Kurzgeschichte - Die Frau auf dem Friedhof

Thema: Trauer
 
Ich wohne direkt am Friedhof und ab und zu treibt mich ein fast magischer Zwang zu einem Gang ьber die Staette der „Ewigen Ruhe“

Bei jedem oder besser bei fast jedem Besuch sehe ich sie.
Fast scheint es mir als waere sie ein Stueck, ein Stueck Friedhof, wie die Baeume, die Straeucher oder die Blumen. Sie ist da, so natuerlich und selbstverstaendlich wie die Baenke, wie die Graeber, sie, die ich oft, besser fast immer antreffe, wenn ich hier bin.

Sie ist nicht mehr jung, aber auch nicht alt, ihre grauen Haare traegt sie mit Wuerde, mit der Wuerde eines Menschen, der auf ein arbeitsreiches, erfuelltes Leben zurueckblicken kann. Es scheint mir, als wuerde sie den Rest ihres Lebens, hier am Ort des Lebensendes verbringen wollen.
Fast zaertlich mit sanften Bewegungen bearbeitet, nein pflegt sie den Boden, als wuerde sie glauben ihre Bewegungen werden durch den Boden in die Tiefe dringen.

Wenn sie Stueck fьr Stueck die Blaetter oder abgestorbene Pflanzenreste entfernt, meine ich manchmal
ein Laecheln zu erkennen. Ganz klar erkennt man aber die Bewegungen ihrer Lippen, Lippen im Zwiegespraech mit dem Jenseits, im Zwiegespraech mit der Vergangenheit und der Zukunft.

Diese Frau und ihr Stueck, nicht Erde oder Grabstaette, nein ihr Stueck Vergangenheit, die hier schon im Boden ruht, was mag sie denken? Es scheint, als wuerde sie nur noch leben um ihre Zeit hier zu verbringen, zu verbringen um Vergangenes zu beschuetzen und mit jeder Bewegung mit der sie die schwarze Erde pflegt, eine Blume pflanzt, scheint es als wenn sie fester, inniger umarmt, was sie eigentlich loslassen sollte.

Immer wenn ich sie sehe, sehe ich die Leichtigkeit ihrer Bewegungen, sehe ich etwas das nichts mehr mit Trauer zu tun hat. Sie strahlt eine innere Ruhe und eine tiefe Verbundenheit aus, eine Verbundenheit mit der Schoepfung, der Schoepfung aus der sie Lebenskraefte zu schoepfen scheint.
Oft wenn ich sie sehe, verspuere ich tief in mir den Wunsch mit ihr zu sprechen, ueber ihre Gedanken, ihre Gefuehle, denn eines scheint sicher, sie koennte mir neue Perspektiven, neue Blicke auf mein Leben geben. In all unserer Schnelllebigkeit und Oberflaechlichkeit erscheint sie wie die Mitte.
Mitte?, wie das Zentrum der Ruhe und Ausgeglichenheit von dem wir uns mit jedem Tag weiter entfernen, bis auf die wenigen die den Verlockungen widerstanden haben und die immer noch in diesem Zentrum, in ihrer und aus ihrer Mitte leben. 
 
 


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Очень Строгий Критик   06.05.2009 04:11     Заявить о нарушении