***

einem die Bruecke treten
 
 

Von der Bruecke zum Burgfrieden
 
Das alles ist so bekannt wie selbstverst;ndlich – Bruecken sind fester Teil unseres Sprachgebrauchs. Interessant wird es bei unbekannteren, ;lteren Redewendungen, die sich uns heute nicht sofort erschliessen.
 
Was meint der Ausdruck „Einem die Bruecke treten“?

Es ist das Angebot, jemandem Hilfe zukommen zu lassen. Genauer gesagt: Einem Menschen, der bedraengt oder verfolgt wird, Schutz zu gewaehren und zu seinen Gunsten zu handeln.
 
Diese Redewendung fuehrt zurueck auf die Fall- oder Zugbruecke. Nach Lutz Roehrich ("Lexikon der sprichwoertlichen Redensarten", Band 1, S. 267, 1994) lag Bruecke so berechnet im Gleichgewicht, dass ein nur geringer Kraftaufwand ausreichte, um sie zu bewegen.
 
Mit einem Tritt auf das Gegengewicht oder die Bruecke selbst konnte der Waechter an der Bruecke und dem Burg- oder Stadttor, dem Bedraengten die Bruecke herablassen und damit Eingang und Sicherheit in die Burg (Burgfrieden) verschaffen.
 
 
 ***

 
eine Br;cke schlagen

eine Verbindung herstellen S
Kontakte kn;pfen S

(Buchtitel:) "Praktikum - eine Br;cke schlagen zwischen Wissenschaft und Beruf"; "So schl;gt BurdaNews eine Br;cke zu Werbekunden"; "Unter dem Motto 'Zwischen Himmel und Erde sollte das Konzert in der Niedersteinbacher Kirche eine Br;cke schlagen zwischen geistlicher und weltlicher Chorliteratur"; "Die Zusammenarbeit schl;gt eine Br;cke zwischen medizinischer und naturwissenschaftlicher Forschung"; "Die Technische Universit;t schl;gt eine Br;cke nach Shanghai"; "Wir wollen eine Br;cke vom Kapitalmarkt zur Startup-Szene schlagen" Die Redewendung ist eine Variante von "Br;cken / eine Br;cke bauen zwischen etwas". Die Verwendung des Wortes "schlagen" f;r "bauen" erkl;rt Adelung so, dass die Handlung "ein h;ufiges Schlagen" erfordert

***
Br;cken / eine Br;cke bauen zwischen etwas
einen Kontakt / Zusammenarbeit herstellen; in Verbindung treten S

"Wir wollen ;ber die Generationen hinweg in Kontakt, Austausch und Diskussion kommen. Damit unser Zentrum Begegnungen schafft und Br;cken baut zwischen m;glichst vielen Menschen, die sich mit ihren unterschiedlicher Lebenserfahrungen gegenseitig bereichern k;nnen"; "Realschulleiter Ansgar Leder will den Sch;leraustausch auf jeden Fall weiter vorantreiben und auf eine stabile Basis stellen. 'Auf diese Weise sollen viele kleine Br;cken zwischen unseren L;ndern entstehen"; "Mit seinen Filmen will Nino Jacusso jedoch nicht nur Preise gewinnen und das Publikum unterhalten. Er hat eine Botschaft. Jacusso will zwischen den Kulturen Br;cken bauen"; "Ziel der Schlichtung ist, zwischen den Streitenden eine Br;cke zu bauen, auf der die Streitenden sich entgegenkommen, wenn der Konflikt zu einem Graben geworden ist, den die Streitenden allein nicht ;berwinden k;nnen"; "'Es sind die gemeinsamen ;berzeugungen, die zwischen unseren L;ndern eine Br;cke bauen', fasste Bundespr;sident Joachim Gauck seine Rede anl;sslich des Deutschlandbesuches der costa-ricanischen Staatspr;sidentin Laura Chinchilla Miranda im Mai 2012 zusammen" Die Metaphorik ist leicht nachzuvollziehen: Durch den Bau einer Br;cke werden nicht nur zwei Ufer, sondern auch Menschen miteinander verbunden. Dieses Bildfeld findet sich in vielen sprachlichen Ausdr;cken wieder. So sprechen wir im ;bertragenen Sinn h;ufig von einer "Kluft" zwischen zwei Personen oder unterschiedlichen Meinungen, weshalb man "aufeinander zugehen" sollte. Wir sagen auch: "Uns trennen Welten" und h;lt Meinungsunterschiede f;r "un;berbr;ckbar".

***

jemandem eine goldene Br;cke / goldene Br;cken bauen

jemandem das Nachgeben / Einlenken erleichtern; einen Ausweg aufzeigen; Zugest;ndnisse
 
 
 
***
 

Einem die Br;cke treten. Ein kurzer Streifzug durch die Kultur der Br;cken
Br;cken sind mehr als nur ein Teil unserer Infrastruktur und mehr als eine funktionale Verbindung. Sie sind auch: Symbole und Metaphern. Ein (unvollst;ndiger) Blick auf die Kultur der Br;cken (Teil 5 der Serie).

Gleichg;ltig lassen sie einen nicht
Staunend stehen wir auf Br;cken oder vor ihnen. Vielleicht sind wir verzaubert, vielleicht auch ehrf;rchtig gebannt von diesen im wahrsten Sinne des Wortes herausragenden Bauwerken. Und doch gibt es noch eine andere Ebene als die der Ingenieurbaukunst, denn Br;cken sind kulturelle Symbole.
Verbinden und Trennen manifestiert sich in ihnen. Br;cken erschlie;en neue R;ume, im geografischen wie ;bertragenen Sinne, sie erm;glichen Austausch und Handel. Dar;ber hinaus sind Br;cken auch Zwischenr;ume und Schwellen des ;bergangs. Im Sinne eines Uferwechsels bieten die Bauwerke die Gelegenheit, die Perspektive zu wechseln und einen neuen Blickwinkel einzunehmen.
Menschen bauen Wege und Verbindungen
Als Teil des Wege-, Stra;en- und letztlich Verkehrsnetzes spielen Br;cken eine besondere Rolle. „Der Wegebau ist sozusagen eine spezifisch menschliche Leistung“, schreibt der deutsche Philosoph und Soziologe Georg Simmel in dem Essay „Br;cke und T;r“ (1909). Er sieht auch Tiere in der Lage, etwas zu ;berwinden und Wege zu bauen, ordnet diese F;higkeit aber qualitativ der des Menschen unter. Simmel stellt dar;ber hinaus fest: „Im Bau der Br;cke gewinnt diese Leistung ihren H;hepunkt.“ Hier wird das Bauwerk gar zum anthropologischen Ausdruck des Menschen.
Popul;res Motiv in K;nsten und Kulturen
Dieses Widerlager im Anthropologischen macht Br;cken popul;r. So sehr, dass sie offensichtliches Motiv sind in vielen Spielarten und Genres der europ;ischen Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts. In der Malerei ist sie sogar titelgebend f;r die expressionistische K;nstlergruppe „Die Br;cke“, die den Perspektivwechsel und den Aufbruch zu neuen Ufern in sich tr;gt. Als wiederkehrender Gegenstand taucht sie in den Werken Claude Monets auf. Und der Maler Lyonel Feininger zum Beispiel z;hlte Br;cken zu seinen Lieblingsobjekten.
Aber auch jenseits von Europa spielen Br;cken eine wichtige Rolle in der Kunst, sind sie doch fester Bestandteil in der asiatischen und ostasiatischen Kultur, genauer gesagt in der chinesischen und japanischen Landschaftsmalerei. (In den japanischen Haikus geh;ren sie ebenfalls oft zur Szenerie.)
Br;cken sind einerseits ein l;ndliches Thema, andererseits im Zuge der Industrialisierung auch ein zunehmend st;dtisch-urbanes. So stellen sie in M;rchen oft einen Schauplatz des Geschehens dar und sind dort eher situativ eingesetzt. Bekannt sind zum Beispiel die Figuren Max und Moritz, die "(...) voller T;cke, In die Br;cke eine L;cke" s;gen.
In der Figur des Br;ckentrolls tauchen sie in Sagen auf. Darin bewacht der Troll den ;bergang: Nur gegen eine Zollabgabe r;umt den Weg frei. Oder es hilft eine List… Hier wird deutlich, wie sehr die Br;cke im (mythischen) Volksglauben verankert ist.

;ber den Einsatz als Situation oder Szenerie hinaus geht etwa Theodor Fontane. In seiner Ballade "Die Br;ck’ am Tay" (1879) setzt er sich kritisch mit dem menschlichen Glauben an Fortschritt und Technik auseinander. Das Bauwerk fungiert in diesem Gedicht einerseits als Zeugnis des Glaubens in diese neuen Technik, in neue Materialien und Baustoffe, die w;hrend der industriellen Revolution entdeckt und entwickelt worden sind. Andererseits verarbeitet Fontane darin den Zugunfall, als der Zug aus Edingburgh Fluss st;rzte, weil der Mittelteil der Br;cke zusammenbrach, wie das Foto der Library of Scotland zeigt.

Die Auseinandersetzung mit Br;cken bleibt aber nicht auf die traditionellen Kunstformen beschr;nkt, vielmehr sind diese Ausgangspunkt - als Motiv verbreiten sie sich weit dar;ber hinaus. Erst recht als der Br;ckenbau im 19. Jahrhundert Fahrt aufnimmt und die Konstruktionen allt;glicher erscheinen.
Br;cken sehen und h;ren

Auch in der Popkultur der zweiten H;lfte des 20. Jahrhunderts sind Br;cken nicht zu ;bersehen und nicht zu ;berh;ren. Schnell st;;t man auf das Motiv – ob direkt im Titel oder, weil sie in der Handlung eine Rolle spielt. Namengebende Beispiele sind die Filme „Br;cke am Kwai“ (David Lean, 1957) oder „Die Br;cke von Remagen“ (John Guillermin, 1969), in der Popmusik: “Bridge Over Troubled Water” (Simon & Garfunkel, 1970), „;ber sieben Br;cken mu;t du gehen“ (Karat, 1978) oder “Under The Bridge” (Red Hot Chili Peppers, 1991).

In den genannten Filmen spielt die Br;cke vorrangig eine strategische und milit;rische Rolle und ist wichtig f;r die Bewegungen von Mensch und Maschine. Dar;ber hinaus wird sie am Beispiel „Der Br;cke am Kwai“ aber auch zum Symbol des Widerstands und des Humanismus. Hier ein kurzer Ausschnitt:
https://youtu.be/EroUGfpeGZE?t=2m50s
In den Songs wird die Br;cke als Beschreibung eingesetzt, etwa f;r einen Ort oder einen ;bergang. Simon & Garfunkel setzen sie als Vergleich ein: Das lyrische Ich ist der Garant f;r Schutz:
Like a bridge over troubled water, I will lay me down
https://www.youtube.com/watch?v=RbVJ08jkU10
Im Lied der Red Hot Chili Peppers ist sie (Aufenthalts-)Ort und Teil der Stadt Los Angeles, mit Bezug zur Drogensucht von S;nger Anthony Kiedis:
(under the bridge downtown)
Is where I drew some blood
(under the bridge downtown)
I could not get enough
https://www.youtube.com/watch?v=lwlogyj7nFE
Konstruieren, dekonstruieren - ;ber Br;cken sprechen
Deutlich wird an der Symbolik in Film und Musik, dass Br;cken eng mit Sprache verbunden sind. Wie tief sie kulturell verwurzelt sind, zeigt ein Blick auf die deutsche Wortbedeutung. Das Wort Br;cke bezeichnet ein „;ber einen Wasserlauf oder einen Einschnitt im Gel;nde f;hrendes Bauwerk“ ("Etymologisches W;rterbuch des Deutschen", S. 174, M;nchen 1997) und stammt aus althochdeutschen brugga (Br;cke, Bretterboden) aus dem 8. Jahrhundert.

Entsprechend gel;ufig sind Redewendungen. Ob nun der Papst als oberster „Br;ckenbauer“ Pontifex Maximus genannt wird (abgeleitete von dem lateinischen pons – Br;cke) oder ob die Phrase „unter der Br;cke schlafen“ Menschen ohne Obdach meint, Br;cken sind selbstverst;ndlicher Teil unserer Sprache im direkten wie ;bertragenen Sinn. So ist von „;berbr;cken“ die Rede, wenn man eine ;bergangsl;sung braucht. „Er baut einem andern eine Br;cke“ ist daran anschlie;end eine ebenfalls sehr oft genutzte Wendung und bedeutet: Er kommt dem anderen entgegen, unterst;tzt ihn und hilft. Und wer gedanklich eine Br;cke schl;gt, verbindet Ideen miteinander.
Anders herum geht es nat;rlich auch, indem man „die Br;cken abbricht“ und alle bisherigen Verbindungen kappt – pers;nlich und emotional, sozial oder auch kommunikativ-technisch. Wer die Br;cke abbricht, l;sst die Vergangenheit hinter sich und f;ngt neu an.

Von der Br;cke zum Burgfrieden

Das alles ist so bekannt wie selbstverst;ndlich – Br;cken sind fester Teil unseres Sprachgebrauchs. Interessant wird es bei unbekannteren, ;lteren Redewendungen, die sich uns heute nicht sofort erschlie;en. Was meint der Ausdruck „Einem die Br;cke treten“? Es ist das Angebot, jemandem Hilfe zukommen zu lassen. Genauer gesagt: Einem Menschen, der bedr;ngt oder verfolgt wird, Schutz zu gew;hren und zu seinen Gunsten zu handeln.

Diese Redewendung f;hrt zur;ck auf die Fall- oder Zugbr;cke. Nach Lutz R;hrich ("Lexikon der sprichw;rtlichen Redensarten", Band 1, S. 267, 1994) lag Br;cke so berechnet im Gleichgewicht, dass ein nur geringer Kraftaufwand ausreichte, um sie zu bewegen. Mit einem Tritt auf das Gegengewicht oder die Br;cke selbst konnte der W;chter an der Br;cke und dem Burg- oder Stadttor, dem Bedr;ngten die Br;cke herablassen und damit Eingang und Sicherheit in die Burg (Burgfrieden) verschaffen.

Faszination der Br;cken
 

An diesem Beispiel verbindet sich eindr;cklich die bauliche Bedeutung von Br;cken mit der kulturhistorischen. Ihre allt;gliche und unmittelbare Funktion im Leben der Menschen spielte (und spielt heute noch) eine wichtige Rolle. Das f;hrt uns zur Frage: Warum faszinieren uns Br;cken so sehr? Und warum haben sie sich so in unsere Kultur eingepr;gt?
Zun;chst einmal sind Br;cken funktionale Zeichen, durch ihre Gr;;e und Architektur von weither sichtbar und erkennbar. Sie heben sich von der Landschaft ab, erscheinen als Landmarke, sind ein topografisches Objekt. Dadurch bieten sie dem Menschen Orientierung. Au;erdem sind sie inzwischen nicht nur Gegenstand von Ingenieuren, auch K;nstler setzen sich mit den Bauwerken (und nicht nur als Motiv) auseinander. Wie zum Beispiel die Br;cke „Slinky Springs To Fame“ des Frankfurter K;nstlers Tobias Rehberger im Kaisergarten in Oberhausen (siehe Titelfoto), die selbst zu Kunst wird.
In der Diskussion ;ber Br;cken taucht ein Thema immer wieder auf: Verbinden sie Landschaftsr;ume oder zerst;ren sie Landschaft, bleiben Bauwerk und Natur getrennt? Aus diesen gegens;tzlichen Positionen formiert sich eine Art dritter Weg: Danach gelingt es den Ingenieuren, die Br;cken mit der Landschaft zu verbinden - unter Ber;cksichtigung von Material, Technik, Form, Lage- und Raumsituation, des Gel;ndes sowie Bewuchs und Gew;ssers.

Durch den Raum ausbreiten
Ein weiterer Grund f;r die Anziehungskraft liegt in den Br;cken der Superlative, die Ingenieure heutzutage errichten. Mittels der Nutzung der Statik, computerberechneten Modellen, der Entwicklungen von leistungsf;higeren Materialien sind Konstruktionen m;glich, die den Betrachtern manchmal fast unm;glich erscheinen: Die neuesten Br;cken brechen weltweit Rekorde f;r Spannweiten, L;ngen und H;hen.
Neben der zunehmenden herausragenden Sichtbarkeit von Br;cken, die im 20. und 21. Jahrhundert in signature bridges bestimmter Ingenieure m;ndete, begr;ndet sich ihre Wirkung sicherlich auch noch in etwas anderem. Der Mensch trotzt durch sie und mit ihnen tiefen Abgr;nden und rei;enden Fl;ssen, er verk;rzt Wege, ver;ndert Landschaft und schafft sogar neue Landschaftsr;ume. Mit R;ckgriff auf Georg Simmel „symbolisiert die Br;cke die Ausbreitung unserer Willenssph;re ;ber den Raum".


Рецензии