Pilgerschritt

Pilgerschritt

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Als Pilgerschritt wird in der Tanzliteratur gelegentlich eine Schrittfolge bezeichnet, bei der nach mehreren Schritten vorwaerts ein oder zwei Schritte zurueck gemacht werden. Auch im Meditativen Tanz sind Schrittfolgen unter diesem Namen bekannt.

Der Ausdruck Pilgerschritt im Sinne von „zwei Schritte vor, einen Schritt zurueck“ findet – oft sarkastisch – Verwendung im Zusammenhang mit Prozessen, bei denen der Fortschritt immer wieder durch (teils nur vermeintliche) Rueckschritte unterbrochen wird. Im uebertragenen Sinne werden damit auch bestimmte technische Verfahren beim Walzen von Stahl sowie im Tiefbau bezeichnet, bei denen mit Vor- und Rueckwaertsbewegungen gearbeitet wird, die Pilgerschrittverfahren.


Herkunft des Begriffs
Der „Pilgerschritt“ wird auf die Echternacher Springprozession zurueckgefuehrt, bei der angeblich zwei Schritte vor und einer zurueck gemacht wuerden. Der Begriff wurde offenbar von Beobachtern der Prozession gepraegt – so etwa dem Ingenieur Franz Reuleaux mit dem auf ihn zurueckgefuehrten „Pilgerschrittverfahren“ – und entwickelte sich zu einem beliebten Klischee. Er entspricht keinesfalls der heutigen Praxis des bei der Prozession geuebten rituellen Springtanzes, bei dem nur vorwaerts gesprungen wird, und zwar einen Schritt seitlich nach links, dann einen Schritt seitlich nach rechts. Eine alte Bezeichnung dafue war tripudium „Dreisprung“, „dreischrittiger Tanz“; der Begriff „Pilgerschritt“ war und ist dabei nicht ueblich, zumal die Teilnehmer an der Prozession eher als Wallfahrer denn als Pilger anzusprechen sind.


Bereits der Duesseldorfer Pfarrer Anton Joseph Binterim lehnte 1848 solche in der ihm vorliegenden Literatur beschriebenen Schrittfolgen (3 vor, 2 zurueck oder 3 vor, 1 zuruek oder 2 vor, 1 zurueck) ab; er selber habe in Echternach beobachtet, dass die „Springer“ sich fortbewegten, indem sie drei oder vier Schritte nach rechts und dann ebenso viele nach links machten, aber dabei nicht zuruek spraengen; der Eindruck des Zurueckspringens entstehe hoehstens bei Stauungen der Prozession, wenn eine Menschenmenge das Voranschreiten verhindere.

Curt Sachs will alte Urspruenge des Tanzschrittes „im Roroimagebiet nach des Orinoco“, in Nordamerika, Indonesien, Indien und Daenemark ausmachen, ohne sie jedoch zu datieren, ferner in Pavanen des 16. und 17. Jahrhunderts und in der Neuzeit „im suedarabischen Sibwanatanz“. Sachs’ Deutung des Echternacher Pilgerschritts, nach der sich die Prozession „muehselig den Gebeinen des heiligen Willibrord naehert und sie umkreist“, erscheint genauso willkuerlich wie seine Behauptung, auch in anderen katholischen Prozessionen gingen „die weihrauchschwingenden Ministranten vielfach nach einem bestimmten, immer wiederkehrenden Schrittschema.“


Pilgerschritt bei Goethe
Johann Wolfgang von Goethe verwendet den Begriff in der Bedeutung des normalen Gehens eines Pilgers:

„Entsagung heiligt Kriegs- und Pilgerschritt
Sie treibt’s zu leiden weil der Hoechste litt.“

– J. W. von Goethe, Prolog zur Er;ffnung des Berliner Theaters im Mai 1821


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