Berliner Zyklus 2023

Mai-Gedicht Nr. 1

Der Sonntag hat sich rausgeputzt, wie er nur kann,
Die Ausfluegler stroemen aus der Bahn,
Mit Kind und Kegel, Sack und Pack, und schieben ihre Raeder,
So wie sie floss aus Fontanes Feder,
So rollt sich aus die Landschaft der Mark,
Mit Feld und Wald, und Wiesen, und Gewaessern,
Der liebe Gott haett sie gestalten koennen kaum besser,
Der Flieder blueht und duftet opulent und stark
Beschattet von den gruenen Baumkronen,
Beschienen von der goldnen Maiensonne,
Sodass Grossstaedter Ihre Seele baumeln lassen koennen
Inmitten gruen-weiss-lila Wonnen…

Mai-Gedicht Nr. 2

So unberechenbar die S-Bahn in Berlin,
Dem Polizeieinsatz zu Opfer fiel die Fahrt,
Wie komme ich nun nach Gruenau hin? –
Am Suedkreuz stehe ich, vor Schreck erstarrt,
Denn mich lockt Tauts bunte Gartenstadt.
Damit der Traum nicht ins Wasser faellt,
Reise ich erstmal durch die halbe Welt,
Und nehme vom Flughafen einen Bus,
Auf den nun halbe Ewigkeit ich warten muss.
Es kommt mir alles auesserst ungelegen,
Dennoch um eine Loesung nie verlegen,
Ruf an ich die Stattreisen kurzerhand
Und gebe die Verspaetung dort bekannt,
Und stuerz mich atemlos aus dem Bus
Direkt in den Architekturgenuss,
Mit Flieder gruesst uns auch der Falkenberg,
Mit einem Riesenkasten Farben war Taut hier am Werk,
Voll Rostrots, Ockergelbs und Koenigsblaus,
Die Fenster runden sich wie Augen aus,
Vortreppen klettern flink aufs Gelaende,
Erinnert ans Fachwerk so manche Blende,
Und stehn Spalier mit ihren spitzen Zinnen
Aus den Daechern ragende Kamine,
Einfaches Volk hier wohnen durfte wie im Maerchen,
Mit einem eignen Bad, mit einem eignen Gaertchen….

Mai-Gedicht Nr. 3

Der Fruehling ist sehr launisch in Berlin,
Nur kurz verwoehnen uns die Sonnenstrahlen,
An diesem freien Morgen kam mir in den Sinn,
Botanik anzuschauen in Dahlem,
Die ganze Welt die roten Mauern bergen –
Wald Nordamerikas, des Balkans Berge
Und Chinas Steppen, und Sibiriens Wiesen,
Denn Aufklaerung gab hier die Devise:
Zu bilden suchte man das Volk
Auch hier mit mehr oder auch weniger Erfolg.
Ganz ohne einen Flieger nehmen muessen,
Liegt die Erdkugel mir zu Fuessen,
Ich reise um die Welt im Kleinformat,
Vor meinen Augen sich wechseln die Landschaften,
Die nicht der liebe Gott erschaffen hat,
Geschaffen durch die Gaertner, die hier schafften.
Wie Dichtung lesen sich die Pflanzennamen auf Latein,
Schwermuetig blueht die dunkle Iris des Balkans,
Den grauen Fels erklettern bunte Straeucher,
Kleinblueten, blau, weiss und gelb, besprenkeln dunklen Stein,
Vom nahen Teich ertoenen Quack-Geraeusche,
Die Madrigale eines Frosch-Galans.
Nun lauf ich durch den Arzneien-Garten,
Der unterteilt in die Heilkunde-Sparten,
Cicuta, Schlafmohn, Ginster sind darin,
Denn jedes Gift ist auch Medizin.
Ein Kraut findet sich fuer alle Zwecke,
Der liebe Gott erschuf uns eine Apotheke,
Fuer jedes Leiden liegt ein Mittelchen bereit,
Ich finde alte Hausmittel der Kindheit,
Ich wandre durch verschlungene Alleen,
Gr;nt dunkel Farn, rot leuchten Azaleen,
Hell-Sibrig-Rosa bluehen Tamarisken
Mit schwer behaengten puscheligen Rispen.
Un viele sinnlich Eindruecke nun erwarten
Mich in dem Tast- und Duefte-Garten,
Hier darf ich Blatt um Blatt anfassen,
Damit Aromen sich entfalten lassen,
Zwischen den Fingern ich zerreiben kann
Steinkraut, Minze, wilden Thymian.
Und wie die Biene, Honig tragend in die Waben,
Mich am Zitronenkraut laben.
Umwedelt von den hohen Pappelbaeumen,
Vor ihm ein gruener Teppich ausgerollt,
Denn rot-weiss-blau Blumenbeete saeumen,
Ein Glaspalast des Gartens Pracht nun kroenen sollt.
Sich woelbt und bauscht er gleich einem Fischebauch,
Und glaenzt sein Glas gleich silbrigen Fischschuppen auch.


Das April-Gedicht

Die Muehn der Woche hinter mir gelassen,
Durchbricht die Wolken gar ein Sonnenstrahl,
So viel Freizeit vor mir, ich kann’s nicht fassen,
Ich freue mich aufs allererste Mal –
An diesem Morgen so beschwingt wie nie
Ich gehe in die Neue Galerie,
In Van der Rohes Hallen will lustwandeln,
Und mit der Kunst der wilden Zwanziger anbandeln,
Der Wind fegt durch die Strassen, kalt und rau,
Der Himmel winterlich, die Wolken grau,
Doch vor Vorfreude schmilzt mein Herz und taut,
Ein schoenes Heim hat Mies der Kunst erbaut.
Das Auge weiss nicht, wie alles aufnehmen!
So viele Farben, Formen und Gestalten stuerzen auf mich ein,
Hier stacken Kirchners eckige Weiber mir entgegen,
Da drueben faellt der Eifelturm gleich in den Saal hinein,
Hier drehen, wenden sich und tanzen die Skulpturen,
Dort an de Wand unendlich mehren sich kubistische Figuren,
Aus der Leinwand Licht und Gekreisch der Strassenbahn,
Die Menschen taumeln, die Haeuser stuerzen,
In grellen Farben tobt der Grossstadt-Wahn,
Im naechsten Raum Geometrien purzeln,
Und schlagen auch Rad mit viel Elan,
Unter den schwebenden Pagoden ess ich Kaesekuchen,
Mit Blaubeeren, New York Style,
Und zarter schmelzend koennte er nicht sein,
Doch je ber den Kaffeepreis muss ich fluchen,
Ganz schwindlig wird es mir, befuerchte ich, gleich, weil
Die psychedelischen Tapeten zoomen rein,
Und sich entfernen, kommen wieder naeher,
Als wollten sie mir meinen Kopf verdrehen,
Man atmet Kunst, nimmt in der Kunst ein Bad…

Das Februar-Gedicht

Berlin ist sicherlich kein Ort zum Sich-Langweilen,
An jeder Strassenecke koennte ich verweilen,
Und mir anschauen jeden Stein,
Nein, nein,
Ich fuehle mich gar nicht allein,
Doch wuerde ich gern die Augenweiden teilen,
Mit einem oder einer,
Der/die darauf sich versteht,
Des gleichen Schrittes mit mir geht,
Und Gleiches laesst sie lachen oder weinen,
Genau da, wo mir, Ihm/ihr der Atem stockt,
Und Gleiches sie aus der Reserve lockt.
Ach, waere’s eine Wonne…
Doch komme ich prima aus ohne,
Ich bin mir selbst der beste Gespraechspartner,
So muss ich nicht auf Gleichgesinnte warten,
Ich bin mir selbst der beste Compagnon,
Ich selbst auf meinem hohen goldnen Thron,
Gesetze meines Lebens kann diktieren,
Und auch in den andren Welten schwirren,
Ich lasse mich gar nicht beirren,
Es laesst sich bestens mit mir selbst parlieren,
Und in dem Grossstadtgewirr verlieren,
In einen gelben Doppeldecker steigen,
Und Haeuser tanzen kunterbunte Reigen,
Und ihre Fenster blinzeln einem zu,
In meinem Herzen – herrliche Unruh:
Was mag noch alles auf mich warten-
Denn tausend Blumen bluehn in diesem Tausend-Welten-Garten,
So viele, wie zu pfluecken ich bereit.
Ich schau nicht zu der verschlossenen Tuer,
Im tiefen Grunde bin ich Frohnatur,
Und die Musik des Lebens spielen soll
Mir in beschwingtem Dur,
Und nicht in traurigem Moll,
Meine Berliner Symphonie
Erklingen soll so bravuroes wie nie…


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