschenoper' [...] bis zu seinem 'Zweiten Psalm' ".
Wolf Schneider: "Bert Brecht, begnadetes Scheusal", NZZ, 1. Juli 2008 (Link)
Grafik von Johannes Hartmann, Hamburg 1981.
1981 wird diese pazifistische Devise durch die Grafik des Hamburger Designers Johannes Hartmann in ganz Deutschland popul;r, und obwohl Ralf B;low 1983 im 'Sprachdienst', Siegfried Unseld 1991 in einem Leserbrief an die FAZ und schlie;lich Christoph Dr;sser 2002 in der ZEIT-Kolumne "Stimmt's?" und viele andere darauf hinwiesen, dass der Spruch auf den amerikanischen Lyriker Carl Sandburg zur;ckgeht und mit Bertolt Brecht nichts zu tun hat, wird der Slogan auch 2018 noch Bertolt Brecht untergeschoben.
In einer l;ngeren Fassung wurden diesem antimilitaristischen Spruch Zeilen aus einem Gedicht Bertolt Brechts angeh;ngt und der gesamte Text Bertolt Brecht irrt;mlich zugeschrieben.
Pseudo-Bertolt-Brecht-Zitat:
"Stell Dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin. (1)
Dann kommt der Krieg zu Euch! (2)
Wer zu Hause bleibt, wenn der Kampf beginnt, und l;;t andere k;mpfen f;r seine Sache, der mu; sich vorsehen: Denn wer den Kampf nicht geteilt hat, der wird teilen die Niederlage. Nicht einmal Kampf vermeidet, wer den Kampf vermeiden will, denn er wird k;mpfen f;r die Sache des Feindes, wer f;r seine eigene Sache nicht gek;mpft hat." (3)
Weder der erste Satz (1 'Stell dir vor ..') noch der zweite Satz (2 'Dann kommt..') dieses Slogans hat etwas mit Bertolt Brecht zu tun, wobei der zweite Satz v;llig der pazifistischen Aussage des ersten widerspricht.
(1): "Stell Dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin."
Autor: Carl Sandburg, ver;ndert von J. Newman, popularisiert von Charlotte Keyes (Link).
"Suppose They Gave a War and No One Came", war ein Slogan amerikanischer Hippies und Kriegsdienstverweigerer, von denenen einige lieber Jahre im Gef;ngnis verbrachten als im Krieg gegen Vietnam zu k;mpfen.
Charlotte Keyes, die Mutter eines dieser Kriegsdienstverweigerer, hat 1966 den Slogan in einem Artikel ;ber ihren Sohn popul;r gemacht (pdf).
Sie hat den Slogan von dem Ausspruch eines kleinen M;dchens aus einem 300 Seiten langen Gedicht von Carl Sandburg abgeleitet, "Sometime they'll give a war and nobody will come" (Little girl), der ihr durch einen Leserbrief in der Version, "Suppose They Gave a War and No One Came", in Erinnerung gebracht wurde.
Ich folge hier den Recherchen ihres anderen Sohnes, Ralph Keyes, aus seinem Standardwerk "The Quote Verifier: Who Said What, Where, and When" (Link).
1936
"Sometime they’ll give a war and nobody will come.” Carl Sandburg: "The People, Yes" (Link)
1961
"Suppose they gave a war and no one came?” James R. Newman zitiert und ver;ndert Sandburgs Satz in einem Leserbrief an die Washington Post.
1966
"Suppose they gave a war and no one came?” Charlotte E. Keyes zitiert Newmans ver;ndertes Sandburg-Zitat.
1970
"Suppose they gave a war and no one came?” Film von Hy Averback.
1981
"Stell dir vor, es kommt Krieg, und keiner geht hin." Grafik von Johannes Hartmann
(2): Dann kommt der Krieg zu Euch!
Autor: Wahrscheinlich ein unbekannter Schweizer in einer Schweizer Milit;rzeitung.
Diese Satz hebt die antimilitaristische Aussage des ersten Satzes auf.
(3): "Wer zu Hause bleibt, wenn der Kampf beginnt ...."
Autor: Bertolt Brecht
"Wer zu Hause bleibt; wenn der Kampf beginnt
...
Wer zu Hause bleibt, wenn der Kampf beginnt
Und l;;t andere k;mpfen f;r seine Sache
Der mu; sich vorsehen: denn
Wer den Kampf nicht geteilt hat
Der wird teilen die Niederlage.
Nicht einmal den Kampf vermeidet
Wer den Kampf vermeiden will: denn
Es wird k;mpfen f;r die Sache des Feinds
Wer f;r seine eigene Sache nicht gek;mpft hat."
Bertolt Brecht: "Koloman Wallisch Kantate" (Link)
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1968
The Monkees: "Zor and Zam"
by Bill Chadwick and John Chadwick.
."The king of Zor, he called for war
And the king of Zam, he answered.
...
...
Two little kings playing a game.
They gave a war and nobody came."
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Quellen:
Charlotte E. Keyes: "Suppose They Gave a War and No One Came", October 1966 (pdf)
Ralph Keyes: "The Quote Verifier: Who Said What, Where, and When." St. Martin's Griffin, New York: 2006, S. 239 (Link)
Carl Sandburg: The Complete Poems of Carl Sandburg. Revised and Expanded Edition. Introduction by Archibald McLeish. Harcourt, San Diego/ New York/ London: 1970, S. 464 (Link)
Siegfried Unseld: Leserbrief, FAZ 12. M;rz 1991 (Link)
Ralf B;low: "Stell Dir vor, es gibt einen Spruch ...", Der Sprachdienst Jg. 27, 1983, S. 97-100
Christoph Dr;sser: "Stimmt's? Von Brecht? Unvorstellbar." Die ZEIT 31. Januar 2002 (Link)
Johannes Hartmann: "Die r;tselhafte Parole: 'Stell Dir vor, es ist Krieg, und Keiner geht hin'", Der SPIEGEL, EINESTAGES, 6. Februar 2016 (Link)
Bertolt Brecht: "Kolomann Wallisch Kantate" (Link) (Link), in: Bertolt Brecht: Werke. Gro;e kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe, Band 14 (Gedichte 4), Berlin, Weimar und Frankfurt: 1993, S. 262–270, S. 267
Beispiele f;r falsche Zuschreibungen:
2008: Wolf Schneider: "Bert Brecht, begnadetes Scheusal", Neue Z;rcher Zeitung, NZZ, 1. Juli 2008 (Link)
2011: Wolf Schneider:" Deutsch f;r junge Profis: Wie man gut und lebendig schreibt" Rowohlt: 2011, rororo rowohlt digitalbuch (Link)
2018: Frank Schmidt-Wyk: "Politikwissenschaftler Herfried M;nkler: Mehr Besonnenheit im Umgang mit Russland", Interview, "Lampertheimer Zeitung", 31. M;rz 2018 (Link);
2013: unzensuriert.at
Artikel in Arbeit.
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Letzte ;nderungen: 6/1 2022 (neu: NZZ); 19/5 2022.
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ANHANG
Wolf Schneider: "Deutsch f;r junge Profis: Wie man gut und lebendig schreibt" 2011 (Link)
um 08:32
Labels: Brecht, Keyes, Sandburg
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